„Guter Junge! Du wirst die Goldmedaille holen!“, ruft Alejandro. Der pensionierte Olympia-Schwimmtrainer mit dem schwarzen Sportoberteil, dem schelmischen Grinsen und der Gewinneraura ist voll in seinem Element, als er zusammen mit Clemens durch Asunción läuft. Alejandro spaziert. Clemens joggt - und bekommt freundschaftliche Kommandos von Alejandro hinterhergerufen.
Alejandro hat den jungen deutschen Weltreisenden im Hostel kennen gelernt - und Alejandro sang sogleich: „Tu eres el amigo de mi alma“ (Du bist mein Seelenfreund). Ein Zitat aus dem Lied Amigo von Roberto Carlos. Clemens fand Gefallen am unkonventionellen Auftreten Alejandros – und so machten sich die beiden auf, die Hauptstadt Paraguays gemeinsam zu erkunden. Da Clemens gerne joggt, erklärte sich Alejandro kurzerhand zu seinem Trainer.

Als sie im Café eine Pause machen, verrät Alejandro Clemens sein Erfolgsrezept für ein gutes Leben:
Don't worry. Warum sich viele Sorgen über die Zukunft machen? Genieß' lieber die Gegenwart! Und dann wird die Zukunft auch gut.
„Du hast Recht“, antwortet Clemens und nickt schnell. Vielleicht ein bisschen zu schnell. Als hätte er Angst, dass Alejandro ihn nach seinem Gefühlszustand fragt.
So blüht die Blume
„Don't worry“, wiederholt Alejandro. Genau das hat er seinen Schwimmern vermittelt. „Wenn du einem jungen Athleten sagt, dass er nicht gut ist, wird er wahrscheinlich nicht mehr zum Training kommen. Die Blume kann also gar nicht erst anfangen zu wachsen.“ Seine Strategie hingegen: genießen, immer weiter motivieren, und so erfolgreich sein.

Alejandro spricht mit der Ruhe eines Mannes mit jahrzehntelanger Trainingserfahrung. Er trainierte Nationalmannschaften in Nicaragua, Honduras und Venezuela, gewann Medaillen bei den Zentralamerikanischen und Karibischen Spielen, war Trainer bei den Olympischen Spielen in Montreal 76, Los Angeles 84, Barcelona 92, Seoul 88 und bei mehreren Weltmeisterschaften – alle Jahreszahlen hat er noch im Kopf.
Jeder ist „Amigo“
Die entspannte Gewinnermentalität hat der Kolumbianer aus Medellín immer noch - mit 86 Jahren. Er wohnt in der „Stadt des ewigen Frühlings“, wo es 22 Grad das ganze Jahr über hat. Von dort aus reist er durch Südamerika, von Hostel zu Hostel. Spaziert durch die Städte, spricht jeden mit „Amigo“ an und verteilt gerne Komplimente.
Der 86-Jährige liebt das Leben, nimmt es aber nicht allzu ernst. Auf dem Weg zurück zum Hostel will er einen Fleischspieß bei einem Straßenstand essen. Clemens zögert – er macht sich Sorgen wegen der Hygiene. „Come on. Wenn du morgen wieder aufwachst, hast du überlebt”, sagt Alejandro und lacht, dass es durch die Straße schallt.
Clemens wartet einen Moment. Schließlich fasst er sich ein Herz und bestellt einen Spieß. Alejandro hat wirklich Recht, fühlt er. Als er in das sehnige Fleisch beißt, murmelt er: „Don’t worry.”

Die Geschichte hinter der Geschichte
Alejandro habe ich in meinem Hostel in Asunción kennen gelernt. „Guten Tag, auf Wiedersehen”, sagte er zu mir auf Deutsch, nachdem ich ihm verriet, dass ich aus Deutschland komme. Ich half ihm bei der Flugbuchung zurück zu seinem Heimatort Medellín, also lud er mich auf einen Kaffee im Zentrum ein. Ich stieg in die Joggingklamotten, und so kam es zu meinem ersten - und bisher einzigen - Lauftraining mit einem Olympiatrainer.

Als Alejandro von „Seelenfreundschaft” sang, ging mir ein Licht auf. Ich hatte das Gefühl, ihn irgendwoher zu kennen, obwohl wir uns in diesem Leben noch nie begegnet sind. Tatsächlich passiert mir das in letzter Zeit sehr oft. Ich treffe jemanden zum ersten Mal - und wir sprechen, als ob wir schon jahrelang befreundet sind. Das ist wirklich wunderbar, so fühle ich mich nie allein, wo auch immer ich gerade reise.

Danke, Alejandro, für deine Freundschaft. Wir sehen uns in Medellín!
