Caio ist ein froher Mensch, der sein Gegenüber anlächelt. Doch das war nicht immer so.
Er sitzt am Schreibtisch in der Redaktion, einem vollkommen dunklen Raum, es leuchten lediglich drei Bildschirme vor ihm. Mit leerem Blick sieht es sich das Programm an. Ein Verkehrsunfall, eine Mutter mit Baby-Zwillingen ist verunglückt. Ein brasillianischer Politiker hat 100 Millionen Real gestohlen. Die Zahl der Obdachlosen in São Paulo hat sich verdoppelt.
In der Schleife
Caio ist Techniker für Videoproduktion bei einem Sender in São Paulo. Sein Job: stundenlang fernsehen und eine Lösung finden, falls es technische Probleme gibt. Ein Traumberuf - auf den ersten Blick. Aber jetzt erfährt er am eigenen Leib, wie depressiv Fernsehen macht. Das Programm bestimmt er nicht selbst. Und darf es erst nach acht Stunden wieder abschalten. Hängengeblieben in einer Endlosschleife der Negativität.
Wenn Caio nach Hause kommt, fühlt er sich ausgelaugt. Leergesogen. Es bleibt wenig Zeit für Freunde und Familie. Dann denkt er oft daran, zu kündigen. Aber was soll er dann machen? Wie soll er seine Miete bezahlen? Also wärmt er einfach eine Fertigpizza auf und geht schlafen.
Der Ausbruch im Alptraum
Eines Nachts hat Caio einen Alptraum. Er ist umgeben von meterhohen Fernsehern, die Zombies und Kettensägen zeigen. Caio zittert am ganzen Leib, versucht, wegzurennen, doch die Bilder verfolgen ihn überallhin. Dann sieht Caio einen Jaguar, der durch den Dschungel streift, in der Nähe von Wasserfällen. „So könnte mein Leben sein, wenn ich hier ausbreche“, wünscht sich Caio.
Plötzlich steht ein Kobold mit einer Fernbedienung in der Hand vor ihm.
„Wer bist du?“, fragt Caio den Kobold.
Ich bin der Meister deines Fernsehprogramms
antwortet der Kobold.
Caio: „Warum bestimme ich nicht das Programm selbst?“
„Weil du es nicht willst. Erinnere dich zurück an deine Jugend. Als die Mitschüler sich über dich lustig gemacht haben, hast du dich ohnmächtig gefühlt. Und du hast die Verantwortung an mich Kobold abgegeben, der Drama und Probleme liebt.“
Wut und Schmerz
Caio ballt die Faust. Er kann die die Wut auf seinen Sitznachbarn bis heute in sich fühlen. Doch etwas verändert sich. Caio sieht das Ganze nun von einer höheren Perspektive. Seine Verantwortungslosigkeit hängt damit zusammen, dass er seine Beleidigungen zwar mit sich trägt, auch wenn er dachte, alles an den Kobold abgegeben zu haben. Alles gehört zusammen, war nicht persönlich gemeint. Caio vergibt. Und vergisst seinen Schmerz. „Ich sehe, du hast verstanden“, sagt der Kobold und gibt Caio die Fernbedienung. „Wähle das Programm weise“, sagt er und verschwindet.
Caio blinzelt beim Aufwachen. Sein Alptraum von São Paulo ist zu Ende. Er blickt sich um - und blickt in die Ferne. Er befindet sich in einem Hostelbett in Lissabon. Er grinst breit, wenn er daran zurückdenkt, welch wunderbare Wendung sein Leben genommen hat.
Sein Lebensgefühl hatte sich nach seinem Traum schlagartig verändert. Damals kündigte er seinen Job und zog zu seiner Rettung in den Nordosten Brasiliens, wo die Menschen freundlich und die Natur wunderschön ist. Seitdem arbeitete Caio nicht mehr alleine in einem dunklen Zimmer, sondern in Hotels und Restaurants in der Nähe des Dschungels, zusammen mit Menschen.

Die wichtige Erkenntnis
Sein Aufwachprozess in São Paulo war zum Wendepunkt seines Lebens geworden. Dass er sich eine neue Realität im Nordosten Brasiliens aufbauen konnte, bewies ihm: Alles ist möglich. Also wagte er sich nach Europa. Flog nach Italien, wo seine Vorfahren herkommen, um die Staatsbürgerschaft zu beantragen. Arbeitete als Autowäscher in Mailand, als Altenpfleger in Irland, als Kellner in Portugal. Kämpfte mit dem kalten Wetter auf der Insel und reist seitdem quer durch den europäischen Kontinent.Wenn man den ersten Schritt geht, fangen die Türen an, sich zu öffnen. Viele sagen, dass jeder seine eigene Realität erschafft, aber ich habe es wirklich erlebt
sagt Caio. Doch nach zwei Jahren in Europa erblickt er im Fernsehen einen Dokumentarfilm über Brasilien. „Es fühlt sich so fern von mir an und doch so nah. „Brasilien ist wunderbar. Meine Familie, meine Freunde, meine Wurzeln“, wird die Erinnerung in ihm wach. Innen rührt sich etwas.
Caios Traum: in einem Haus auf dem Land zu leben und sein eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Er spürt die Kraft in sich, dass auch das möglich ist. Obwohl er nichts von Landwirtschaft versteht - noch nicht. Und selbst wenn das Vorhaben scheitert, wäre es nicht so schlimm. Er ist sich sicher, dass sich dann andere Türen öffnen. Jetzt weiß er, dass er nicht mehr in die Ferne sehen muss. Er ist bei sich angekommen.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Ich lernte Caio in einem Hostel in Lissabon kennen. Einmal lag er im Bett und grinste breit. Ich fragte ihn, was er macht. „Ach, nichts, nur entspannen“, antwortete Caio. Seine gute Laune war ansteckend. Seine Geschichte erzählte er mir auf der Hostelterasse. Sie inspirierte mich, diese Story zu schreiben.
Mir wurde klar, dass es nicht so wichtig war, was er macht, sondern dass es mich berührte, wer er ist. Danke, Caio, für deinen schönen Vibe!
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