Gott - König - Land. Es waren drei Worte,
die Santiago in eine neue Welt führten. Drei Worte, geschrieben auf einem majestätisch trohnenden Felsen im Meer. Und in einer Schrift, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Ganz langsam näherte sich das Schiff, das er wenige Tage zuvor bestiegen hatte, dem auffälligen Felsen im Meer vor der Küste. Brüllend brach sich die Brandung an ihm. Aber selbst die weißbläulich schäumende Urgewalt des Meeres plätscherte nach ihrem Angriff nur noch kleinlaut an ihm herab.
Noch immer war Santiago auf der Suche. Auf der Suche nach dem Geheimnis, das diese Welt zu hüten schien, wie der Weltenozean Atlantis oder eine Auster ihre Perle. Dem Geheimnis des Schlafes.
In Europa war er ihm näher gekommen. Er hatte gelernt, dass er, um zu schlafen, lernen musste loszulassen. Und zum Loszulassen brauchte er Vertrauen.

Aller Erkenntnis zum Trotz kämpfte er aber noch immer mit den Nächten. Über die Jahre hatte er gelernt, mit seiner Müdigkeit zu leben. Kleine Tricks halfen ihm dabei. Wenn er etwa nicht viel aß, blieb er leichter wach. Instinktiv schaltete sein Körper dann in einen Überlebensmodus , versetzte sämtliche Zellen in Alarmbereitschaft und entsandte ein ganzes Heer von Reservearmeen in die erschöpften Regionen.
Es tobte ein Krieg in Santiago: Wachheit gegen Müdigkeit, Aktivismus gegen Erschöpfung, Unruhe gegen Ruhe, Rebellion gegen Desillusion, Kopf gegen Körper.
Tagsüber hielt ihn dieser Kampf wach. Nur endete er nicht wieder in der Nacht. Auch nach Einbruch der Dunkelheit blieb sein Körper Schauplatz dieses Kampfes. Er konnte kaum schlafen. Für die Kraft am Tage zahlte er den Preis der Nacht. Der Schlaf war und blieb für Santiago das größte Geheimnis dieses Lebens.
Neue Wege
Und so spürte er, dass es Zeit war für etwas Neues. Wenn er das Geheimnis wirklich finden wollte, mussten er größer denken. Grenzen verschieben - in seinem Kopf und seinem Leben.
Er musste mutig sein und Neues wagen, neue Wege gehen. Altes hinter sich lassen. Vielleicht auch den alten Kontinent, der sein gesamtes Leben seine Heimat gewesen war. „Du bist auf dem richtigen Weg“, hatte der Mond ihm einst gesagt. Er wollte vorangehen. Nur wohin?

Afrika, hatte er gehört, sei die Wiege der Menschheit. Vielleicht könnte sie ihn ja in den Schlaf wiegen. Einen Versuch war es wert, dachte er sich.
Aufbruch und Übergang
Und so bestieg er eines kalten Novembertages ein Schiff in einer kleinen französischen Hafenstadt. Es sollte ihn auf die andere Seite des Meeres bringen, nach Afrika, nach Nordafrika.
Zwei volle Tage dauerte die Überfahrt. Mit jeder zurückgelegten Seemeile spürte er, dass er einer neuen Welt näher kam. Die Menschen an Bord sprachen fast alle eine Sprache, die er nicht verstand. Wenn sich nur zwei von ihnen unterhielten, konnte man glauben, ein ganzer Chor unterschiedlichster Stimmlagen sprach miteinander.
Viele waren anders gekleidet als die Menschen in Europa. Die Männer trugen lange Kutten mit spitzen Kapuzen. Frauen lange Gewänder. Manche von ihnen verbargen ihr Gesicht. Mehrmals am Tag trafen sich viele von ihnen zum Gebet. Auf bunten, mit Stickereien verziehrtem Teppichen dankten sie Gott.
Wenn Santiago ihnen vorsichtig lauschte, ergriff ihn ein Gefühl der Ehrfurcht. Die feinsten Häärchen an seinem Körper richteten sich auf. Die außergewöhnliche und so kräftige Sprache, der Gesang und die Verse, die sie dabei sprachen, versetzten das gesamte tonnenschwere Stahlschiff in Schwingung. Mystik lag in der Luft.
Neustart in Afrika
Santiago verstand schnell: der Glaube hatte eine besondere Stellung für die Menschen aus der neuen Welt.
Und so war es nur richtig, dass auf dem Felsen im Meer das Wort „Gott“ ganz oben stand.
Darunter stand „König“ und darunter „Land“. Was sich hinter diesen Wörtern wohl verbarg, begann Santiago sich zu fragen. Der Funke der Neugier hatte ihn erfasst. Seine Augen leuchteten beim Anblick des immer näher kommenden, neuen Kontinents. So viele Bilder hatte er von Afrika im Kopf, so oft von dem Kontinent geträumt.

Nur wenige Augenblicke später betrat er ihn. Er hatte es geschafft. Seine Suche nach dem Geheimnis des Schlafes konnte weitergehen.
Jeder Schritt war ein kleines Abenteuer. In seiner Wahrnehmung wurden die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen und die erste Woche fühlte sich an wie ein ganzer Monat. So viel erlebte er in den ersten Tagen. Überall gab es etwas zu entdecken: Essen, das er noch nicht einmal aus exotischen Kochbüchern kannte, aß er, den Atlantikwind spürte er auf der Haut, genauso wie die afrikanische Sonne mit all ihrer Kraft.
Eindrücke einer neuen Welt
Auch wenn er die Sprache der Menschen nicht sprach, fühlte er eine Verbindung zu ihnen. Ein freundliches Lächeln, eine einladende Handbewegung und schon war er inmitten einer ganzen Gruppe von Menschen und trank Tee aus belebenden Kräutern mit ihnen. Gastfreundschaft, lernte er, war eine universelle Sprache.
Er hatte Mühe, sich ihre Gesichter und Namen zu merken, so vielen begegnete er jeden Tag. Überall wurde er eingeladen. Manchmal auf einen Tee, ein gemeinsames Essen oder sogar für eine ganze Nacht. Und fast alle boten ihm Hilfe an, wann immer er sie brauchte.

Es gab so viel Neues zu sehen, zu hören und zu schmecken: Kinder, die ihm eine warme Suppe brachten, wenn sie sahen, dass er ein Fremder und Reisender war. Ein blinder Mann, der tastend durch die Straßen lief und dabei die köstlichsten gesalzenen Madeln verkaufte, die Santiago jemals gegessen hatte. Männer, die ihren Müll in die Straßen warfen, während Frauen ihn wieder aufsammelten. Er staunte viel.
Zwischen Schmerz und Freude
Er sah Menschen in Häusern leben, die keine Fenster und Türen hatten, so wie die Häuser, die er kannte. Manche schienen noch bei Einbruch der Dunkelheit weder zu wissen, wo sie die heraneilende Nacht verbringen, noch, womit sie ihren knurrenden Magen beruhigen sollten.
Manchmal fühlte Santiago Schmerz, wenn er all das sah. Gleichzeitig aber sah er Freude, Liebe und Gemeinschaft. Während es in seiner Heimat gefühlt für jede Lösung ein Problem gab, hatten die Menschen hier offenbar für jedes der mitunter zahlreichen Probleme eine Lösung. Und diese lag fast immer in der Gemeinschaft.

In den wenigen Stunden, in denen er sich nachts zur Ruhe legte, begann all das in ihm zu arbeiten. Die Bilder des Tages liefen wie ein Film durch seinen Kopf. Alles war so aufregend und lebhaft. An Schlafen war nicht zu denken.
Und dennoch brach er am nächsten Morgen wieder lebendig und mit leuchtenden Augen auf zu sehen, was dieser Tag bringen würde. Er fühlte keine Müdigkeit. Im Gegenteil. Da war Freude, Lebendigkeit und Aufregung. Manchmal konnte er die Ankunft des nächsten Tages kaum erwarten, so voller Vorfreude war er.
Leben anstatt zu schlafen
Mit der Zeit begann er sich zu fragen, ob es etwas gab, das mehr Energie zu geben versprach als der Schlaf, den er suchte?
Ein Leben so aufregend und frei, dass die Freude des Tages die nächtlichen Leiden vergessen machte. Konnte es so etwas geben? Leben anstatt zu schlafen?

Warum etwa schien manchen Menschen eine Handvoll Stunden in der Nacht zu reichen, um am nächsten Tag wieder mit neuer Energie in den neuen Tag zu starten, während andere nach der doppelten Zeit noch immer mit schweren Gedanken und Gliedern im Bett lagen?
Nach den ersten Tagen in der neuen Welt dachte er viel darüber nach. Menschen hatte er gesehen, die schlicht auf einem Stück Karton schliefen. Neben ihnen die tobende Straße. Autos, Motor- und Fahrräder, Pferde, Esel, Kamele.
Und er? Er hatte jede Nacht ein Dach über dem Kopf, häufig einen eigenen Raum nur für sich, eine bequeme Matratze und warme Decke. Und doch schlief er nicht. War es vielleicht sein privilegiertes Leben in Europa, das ihn so sensibel gemacht hatte, begann er sich zu fragen. Während er sich im siebten Himmel zur Ruhe legen durfte, lagen einige seiner Mitmenschen draußen auf der Straße. Kalt, schmutzig und laut. Wie ungerecht diese Welt doch sein konnte. Er konnte dankbar sein.

Immer wieder dachte er in diesen Tagen an den Felsen im Meer. Das erste Zeichen, dass ihm der neue Kontinent gegeben hatte: „Gott, König, Land“.
Gott, König, Land
Gott, hatte Santiago verstanden, hatte für die Menschen eine besondere Stellung. Doch war es nicht der Glaube und Gott allein, der für ihn das Göttliche ausmachte. Gott zeigte sich für ihn vor allem in den Menschen selbst. In ihrer überwältigenden Gastfreundschaft. Obwohl einige von ihnen selbst kaum genug zu essen hatten, teilten sie mit ihm.
Ein König war ihm bislang nicht begegnet. Doch hatte er gehört, dass es ihn geben sollte. Manche schienen ihn zu lieben, andere wiederum zu fürchten. Santiago machte sich wenig aus weltlichen Herrschern. Wenn es in diesem Land aber etwas gab, das von königlichem Glanz war, dann war es der Stolz der Menschen. Sie waren überzeugt von der Schönheit ihres Landes, ihrer Sprache, der Einzigartigkeit ihrer Küche und ihrer Kultur. Ja, es war ein königlicher Stolz, der in den meisten von ihnen lebte und der sie wiederum zu solch außergewöhnlichen Gastgebern machte.
Und das Land? Vom Atlantikwind geschliffene Küsten gingen nahtlos in felsige Hügel über. Dazwischen trotzten knorrige Bäume der Sonne und Trockenheit. Die Elemente waren es, die dem Land ihre Seele einhauchten. Sonne, Wind und Regen bestimmten, wo Leben sich entfalten konnte. Alles hatte seinen Platz. Eine unsichtbare Ordnung schien die Wildnis zu zähmen.

Mit den Tagen fühlte Santiago, wie er ankam in der neuen Welt. Noch immer konnte er am Tage den alten Kontinent sehen. Lediglich ein schmales Meerband trennte die alte von der neuen Welt. Es war ein magischer Ort, an dem er die neue Welt betreten hatte. Mit jeder Meile, die er zurücklegte, verschwand der alte Kontinent. Vor seinen Augen und mehr und mehr auch aus seinem Kopf und seinem Herzen.
Er fühlte es: Seine Suche nach dem Geheimnis des Schlafes würde weitergehen. Hier in der neuen Welt.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Santiagos Suche nach dem Schlaf ist, wie manche von euch vielleicht bemerkt haben, eine sehr persönliche Geschichte. Seit etwa fünf Jahren kämpfe ich mit zum Teil sehr starken und kraftraubenden Schlafstörungen. Darüber offen zu sprechen oder auch zu schreiben, hilft mir.

Je länger ich mit dem Schlaf kämpfe, umso mehr sehe ich die Dringlichkeit dieser Thematik. Es gibt so viele Menschen, denen es gleich geht. Sie sind Teil unserer Gesellschaft und meistern ihren Alltag wie jeder andere auch. Wie es aber tief in ihnen aussieht, wie sie sich wirklich fühlen und mit welch dunklen Gedanken sie zum Teil leben, bleibt häufig verborgen.
Ganz besonders für sie habe ich Santiagos Geschichte geschrieben. Verbunden mit den ersten Reiseeindrücken von Afrika, beziehungsweise Marokko.
Für den Moment bleibt mir deshalb nur zu sagen: Santiagos Suche wird weitergehen. So lange, bis er den Schlaf gefunden haben wird…
