A Universe Beyond

Ein wahrhaft außerirdisches Instrument hat Jeremy mehrfach das Leben gerettet. Heute führt er mit seiner Musik Millionen von Menschen auf dieselbe Weise in ein jenseitiges Universum.

Jeremy wurde gerettet. Er verdankt sein Leben einem Instrument. Einem Instrument, das an ein Ufo erinnert und klingt, als käme es tatsächlich von einem anderen Stern.

Aber von vorn. Jeremy ist Musiker, sein ganzes Leben schon lebt er in Paris. Die Stadt, die er über alles liebt und gleichzeitig verflucht. Seine Mutter eine Pariserin, sein Vater aus dem Iran wollten, dass ihr Sohn ein Instrument lernt.

Mit sieben Jahren begann Jeremy auf einer billigen Plastikflöte zu spielen. Seine Lehrer staunten nicht schlecht, als sie sahen, was der Siebenjährige mit diesem simplen Instrument in kurzer Zeit spielen konnte.

Schnell wurde er gefördert. Und schnell reifte in ihm die Gewissheit - ein Künstler wollte er sein.

Die entbehrungsreiche Welt der klassischen Musik

Seine Plastikflöte tauschte er rasch gegen eine echte Querflöte ein. Stunden, Tage, Jahre gab er sich dem Studium der Musik hin. Übte wie ein Besessener. Bis in die Tiefen der klassischen Musikwelt drang er vor. Mozart, Chopin, Dvorak.

Er spielte, was die Genies und Stars vergangener Jahrhunderte entwickelt hatten. In dieser Welt wollte er reüssieren, sie zu durchdringen und nach den Regeln ihrer Kunst zu spielen, war seine Mission.

Aber je mehr er zu versuchte verstehen, umso trister wurde sein Spiel. Leblos, gefühllos, theoretisch und kalt. Was er spielte, war keine Kunst mehr, es war vertonte Theorie.

Neuanfang

Mit 18 hatte er genug vom Flöten und klassischer Musik. Er lernte verschiedene Instrumente, Gitarre, Schlagzeug selbst Gospel sang er für eine Zeit.

Er spielte in den Bars, Clubs und Straßen von Paris. „Der schlechtesten Stadt, um Musiker zu werden“, wie Jeremy sagt. Das Angebot an Musikern für die Veranstalter so groß, dass diese zum Teil auf ihre Gagen verzichten, nur, um in der Stadt der Liebe einen Auftritt vorweisen zu können.

Er lebte von Auftritt zu Auftritt. Besonders im Winter quälten ihn Sorgen. Es gab kaum Möglichkeiten, vor Publikum zu spielen. Manchmal hatte er Probleme die Miete für den nächsten Monat aufzubringen. Die Pariser Preise… In der Zwischenzeit hatte er Verantwortung für zwei Söhne.

Mit Ende dreißig sah er keinen Ausweg mehr. Der Kampf um die eigene Existenz, der Berg an musikalischer Theorie und die herzlose Pariser Musikszene hatten ihn ausgesaugt. Das letzte bisschen musikalischer Unbeschwertheit in ihm verstummen lassen. Seine Musik glich einer Show in einem leeren Opernsaal, verkompliziert, technisch, zerspielt.

Das Ende des Künstlerweges

Er hatte sich entschieden: Er würde aufhören. Der Weg des Künstlers - seines eigenen Künstlers - er würde hier enden. Gescheitert an jahrhunderteschwerer Last musikalischer Regeln und einer französischen Gesellschaft, die der Kunst nur noch frönte, wenn sie kostenlos war.

Nicht nur sein Geist war erschöpft, seine Seele leergespielt, auch sein Körper konnte nicht mehr. Er fühlte eine Enge in seiner Brust. Die Musik, die sein Herz einst höher hatte schlagen lassen, hatte es an den Rand der Erschöpfung gebracht. Noch wusste er nicht warum, medizinisch gab es keinen Anlass zur Sorge. Doch Jeremy spürte, dass etwas nicht stimmte.

Zunächst kämpfte er aber mit einem ganz anderes Problem. Wovon sollte er zukünftig leben, wie seine Familie ernähren?

Neue Klänge

Es war November, grau und kalt, die mageren Monate für Musiker standen bevor. Jeremy hatte bereits begonnen, die Stellenanzeigen der Pariser Zeitungen zu studieren, als es plötzlich an seiner Haustür klingelte. Es war ein alter Freund. Er wusste, wie es um Jeremy und sein Künstlerdasein bestellt war. Etwas geheimnisvoll bedeutete er ihm, dass er ihm etwas zeigen wolle.

Sie setzten sich in Jeremys Wohnzimmer auf die Couch. Sein Freund bat ihn, die Augen zu schließen. Nach einem kurzen Moment der Stille strömte eine leise Melodie in Jeremys Ohren. Es waren fünf Töne in derselben Reihenfolge wieder und wieder gespielt. Das Niveau eines Blockflötenstücks allererster Stunde.

Und doch so berührend, dass er vor seinem inneren Auge in eine neue Welt schwebte. Eine Welt aus Harmonie, Frieden und Liebe. Er dachte an nichts mehr. Das einzige, das er wahrnahm, war eine wohlige Wärme, die sanft in sein Herz eindrang.

Rückkehr einer Leidenschaft

Mithilfe seines Freundes spielte er die ersten Töne auf diesem wahrhaft außerirdischen Instrument. Eine Handpan, wie dieser ihn aufklärte.

Mit jedem Ton, den er spielte, fühlte Jeremy, wie Kraft zurück in seine Muskeln strömte, sein Herz anfing, rhythmisch zu schlagen, Lust und Leidenschaft seine Seele erblühen ließen.

Er war sich sicher, er brauchte dieses Instrument. Koste es, was es wolle. Es ging nicht um Musik, es ging um mehr. Um Heilung, Lebendigkeit, um Freiheit.

Neuanfang

Er kaufte seine erste Handpan. Tagelang spielte er. Ohne Vorgaben oder Regeln. Ohne nachzudenken flossen die Töne aus ihm heraus, verschmolzen zu Melodien, zu einem ganzen Lied und ehe er sich versah, hatte er ein ganzes Album geschaffen. Er nannte es „Life Equinox“.

Melodien, die aus den Tiefen seines heilenden Herzens sprachen, gefühlter Klang, kein einziger Gedanke an Theorie.

Jeremy begann, was er schon längst abgeschrieben hatte. Er kehrte zurück auf die Straßen von Paris, spielte an den Ufern der Seine. Wie er bei seiner ersten Begegnung mit der Handpan waren die Menschen wie verzaubert, wenn sie seiner Musik lauschten.

Manche schlossen die Augen und begannen zu träumen, andere weinten, weil auch in ihnen etwas begann zu heilen. Und wieder andere tanzten. Noch Jahre später erinnert sich Jeremy an die 80-jährige Dame, die mitten im Winter ihren Mantel ablegte und tanzte als wäre sie nicht 80 sondern 18.

Der wahre Künstler

In diesen Momenten wusste er wieder, warum er Musik machte, was es wirklich bedeutete ein Künstler zu sein…

Ein Künstler war nicht, wer den strengen Regime der klassischen Musik folgte, ein Künstler war, wer in die Herzen der Menschen vordrang. Hier war er und genau hier gehörte er hin.

Einige Jahre später jedoch fühlte er erneut jenes dumpfe Klemmen in seiner Brust. Sein Herz kämpfte noch immer mit den Folgen seines entbehrungsreichen musikalischen Überlebenskampfes. Erneut suchte er ärztlichen Rat. Doch kein Arzt, kein Herzspezialist konnte sich erklären, was in Jeremys Herzen vor sich ging. Mit jeder Untersuchung wurde es schwächer und schwächer. Kraftlos und kalt. Keine Therapie zeigte Wirkung.

Mit dem Herzen zurück in die Freiheit

Erneut war es sein Freund, der ihn in dieser Zeit regelmäßig besuchte. Und wieder brachte er eines tristen Tages das Musikinstrument mit sich, das Jeremys Leben schon einmal auf wundersame Weise gerettet hatte. Gemeinsam spielten sie, was die Stimmen ihres Herzens ihnen in diesem Moment zuflüsterten.

Jeremy erkannte, wie er wieder in alte Muster zurückgefallen war. Erneut hatte er seine Freiheit verloren. Sein Herz war gefangen. Gefangen in einem selbsterbauten Gefängnis musikalischer Regeln und Normen.

Doch nun spielte er wieder. Ohne Regeln, ohne Vorschriften. Frei und unbeschwert bahnten sich die Töne ihren Weg aus seinem Herzen. Er konnte loslassen.

Heilende Klänge

Er fühlte es, in den wenigen Augenblicken dieser Melodien heilte seine Herz schneller, als mit all den pharmazeutischen Erzeugnissen, die er bereits über Monate und zum Preis unzähliger Nebenwirkungen nahm.

Bei der nächsten Untersuchung sahen Jeremys Ärzte bereits, dass sein Herz sich erholt hatte. Langsam kehrten Wärme und Kraft zurück. Es schlug wieder schneller und im Rhythmus des Lebens.

Erneut begann Jeremy sich freien Herzens seiner Musik zu widmen. Er spielte, jammte und komponierte. Und erneut war ein neues Album entstanden. Er gab ihm den Namen „A Universe Beyond“.

Vom Himmel berührt

Immer mehr Menschen verzauberte Jeremy mit seiner Musik, in den Straßen, bei Konzerten aber auch digital. Selbst für Filme komponierte Jeremy Musik.

Sein Lied “Skystruck“ - vom Himmel berührt - hat beim Streamingdienst Spotify bis heute mehr als eine Millionen Menschen für wenige Minuten zumindest in eine anderes Universum entführt.

Mittlerweile blickt Jeremy selbst dem Winter gelassen entgegen. Endlich kann er, womit er all die Jahre kämpfte: von seiner Musik leben. Er ist frei. Er wurde befreit, geheilt, gerettet. Gerettet von einem einzigen Instrument.

Ein Wunder aus einem anderen Universum

Kürzlich spielte er auf einem Schiff auf der Seine ein Konzert für all die Ärzte, Krankenpfleger, Helfer und Heiler seiner langen Krankheit. Mehr als einhundert waren es. Alle hatten sie mitgeholfen, dass Jeremy wieder gesund wurde.

Aber, als er sich nach einem Moment der Stille auf die Bühne setzte und zu spielen begann - so berührend, leidenschaftlich und virtuos - verstanden sie mit einem Mal alle, dass es nicht allein die Medizin war, die Jeremy geheilt hatte.

Es war ein kleines Wunder. Das Wunder des Klangs aus einem anderen Universum.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Vor zwei Jahren habe ich Jeremys Song „Skystruck“ zum ersten Mal gehört. Das Stück hat mich damals sehr berührt.

In dunklen Momenten wurde Jeremys Musik zu meiner Seelenmedizin. Sie hat mich daran erinnert, dass es noch immer Licht gibt in dieser Welt, selbst wenn man es gerade nicht sieht.

Als ich begann, durch Frankreich zu reisen, beschloss ich, Jeremy deshalb für ein Interview anzufragen. Ich habe ihm über Instagram geschrieben und ehrlich gesagt nicht mit einer Antwort gerechnet.

Damals hatten wir noch keine einzige Geschichte veröffentlicht, konnten also nichts vorweisen mit dem ich sein Vertrauen hätte gewinnen können.

Aber nur wenige Tage später antwortete er mit und lud mich ein, zu ihm nach Paris zu kommen.

Jeremy in seinem Pariser Musikzimmer.

Wir trafen uns bei ihm zu Hause in einem Vorort von Paris, und er erzählte mir seine Geschichte und wie das Handpan-Spiel sein Leben bereits mehrfach und auf die unterschiedlichsten Arten gerettet hat.

Am Ende des Interviews hat er noch für mich gespielt. Ich glaube ich weiß nun, wie es sich anfühlt, in ein anderes Universum einzutauchen.

Für die nächste Geschichte.

Unsere Portraits sind kostenlos und werbefrei. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, hilf uns, weiter Geschichten von Menschen aus aller Welt zu erzählen.

Häufigkeit
Unterstützung verwalten

Freiwillige Unterstützung — wir können keine Spendenbescheinigungen ausstellen.

Monatlich unterstützen
Weiter · 8 € im Monat