Archibald und die Rückkehr eines Traumes

Seit er denken kann liebt Archibald den Reggae. Schon als er jung war hat er sich ganz der Musik gewidmet. Ohne Erfolg. Nun, mit 51, kehrt er zurück zu seinem Traum.

Archibald hat gekündigt. Zu lange hat er gemacht, was er nie wollte. Seine Lebenszeit für ein bisschen Geld verkauft. Denn tief in seinem Herzen wollte er nur eines: Musik machen. Es ist seine Leidenschaft, seit er denken kann. Gitarre, Reggae, Bob Marley..

Ein riesiges Poster seines jamaikanischen Idols hängt in seinem kleinen Dachzimmer-Apppartment am Rande der Altstadt von Toulouse. Die Nachbarschaft: „comme ci, comme ça“, sagt Archilbald. Aber er kommt mit allen klar. Die Leute kennen ihn. Er ist ein Sohn der Stadt.

Arbeit, Krankheit, Pflege

15 Jahre hat er für den Flugzeughersteller Airbus gearbeitet. Den größten Arbeitgeber in Toulouse. Dann wurde er krank. Als er sich erholt hatte, hat er wieder angefangen zu arbeiten. Diesmal auf dem Bau.

Doch jetzt ist Schluss. Gerade ist er 51 geworden. Seit zwei Jahren kümmert er sich zudem um seine Mutter. Sie hatte einen Schlaganfall, lag acht Monate im Krankenhaus. Fast täglich begleitet er sie zum Arzt, hilft ihr zu kochen und leistet ihr Gesellschaft - die wichtigste Medizin, da ist sich Archibald sicher.

Ausgespielt

Wenn er abends nach Hause kam, war er müde, erschöpft, ausgelaugt. Vergeblich versuchte er dann, noch ein paar Töne aus seiner Gitarre herauszuspielen, aber sie klangen einfach nicht gut. Da war keine Kraft, keine Leidenschaft, kein Soul mehr.

Auch seine Stimme war müde. Verbraucht vom stundenlangen Versuch, gegen den Lärm der Maschinen auf der Baustelle anzukommen. Von Inspiration und Kreativität für neue Songs keine Spur.

So wollte Archibald nicht weitermachen. Denn in den Tiefen seiner Seele lebte er noch immer. Sein Traum von der Musik. Musikmachen, das war es, was er immer wollte. Das einizige, wofür er sich freien Herzens stets hatte begeistern können.

Die harte Schule der Musik

Schon nach der Schule hatte er es versucht. Seine Ausbildung hatte er hingeschmissen, um sich ganz dem Reggae zu widmen. Mehrere Jahre kämpfte er sich durch. In kleinen Bars trat er auf, spielte in den Straßen von Toulouse, Lyon und Paris genauso wie auf seinem eigenen YouTube-Kanal.

Beutel voller Kleingeld schleppte er am Ende eines jeden Monats auf die Bank. Dort wechselte ihm die freundliche, ältere Dame am Schalter stets seine Münzen in etwas brauchbarere Scheine.

Doch mit der Zeit fiel es ihr immer schwerer, die stille Traurigkeit in Archibalds Blick zu ertragen, wenn sie ihm die Summe nannte, die er im vergangenen Monat in stundenlanger Straßenarbeit verdient hatte. Meist waren es wenige hundert Euro.

Ende eines Traumes

Wirklich leben konnte er davon kaum. Seine Mutter jedoch glaubte an ihren Sohn. Sie unterstützte ihn. Noch heute ist er ihr dafür dankbar - sie ist die einzige, die für ihn vor der Musik kommt.

Und dennoch: Mit 28 hörte er auf, Musik zu machen. Er brauchte Geld, wollte endlich leben können von dem, was er tat. So begann er zu arbeiten, wie es all seine Freunde es machten. Doch während sein Konto sich füllte, wurde seine Seele leerer und leerer.

Die Krankheit des Geldes

Die Jahre vergingen und eine tiefe Erschöpfung begann ihn zu lähmen. Das Leuchten in seinen Augen verschwand. Sein innerer Löwe, jenes starke Tier vom Kontinent seiner Vorfahren drohte, einer schleichenden Krankheit zum Opfer zu fallen. Der Krankheit des Geldes.

Eines Nachts sah er ihn vor sich stehen: schwach, ausgezehrt, leer. Am nächsten Morgen war ihm klar, es würde sein letzter Arbeitstag werden. Gewissenhaft erfüllte er noch die ihm aufgetragenen Arbeiten. Nach Feierabend teilte er seinem Chef seine Entscheidung mit. Es war Archibalds letzter Arbeitstag.

Wie es für ihn nun weitergeht? Wirklich weiß Archibald es auch nicht. Er weiß nur eines: Zeit ist wichtiger als Geld. Und Archibald hat sich entschieden. Er hat Zeit.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Kennengelernt habe ich Archibald in meiner Lieblingsbar in Toulouse, dem „La Concorde“. Er hat mich von sich aus angesprochen und gefragt, was ich hier mache. So sind wir ins Gespräch gekommen und er hat mir von seinem Traum erzählt, dass er gerade gekündigt hat. Er sei nur auf einen kurzen Kaffee im La Concorde, solange seine Mutter beim Arzt ist. Danach bringt er sie wieder nach Hause, erzählte er mir.

Wenige Tage später war ich wieder mal auf der Suche nach einem Schlafplatz. Etwas verwirrt von den ganzen französischen Nummern in meinem Handy, die sich bei den zahlreichen Begegnungen im „La Concorde“ angesammelt haben, wählte ich die falsche und meldete mich bei Archibald.

Archibald bei unserem ersten Treffen im „La Concorde“ in Toulouse.

Ohne zu zögern bot er mir seine kleine Dachzimmerwohnung für zwei Nächte an. Seine Gastfreundschaft und Geschichte haben mich berührt und mich inspiriert, über ihn zu schreiben. Zum Abschied sagte er mir: Niklas, weißt du, ich bin jetzt ein armer Mann, aber ich bin frei…

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