Der falsche Flug

João möchte seinen Geburtstag unbedingt in Rio de Janeiro verbringen - bis er eine ältere Dame trifft, die ihm einen Ratschlag gibt.

„Schicksal? Eine höhere Kraft, die in mein Leben eingreift?“ João runzelt die Stirn. Daran hatte er nie geglaubt.

Mit seinem dreißigsten Geburtstag wird er seine Meinung ändern.

Schon seit Wochen freut er sich auf den Geburtstag. Er möchte ihn feiern. Nicht irgendwo, sondern auf dem Elektronik-Musikfestival in Rio de Janeiro. Ganz allein will er hin. Und einfach tanzen.

Der Countdown läuft

Sein Gepäck ist gerichtet, der Online-Check-In erledigt. Es ist nur ein kurzer Flug von São Paulo nach Rio, aber verpassen möchte er ihn auf keinen Fall.

Nur noch acht Stunden arbeiten. João setzt sich extra pünktlich an den Schreibtisch im Großraumbüro. Er ist Verkehrsplaner und muss einen Entwurf für eine gefährliche Kreuzung fertigstellen, um sie sicherer zu machen. Stoppschilder, Ampeln, João klickt schnell mit der Maus.

Er formt die Hand zur Faust, als er die Aufgabe erledigt hat. Noch gute zwei Stunden hat er bis zum Feierabend. Er weiß, dass er heimlich am Computer spielen könnte wie sein Sitznachbar, aber João hört lieber Musik. Er lehnt sich zurück, der Bass ordnet seine Gedanken. Bis das Telefon klingelt.

Der unerwartete Anruf


„Hier ist Fábio von Compliance.“

João schluckt. Hat er etwas falsch gemacht? Er hatte bisher noch nie mit der Compliance-Abteilung zu tun.

„Herr João, Sie planen hier den sicheren Verkehr von Menschenleben.“ João schweigt.
„Wenn wir etwas übersehen, kommt es zur Kollision.“ Eine Pause.

„Deshalb brauchen wir eine zusätzliche Simulation.“
„Bis wann?“
„So bald wie möglich“, sagt Fábio. „Heute.“

„Auf Wiederhören“, sagt João. Er kneift die Augen zusammen. Damit hat er gar nicht gerechnet. Ausgerechnet jetzt meldet sich die Compliance…

João haut in die Tasten, dass es klackert. Endlich gibt das Programm grünes Licht - und er kann das Büro verlassen. Eine Stunde später als gedacht.

Rush Hour in São Paulo

Noch sechs Stunden bis zum Abflug. Genug Zeit. João geht nach unten in die Tiefgarage und steigt ins Auto. Lawinen von Autos wälzen sich durch die Straßen São Paulos. Hupen, Dieselgestank. Alltag für Pendler. Es ist die letzte Kreuzung vor der Autobahn. João lächelt, als er das Ziel auf dem Schild liest: Viracopos International Airport, der in Campinas im Nordwesten von São Paulo liegt. Eine ordentliche Strecke. Die Ampel wird grün. Ein weißes Auto zieht von links auf Joãos Spur. Rumms. Eine kleine Kollision.

Beide fahren rechts ran. João geht hinüber zum Mann im Anzug: „Schauen Sie, ich weiß, dass Sie Schuld am Unfall sind. Aber wissen Sie was? Es ist in Ordnung. Ich muss los - meinen Flug erreichen. Auf Wiedersehen.“ Der Mann schaut verdutzt, widerspricht aber nicht.

Der Ratschlag der älteren Dame


João drückt aufs Gas. Die Reparaturkosten sind es ihm wert. Er freut sich schon so auf das Festival. In der geschäftigen Check-In-Halle schaut er nochmal auf sein Ticket - und ihm rutscht ihm das Herz in die Hose. Statt „VCP“ steht hier „CGH“. Ein anderer Flughafen. Der in der Innenstadt São Paulos, nicht weit weg in Campinas. Wenn er jetzt losfährt, schafft er es noch rechtzeitig hin. Doch dann spricht ihn eine verloren wirkende ältere Dame an.

„Zwei Flüge habe ich verpasst“, sagt sie ihm. „Ich will meine Enkel in Porto Alegre besuchen und bin hier gelandet, wusste aber nicht, dass mein Weiterflug von einem anderen Flughafen ist.“ Dann buchte sie einen neuen Flug, doch schaffte es nicht, das Gate rechtzeitig zu finden.

João hört der Dame zu, doch bevor er ihr seine Hilfe anbieten kann, sagt sie:
> Was auch immer du glaubst, richte deine Aufmerksamkeit nach oben und triff dann deine Entscheidung.

Und auf einmal ist sie weg.

Die Entscheidung


Gedanken schwirren João durch den Kopf. Die Compliance-Abteilung, der Unfall, die alte Dame… Dann atmet er einmal tief durch.

Es ist besser, nach Hause zu fahren und nicht diesen Flug zu nehmen, glaubt João.

Er steigt wieder ins Auto. Die zwei Stunden zurück fühlen sich für ihn an wie eine Dusche nach langer Reise. Pure Erleichterung.

Neuigkeiten

Drei Tage später erfährt er: In Rio gibt es große Schießereien zwischen Polizei und einer Drogenbande. Und das ganz in der Nähe des Musikfestivals, das João besuchen wollte.

Am Ende feiert João seinen Geburtstag in São Paulo. Zu Hause mit seinen Freunden. Der Bass der elektronischen Musik wummert durch das Hochhaus. João lehnt am Fenster, ein Glas in der Hand.

Es ist einer der schönsten Geburtstage, die er je erlebt hat.

Die Geschichte hinter der Geschichte


João habe ich in La Paz kennen gelernt - wie so viele meiner Gesprächspartner im Hostel. Eigentlich heißt er Iago.

Iagos Geschichte hat mich beeindruckt. Nach unserem Gespräch auf dem Sofa nahe der Hostel-Rezeption hielten wir noch den Moment mit einem Foto fest.

Ich machte mir einen Coca-Tee - eine leckere Kaffee-Alternative, mit der man sich als Neuankömmling in La Paz besser an die Höhe anpasst - und setzte mich zu ihm und einer Freundin auf Sofa. Die beiden warteten auf die Abfahrt ihres Busses, um weiterzureisen. Wir unterhielten uns über dieses und jenes, bis wir auf Glaube und Gott zu sprechen kamen. Er sagte, er sei skeptisch, was Religionen angeht - und erzählte mir dennoch sogleich die erstaunliche Geschichte von seinem Flug nach Rio. Sie inspirierte mich dazu, Joãos Story zu schreiben.

Drei Stunden später schrieb mir Iago: „Wir konnten den Bus nicht nehmen.“ Demonstranten, die mit der Politik der neuen bolivianischen Regierung nicht einverstanden sind, blockieren regelmäßig Straßen. Selbst für unbeteiligte Ausländer: kein Durchkommen.

Wer weiß, wofür es gut war.

Für die nächste Geschichte.

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