Wenn Henry morgens seine müden Augen öffnet, steigt ihm der Duft von frisch gebrühtem Kaffee in die Nase. Er kennt den Geruch. Seit Jahren wird er von ihm geweckt, nur getrunken hat er ihn noch nie.
Im Gegensatz zu den anderen Gästen des Internetcafés ist Henry nicht zum Kaffeetrinken dort. Das Café im Herzen des Berliner Bezirks Kreuzberg ist Henrys Zuhause. Es ist sein Schlafplatz. 80 Cent zahlt er dafür pro Stunde. Die wenigen Stunden, die Henry nachts schläft, kann er sich hier leisten. Immerhin muss er so nicht auf der Straße schlafen. Das hat er in seinem Leben bereits genug getan.
Der Schmerz einer verlorenen Liebe
Henry stammt aus Arica, einer Stadt im Norden Chiles, nahe der Grenze zu Peru. Seine Leidenschaft ist seit jeher die Musik. Alle seine Lieder hat er selbst geschrieben. Er singt und begleitet sie mit seiner Gitarre.
Dass er mit letzterer so schön spielt, wie man es in Kreuzberg täglich erleben kann, ist ein kleines Wunder. Denn seine Gitarre ist derart abgenutzt, dass einzig ein silbernes Panzertape noch zusammenhält, was von ihr übrig ist. Die Lieder, die er darauf spielt, handeln von Schmerz und Trauer - von der Liebe.

Denn Henry hat sie verloren. Seine große Liebe. Bis vor etwa zehn Jahren war sein Leben gut. Mit seiner Frau lebte er in der Hauptstadt Santiago de Chile. Sie, eine angesehene Schriftstellerin, er Musiker. Elf Jahre war er mit seiner Frau verheiratet.
Dann hat Henry alles zerstört, wie er sagt. Er habe sich schlecht verhalten. Alkohol und Drogen haben ihn die Liebe seines Lebens gekostet. An allem sei ganz allein er schuld, „schuldig für immer"... so sagt er es jedenfalls. Deshalb singt er:
„Adiós amor“ - „adios, Liebe“
„Que no me mires a los ojos por favor“ - "Bitte schau mir nicht in die Augen“
„Autodestructivo“
Nach dem Verlust seiner Frau hat er versucht, in Frankreich Fuß zu fassen. Paris, die Stadt der Liebe, vielleicht würde sie ihm seinen Schmerz nehmen können..?
Aber anstelle der Liebe bekam er es mit den französischen Behörden zu tun. Nach zwei Jahren in Paris wurde er abgeschoben. Anschließend versuchte er es in Deutschland. Vor acht Jahren kam er so nach Berlin.
Seitdem lebt Henry in Kreuzberg, im Internetcafé. Er versuche, alles richtig zu machen und dennoch gehe alles schief. Er sei „autodestructivo“ - selbstzerstörerisch - Depressionen - Zwei Selbstmordversuche…

Alles hat er verloren, selbst seinen Pass. Nur eines ist geblieben: die Musik.
Und so singt er weiter:
„Si supieras cuánto te amo“ - „wenn du wüsstest, wie sehr ich dich liebe“
„Voy a tomar cocaína y anfetamina para olvidarte.“ - „Ich werde Kokain, Amphetamine nehmen, um dich zu vergessen.“
Henry hat gute Freunde, fast täglich treffen sie sich an der Admiralsbrücke am Landwehrkanal in Kreuzberg. Dann musizieren sie gemeinsam, trinken ein Bier und genießen die Gesellschaft.

Aber auch seine Freunde können ihm nicht helfen. Das einzige, was er hat, ist die Musik. Sie ist die Konstante seines wechselvollen Lebens. Und durch sie findet er von Zeit zu Zeit selbst im Schmerz Freude, so sagt er es jedenfalls..
Der „traurigste Mensch der Welt“
An guten Tagen bringt ihm seine Musik zwischen 30 und 40 Euro ein. Ein Teil davon fließt dann an seinen Stammspäti an der Admiralsbrücke. Dort kauft er sein Bier. Dann vergisst er für einen Moment sein Leiden. Doch er weiß, dass alles nur ein trauriger Kreislauf ist. Sein eigener Kreislauf. Der des „traurigsten Menschen der Welt“.
Und dennoch, jeden Morgen steht er auf, richtet seine langen, dunkelbraunen Haare, zurrt das silberne Panzertape an seiner Gitarre fest und startet in die Straßen, um zu spielen. Denn er weiß: Es wäre nicht fair, sich aufzugeben. Schließlich gibt es Menschen, die noch viel mehr leiden als er.
Für sie singt er, für sie bleibt er am Leben, aller Müdigkeit zum Trotz.
Denn er hat einen Traum: „Dass alle Menschen verstehen, dass das Wichtigste im Leben die Liebe ist..“

Die Geschichte hinter der Geschichte
Getroffen haben wir Henry während eines Berlintrips im Sommer 2025. Er spielte vor dem Café, in dem wir saßen, und hat mit so viel Leidenschaft gesungen, dass wir ihn spontan angesprochen haben.

Zwei Tage später haben wir uns auf der Admiralsbrücke am Landwehrkanal in Kreuzberg verabredet. Dort hat er uns seine Geschichte erzählt. Immer wieder hat er angefangen, zu weinen und wir mussten ihn trösten.
Manchmal hat er gesungen und gespielt. Seine Lieder waren die Antwort auf unsere Fragen. Auch wenn Henry während des Gesprächs unter Alkoholeinfluss stand und wir nicht überprüfen können, was davon wahr ist, haben wir uns entschieden, seine Geschichte zu teilen. Denn sie ist einfach zu berührend, um sie nicht zu erzählen..

