Es war eine klare Nacht, in der Mahmoud sich entschied zu fasten. Der Himmel: ein Meer funkelnder Sterne. Alle waren sie zu sehen. Keine Wolke verdeckte auch nur einen von ihnen. Doch etwas fehlte: der Mond.
In dieser Nacht stand er genau zwischen Sonne und der Erde. Genau das aber war das Zeichen, auf das Mahmoud gewartet hatte. Das Zeichen, auf das die gesamte muslimische Welt gewartet hatte. Nun war es soweit. Die Sirenen in Mahmouds Viertel in Essaouira durchdrangen kreischend seine Ohren. Aufgeregt liefen die Menschen durch die engen Gassen der kleinen Stadt. Es war kurz nach Sonnenuntergang und der König hatte verkündet: Das Fasten konnte beginnen. Ramadan Kareem!
Bereits Tage zuvor hatten Astronomen, Soldaten und Wissenschaftler des Landes den Mond beobachtet. Erst wenn er nicht mehr zu sehen war, konnte es losgehen. So hatte es der Prophet Mohammed einst verkündet. Noch einmal konnten sie essen und trinken, wie sie es gewohnt waren.
„Beten ist besser als Schlafen“
„Bist du dir sicher?“, fragt Zacharia seinen Sohn beim Abendessen.
„Ja, Papa, ich will es“ antwortet Mahmoud.
Gerade ist er 14 geworden, die meisten seiner Freunde in der Schule wollen erst im nächsten Jahr mit dem Fasten beginnen. Mahmoud aber ist sich sicher. Er möchte ein guter Gläubiger sein, ein guter Muslim, ein guter Mensch. Früh geht er an diesem Abend deshalb ins Bett. Er fühlt sich bereit.
„Beten ist besser als Schlafen - Beten ist besser als Schlafen“, hallt es am Morgen durch die Gassen der Stadt. Ein einziger Ruf durchbricht den Schleier der Nacht und erweckt die Stadt zum Leben. Und wie es ihm geheißen, macht sich Mahmoud zusammen mit seinem Vater und seinen älteren Brüdern auf den Weg. Es ist noch vor 6 Uhr, aber die Straßen von Essaouira füllen sich bereits. Von überall her strömen die Menschen aus ihren Häusern in die große Moschee, auf die sämtliche Straßen in der Nachbarschaft zulaufen. Die Männer auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite. Ein ehrfürchtiges Zittern durchfährt Mahmoud, als die gut 200 Männer wie auf ein Zeichen starten zu beten. Singend sprechen sie die Suren des Koran. Ohne Mühe entweichen die Worte seinem Mund und fügen sich in das tiefe Echo der Menge. Er fühlt Klarheit. Die Müdigkeit, die ihn vor wenigen Minuten noch in seine Matratze gedrückt hatte ist mit einem Mal verflogen. Davongetragen von der Kraft der 200 Männerstimmen.

„Mach’s gut, mein Sohn, Gott segne dich“, verabschiedet Zacharia Mahmoud nach dem Gebet in den neuen Tag.
„Danke Papa, bis später!“
Zügig macht er sich auf in die Schule. Er fühlt sich bereit für den Tag. Noch immer schwingen die Zellen seines Körpers im Takt des Gebets. Eigentlich wäre es Zeit zu frühstücken, denkt sich Mahmoud, aber noch verspürt er keinen Appetit.
Prüfungen
Der Schultag ist voll gepackt mit Unterrichtsstunden. Darija, Mathe, Sport und am Nachmittag zwei Stunden Amazir. Die Regierung hat entschieden, die Sprache der Minderheit der Berber stärker zu fördern. Neben Englisch, Darija und Französisch lernen Mahmoud und seine Mitschüler eine vierte Sprache mitsamt eigenem Alphabet.
Erst am Mittag, als seine Mitschüler zu Mittag essen, sticht es ihn das erste Mal in seinen Magen. Plötzlich schießen ihm verführerische Bilder von Essen durch den Kopf: Ein saftiges Msmen (Weizenfladen), ein Ei mit Kumin und Salz oder ein frischer Orangensaft, süß wie der Tee, den er bei seinem Opa stets bekommt - was würde er dafür jetzt geben?
Je mehr er darüber nachdenkt, umso stärker wird der Schmerz in den Tiefen seines Bauches. Für einen kurzen Augenblick durchfährt ihn ein böses Gefühl: Wut. Wut auf seine Freunde und Mitschüler. Wieso fasten sie nicht, so wie er? Stattdessen beißen sie genüsslich vor ihm in ihre von zuhause mitgebrachten Snacks. Eine Schweißperle rinnt von seiner Stirn über seine leicht rötliche Wange. Noch immer sind es fünf lange Stunden, bis er essen darf, denkt er sich. Erst nach Sonnenuntergang, wenn die Sirenen erneut ertönen, darf er das Fasten brechen.
Der Heimweg von der Schule ist mühsam. Noch immer kreisen in seinem Kopf die Bilder von saftigen Msmen und frischem Saft. Liebevoll streichelt seine Mutter ihm den Kopf, als er nach Hause kommt. „Du bist tapfer, mein Junge“, sagt sie. „Die ersten zwei Tage sind die härtesten. Dann wird es immer besser und irgendwann willst du gar nicht mehr aufhören“, ermutigt sie ihn.
Erleichterung überkommt Mahmoud, als der Muezzin am späten Nachmittag erneut zum Gebet ruft. Wieder macht er sich auf den Weg zur Moschee. Plötzlich vergisst er seinen schmerzenden Magen, all die Leckereien in seinem Kopf. Er betet. Gemeinsam mit all den anderen. Und er weiß: Sie alle haben an diesem Tag noch keinen Schluck getrunken und keinen Bissen gegessen.
Der alte Mann

Sanft wärmt die Abendsonne auf dem Weg nach Hause Mahmouds Gesicht. Je leerer sein Magen wird, umso bewusster geht er durch die Straßen. An einer Straßenecke kurz vor dem Haus seiner Familie erblickt er einen alten Mann. Mahmoud kennt ihn. Er sitzt immer dort. Er hat nur ein Bein. Die Hand an sein Herz haltend, nickt er ihm zu: „Gott segne dich.“ Die Augen schließend erwidert der alte Mann Mahmouds Segensgruß.
Zuhause angekommen geht er in die Küche. „Haben wir einen Tee?“, fragt er seine Mutter. „Es ist noch nicht Zeit“, antwortet Leila.
„Ich weiß, er ist nicht für mich.“
Mit einem Baumwolltuch nimmt Leila die große Teekanne vom Herd. Für das abendliche Fastenbrechen hatte sie bereits einen Tee angesetzt. Vorsichtig gießt sie ihn in ein filigranes Gläschen, das Mamoud ihr hinhält.
„Danke, Mama!“
Dann macht er sich auf nach draußen. Der alte Mann sitzt noch immer da. Er reicht ihm den Tee zusammen mit einem großen Stück Zucker. „Danke, Gott sei Dank“, sagt der alte Mann, während er das Teeglas entgegen nimmt.
Die Augen schließend, nimmt er einen Schluck nach dem anderen. Mahmoud setzt sich neben ihn und lauscht den Schluckgeräuschen. Er fühlt Zufriedenheit und Ruhe. Zu wissen, dass er dem alten Mann etwas Gutes tut, ist, als würde er selbst den Tee trinken. Vor gut 20 Stunden hat er das letzte Mal etwas getrunken. Aber der beinahe schmerzhafte Durst, den er am Mittag noch gespürt hatte, ist weg. Zumindest in diesem Moment.
Schweigend sitzen sie nebeneinander, eingetaucht in den Frieden des Moments. Mahmoud denkt an nichts. Mittlerweile ist es früh am Abend. Die letzten Sonnenstrahlen verschwinden hinter den umliegenden Häusern. Aber erst der kälter werdende Wind holt ihn zurück ins Hier und Jetzt.
Vorfreude
In der Zwischenzeit hat eine ansteckende Hektik die kleine Stadt überkommen. Die Straßen füllen sich. Als würde ein Magnet sie von ihren Arbeitsstätten heim in ihre Häuser und Wohnungen ziehen, eilen die Menschen durch die engen Gassen der Stadt. Bei Sonnenuntergang müssen sie Zuhause sein. Dann ertönt die Sirene. Auch Mahmoud muss los. Er schaut den alten Mann an, der Leicht mit dem Kopf nickend ihn ermutigt aufzubrechen. Dankbar küsst der alte Mann ihm den Kopf. „Gott segne dich.“
Dann nimmt Mahmoud das Teeglas und taucht ein in das Gewusel der Menge. Manche kaufen schnell noch einen Orangensaft, andere ein paar frittierte Sardellen. Mahmoud ist froh, er muss nur die kleine Kreuzung überqueren und ist daheim, wo bereits ein köstliches Essen auf ihn wartet. Schon am Mittag hat er Leila beobachtet, wie sie Suppe gekocht und Brot gebacken hat.
Mit einem Mal ist auch sein Appetit zurück. Lang kann es nicht mehr dauern, ist er sich sicher. Daheim angekommen, ist alles vorbereitet. Seine ganze Familie hat sich bereits versammelt. Alle sitzen sie im Wohnzimmer um den rechteckigen Tisch auf, dem der dampfende Topf mit der Harira steht.
„Hast du Hunger?“, fragt ihn Zacharia.
„Ja“, platzt es aus Mahmoud heraus.
Ein ohrenbetäubendes Heulen durchdringt plötzlich seine Ohren. Kurz zuckt er zusammen. Dann aber löst ein erleichtertes Lächeln den Schreck aus seinem Gesicht. Es ist die Sirene. Und sie sagt: Zeit zu Essen!
„Du warst tapfer“, sagt Zacharia. „Iss, du hast es dir verdient.“
Am Ziel - für den ersten Tag
Strahlend nimmt Mahmoud einen Löffel nach dem anderen. Noch nie hat ihm die Harira seiner Mutter so gut geschmeckt wie heute. Wenn er die Wahl hatte, hat er stets etwas Anderes der traditionellen Suppe aus Linsen, Kichererbsen und Nudeln vorgezogen. Heute aber ist es, als würde er ein vollkommen neues Gericht essen. Plötzlich schmeckt er den Kreuzkümmel, den Koriander, die Paprika und den kleinen Spritzer Zitronensaft, den Leila zum Schluss in jede Suppenschale gegeben hat. Ab und an steckt er sich eine der süß-saftigen Datteln in den Mund. Genüsslich schließt er dabei die Augen.

Nach der ersten Schale Suppe und den Datteln fühlt er wie Frieden in seinen Bauch zurückkehrt. Er beginnt zu gähnen und verspürt keinen Appetit mehr. Eigentlich, denkt er sich, kann es doch gar nicht sein, dass er schon satt ist. Schließlich hat er den ganzen Tag weder gegessen noch getrunken. Sein Magen aber signalisiert ihm: Safi - Genug. Zumindest für den Moment.
Erneut schreckt Mahmoud auf. Zum fünften Mal an diesem Tag ruft der Muezzin zum Gebet. Das Iftar, das letzte Gebet des Tages steht an. Dieses Mal geht er nicht in die Moschee. Er geht in sein Zimmer und betet für sich, so wie alle in seiner Familie. Konzentriert spricht er die Worte aus dem Koran. Mit den Worten entweicht auch die Müdigkeit aus seinem Körper. Er ist wieder wach und freut sich auf einen weiteren Gang.
Zurück vom Gebet bringt Leila den großen Tajinetopf aus der Küche. Hähnchen, Kartoffeln, Oliven und in Salz eingelegte Zitronen. Dazu gibt es Batbout, frisch gepressten Orangensaft, Datteln und in Honig getränkte Süßigkeiten.
Das wilde Pferd
Mittlerweile ist auch Mahmouds Appetit wieder zurück. Genüsslich taucht er etwas Brot in die Tajine. Bis spät am Abend sitzt er mit seinen Liebsten um den kleinen rechteckigen Tisch, vollgestellt mit all den Köstlichkeiten. Mahmoud isst nur langsam. Allein der Anblick und die Gewissheit essen zu können, wenn er es will, genügen ihm. Zufrieden beobachtet er, wie der Tisch sich immer weiter leert. In Gedanken blickt er zurück auf den vergangenen Tag. Sein erster Fastentag. Die Gebete, die Begegnung mit dem alten Mann, die Momente, in denen er kämpfte, Schmerzen ertrug, ja sogar Wut hatte er für einen kurzen Augenblick gefühlt, als seine Freunde alle vor ihm zu Mittag aßen.
„Die Seele ist wie ein wildes Pferd, das gezähmt werden will.“ So hatte es der Imam im ersten Gebet des Tages gesagt. An diesem Tag hatte er es geschafft, das wilde Pferd tief in seinem Inneren zu zähmen. Die Wut, das Verlangen. Er hatte sie gebändigt bekommen. Die Kraft der Gemeinschaft hatte ihm dabei geholfen. Und es fühlte sich gut an.
Und mehr noch: Er hatte dem alten Mann Tee gebracht und ihm Zeit geschenkt. Vielleicht war es gar nicht unbedingt der süße Tee, der ihm Freude bereitet hat. Vielleicht, so dachte er sich, war es schlicht das gemeinsame Schweigen. Das Gefühl wortloser Verbundenheit, das ihm gut getan hatte.
Noch immer starrte er auf den sich leerenden Tisch, um den seine Familie saß, schlemmend und lachend. Eine warmes Gefühl von Frieden und Reinheit begann vom Zentrum seines Bauches aus sich im ganzen Körper auszubreiten. Und obgleich er nur wenige Bissen von der Tajjine gegessen hatte, fühlte keinen Hunger mehr.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Mahmouds Geschichte von seinem ersten Fastentag ist inspiriert von meinen persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen, die ich während des Ramadan in Marokko machen durfte. Von Ende Februar bis Ende März war das gesamte Land im Fastenmodus. Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang haben die Menschen nichts gegessen und getrunken. Restaurants und Cafés waren geschlossen. Nur an touristischen Hotspots nicht. Ich war beeindruckt, dass wirklich das ganze Land fastet. Der Ramadan ist kaum vergleichbar mit der Fastenzeit, die es in christlichen Ländern zwischen Aschermittwoch und Ostern gibt. In Marokko fasten wirklich nahezu alle gesunden, erwachsenen Menschen. Lediglich kranke, sehr alte oder Kinder fasten nicht.
Mit 15 Jahren ungefähr beginnen Jugendliche üblicherweise mit dem Fasten. Die Entscheidung treffen die Jugendlichen selbst.
Dabei ist der Ramadan in jedem Fall mehr als nur eine Enthaltung beim Essen. Wie der Imam es Mahmoud gesagt hat, sehen Muslime die Seele als ein wildes Pferd an, das nur dann gut ist, wenn es gezähmt werden kann. Und so geht es im Ramadan zwar zum einen darum, das Verlangen nach Essen zu kontrollieren, zum anderen aber auch darum, weitere schlechte Gewohnheiten abzulegen.
Viele Raucher hören tagsüber auf zu rauchen. Ich habe selbst miterlebt, wie Menschen, die zuvor regelmäßig und gerne Alkohol getrunken haben (was für strikte Muslime eigentlich verboten ist), im Ramadan für einen Monat mit dem Trinken aufgehört haben.
Neben dem Ablegen schlechter Gewohnheiten und dem Fasten sind Muslime im Ramadan auch dazu angehalten, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen und zu spenden. Wenn ich durch die Straßen von Essaouira gelaufen bin, habe ich stets viele Menschen gesehen, die ihren ärmeren Mitmenschen in den Straßen Geld oder etwas zu essen gegeben haben.
Auch sehr arme Menschen fasten zum Teil nicht. Für sie ist der Ramadan vermutlich der beste Monat im Jahr. Ein Freund, der ein Café in der Medina von Essaouira betreibt, hat mir erzählt, dass er immer wieder versucht hat, übrige Kuchen und Brote aus seinem Café an Menschen in den Straßen zu verteilen, aber alle abgelehnt hätten, weil sie über den Tag bereits genug zu essen bekommen hätten.
Tatsächlich habe ich selbst am ersten Tag des Ramadan versucht zu fasten. Am Machmittag hat mich der Hunger aber so sehr geschmerzt, dass ich schwach geworden bin und dem wilden Pferd in mir nachgegeben habe.
In den folgenden Tagen habe ich viel mit den Leuten gesprochen und beobachtet und dabei ist mir vor allem eine Sache klar geworden. Der Ramadan ist vor allem eines: eine gemeinschaftliche Stärkung des menschlichen Geistes.

