Das Geheimnis des Schlafes

Santiago hat eine Mission. Er ist aufgebrochen, um das wohl am besten gehütete Geheimnis der Welt zu finden: das Geheimnis des Schlafes.

Es war ein gewöhnlicher Morgen, an dem Santiago entschied, aufzubrechen. Er war entschlossen. Er würde auf Reisen gehen. Niemand konnte ihn mehr davon abbringen. Er wollte raus. Raus, in die Welt.

So gewöhnlich der Tag auch war, an dem er beschloss loszuziehen, so ungewöhnlich war das Ziel seiner Reise. Weder waren es schöne Städte, noch atemberaubende Landschaften, die ihn aus der Ferne riefen. Auch nicht fremde Kulturen, die er unbedingt hätte kennen lernen wollen.

Er wollte auch nicht reisen, nur um des Reisens Willen oder vor etwas fliehen. Nein. Er zog los, um das wohl am besten gehütete Geheimnis der Welt zu lüften: das Geheimnis des Schlafes.

Denn: er hatte ihn verloren. Seit Jahren kämpfte mit den Nächten, fand keine Ruhe. So vieles hatte er bereits versucht. Aber nichts brachte ihm den Schlaf wieder. Für Santiago war er deshalb vor allem eines: ein Geheimnis.

"Ziehe los..."

„Ziehe los und du wirst finden, was du suchst.“ Das hatte die Stimme eines Nachts zu ihm gesagt. Er kannte die Stimme. Sie hatte schon häufiger zu ihm gesprochen. Und jedes Mal, wenn er sie hörte, durchströmte ihn eine Wärme. Die Wärme der Wahrheit. Seiner eigenen Wahrheit.

So also zog er los. Ob er zuhause nicht schlief oder unterwegs, machte ohnehin keinen Unterschied. So dachte er zumindest.

Über die Jahre hatte gelernt, mit seiner Schlaflosigkeit zu leben. Mit dem Dröhnen in seinem Kopf, dem dumpfen Schmerz, der den gesamten Körper befällt, wenn er sich nachts nicht erholen konnte.

Das pralle Leben im Kopf

Er konnte es nicht kontrollieren. Nächteweise lag er wach, blickte zu den Sternen und bemühte sich nach Kräften, das Chaos in seinem Kopf zu ordnen.

Dabei waren es meist keine böse Gedanken, Ängste oder Sorgen, die ihm den Schlaf raubten. Im Gegenteil: Das pralle Leben tanzte nachts durch seinen Kopf.

All die Ideen, Wünsche, Träume und Hoffnungen, die er für dieses eine Leben hatte. Und die Ungewissheit darüber, ob sie es jemals aus seinem Kopf in die Welt da draußen schaffen würden.

Denn, wenn es eine Angst in seinem Leben gab, dann die, als Träumer zu enden. Als einer, der die schönsten, phantasievollsten Gedanken haben konnte, sie aber nie zum Leben erweckt hatte.

Bis zu diesem Tag hatte er es nämlich nicht geschafft, die Flut an Ideen und Träumen in seinem Kopf zu bändigen. Die einzelnen Wellen aufzunehmen und mit ihnen auf dem Ozean des Lebens zu segeln.

Das Geschenk des Lebens

Es war einfach so vieles, das er sich für dieses Leben vorgenommen hatte: Die Welt in ihre so vielfältigen Bewohner wollte er kennen lernen. Mit ihnen das Geschenk des Lebens teilen - tanzen, singen und musizieren.

Ein dankbarer Mensch wollte er sein. Dankbar, für das Geschenk des Lebens, dessen er sich nach Kräften versuchte würdig zu erweisen.

Und egal, wo er hinkam, wollte er vor allem eines: gute Energie verbreiten, ein Licht sein. Jenes Licht, von dem mit der Zeit immer mehr Menschen ihm sagten, dass es in ihm wohne, ohne dass er es selbst je gesehen hatte.

Und dabei hoffte er eines Tages der Liebe zu begegnen. Der Kraft, die - so schien es ihm zumindest - sämtliche Grenzen überwand, Unmögliches möglich machte. Vielleicht konnte sie ihm den Schlaf ja wieder bringen.

Die Reise

An all das dachte er nachts. Dann, wenn er eigentlich schlafen sollte. Und das wiederum machte ihm die Tage so schwer. Doch wie die Stimme ihm verheißen hatte, setzte er seine Reise fort. Tag für Tag.

Unterwegs schlief er an den unterschiedlichsten Orten. Manchmal nahmen ihn freundliche Menschen bei sich zu Hause auf, kochten ihm eine warme Mahlzeit und interessierten sich für seine außergewöhnliche Mission.

Häufig verbrachte er die Nächte aber unter freiem Himmel. Im Schoß von Mutter Erde fühlte er sich geborgen. Und im Angesicht der Sterne hatten seine Gedanken die Freiheit, die sie brauchten, um davonzufliegen.

Der Feigenbaum

Eines Nachts - er hatte sich sein Bett unter einem süßlich duftenden Feigenbaum gemacht - hörte er erneut eine Stimme: „Wie kann ich dir helfen?“, fragte sie. Es war der Feigenbaum, der zu ihm sprach.

„Danke, dass du mir helfen möchtest“, sagte Santiago. „Ich suche den Schlaf. Den echten, den erholsamen Schlaf. Vor vielen Jahren schon habe ich ihn verloren. Mit aller Kraft versuche ich, zu ihm zurückzukehren. Ich habe mein Leben eigentlich gut im Griff. Dennoch gelingt es mir nicht, den Schlaf zu kontrollieren. Was ich auch tue, er bleibt mir ein Rätsel.“

Ruhig hatte sich der Feigenbaum Santiagos Geschichte angehört. Einen Moment lang hielt er inne, dann begann er mit sanfter Stimme zu sprechen: „Ich verstehe deinen Schmerz. Und es ist gut, dass du dich auf die Suche gemacht hast.

Die Kunst loszulassen

Ich bin nicht allwissend, aber ich möchte mit dir teilen, was ich im Laufe meines langen Lebens über den Schlaf gelernt habe: Ich gebe zu, ich bin hellhörig geworden, als sagtest, du hast dein „Leben im Griff“.

Das Leben ist nicht dazu da, es im Griff zu haben. Es soll fließen können. Dein Streben nach Kontrolle macht dich krank. Wenn du das Geheimnis des Schlafes finden möchtest, musst du vor allem eines: lernen, loszulassen.

Ich selbst habe das lernen müssen: Im Winter werfe ich meine Blätter ab. Ich gehe in einen tiefen Schlaf. Dabei lasse ich alles los, was ich in den lichten Monaten geschaffen habe. Selbst meine geliebten Blätter.

Zwar könnte ich versuchen, sie am Leben zu halten, aus Angst sie könnten im nächsten Jahr nicht wiederkommen. Dabei würde ich mir selbst aber sehr schaden. Ich würde krank werden. Für mein Misstrauen würde ich mein Leben riskieren.

Ein weiser Rat

Deshalb habe ich gelernt, loszulassen, meine Blätter abzuwerfen, im Vertrauen darauf, dass sie im Frühjahr wieder kommen. Kräftiger und schöner als je zuvor. Santiagio, verstehst du, so habe ich gelernt loszulassen und zu schlafen.“

Aufmerksam hatte Santiago zugehört. Es war klug, was der Feigenbaum ihm erzählt hatte. Sanft streichelte er mit seiner Hand über einen der Äste des feinen Baumes.

„Danke, du machst mir Hoffnung“, antwortete Santiago, ehe er den Kopf auf einer der hervorstehenden Wurzeln des Baumes legte und friedlich auf den nächsten Morgen wartete.

Als die Sonne über den Horizont gestiegen war und die ersten Strahlen auf seine geschlossenen Lieder fielen packte er seine Sachen und zog weiter. Er war entschlossen: Er wollte es lernen, das Loslassen. Endlich nachts zur Ruhe kommen, schlafen und mit den Träumen fliegen.

Nach Kräften bemühte er sich in den folgenden Nächten. Entschlossen legte er sich zur Ruhe, schloss die Augen und befahl seinem Geist loszulassen. Doch je mehr er daran dachte, umso schwerer fiel es ihm.

Der Mond

In einer wieder einmal schlaflosen Nacht begegnete sie ihm dann erneut: die Stimme, die schon vor einiger Zeit zu ihm gesprochen hatte, deretwegen er überhaupt erst aufgebrochen war: „Ich möchte dir etwas sagen.“

Etwas verunsichert blickte Santiago in den Himmel. Es war der Mond, der zu ihm sprach. Majestätisch und hell stand er da und sprach zu ihm:

„Was der Feigenbaum dir über den Schlaf erzählt hat, ist richtig. Nur wenn du loslassen kannst, findest du den Schlaf. Aber es bist nicht du, der loslassen muss. Loslassen kann man nicht üben, nicht lernen. Loslassen kann man nicht selbst. Es ist keine Tätigkeit. Du kannst sie nicht kontrollieren, nicht erlernen. Denn: Loslassen geht nur durch eines. Vertrauen.

Mit den Träumen fliegen lernen

Deshalb möchte ich, dass du weißt: Du kannst dich nachts fallen lassen. Flieg, wohin dich deine Träume tragen. Und vor allem hab keine Angst! Ich bin da und wache über dich. Jede Nacht!

Solange du das Geschenk des Lebens in dir trägst passe ich auf dich auf. So wie ich es für alle Menschen, Tiere und Pflanzen da draußen mache. Es ist meine Aufgabe.“

Der richtige Weg

„Und“, fuhr der Mond fort: „Es ist der erste Schritt zu deiner Heilung, dass du den Feigenbaum und mich gehört hast. Unsere Stimmen sind dein innerer Medizinmann, das reine und doch so verletzliche Kind in dir, die Weisheit deiner Ahnen, die wollen, dass du wieder schlafen kannst. Deshalb folge ihnen weiter. Du bist auf den richtigen Weg!

Gebannt hatte Santiago gelauscht. Eine ganze Weile saß er einfach nur da. Das erste Mal in Jahren wurde es still in seinem Kopf. All die Stimmen, die sonst stets durcheinander sprachen und das Chaos in seinem Kopf stifteten, schwiegen plötzlich. Er saß einfach da und fühlte den Frieden des Moments. Ein warmes Gefühl durchfloss ihn: Der Mond hatte recht, dachte er sich, er war auf dem richtigen Weg.

Auch wenn er das Geheimnis des Schlafes noch nicht gefunden hatte, so hatte er doch verstanden: Um zu schlafen, musste er loslassen. Und um loszulassen, musste er vertrauen. So war es.

Wie jeden Morgen packte Santiago die wenigen Sachen, die er auf seine Reise mitgenommen hatte, und machte sich auf. Der immer wärmer werdenden Sonne wanderte er entgegen, während eine feine Silhouette des Mondes ihn den Tag über begleitete. Jedes Mal wenn er ihn sah, strömte ein Gefühl von Hoffung durch seinen Körper. Er fühlte es. Er war nicht alleine. Er hatte einen Begleiter auf dem Weg zu seinem ganz persönlichen Weltengeheimnis: dem Geheimnis des Schlafes.

To be continued…

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