Alles begann auf einer Müllhalde. Besser gesagt einem Strand, den manche Menschen in der kleinen marokkanischen Hafenstadt Essaouira einfach nur den „Müllstrand“ nennen.
Wer den Strand besucht, kann sie beobachten: dreirädrige, motorisierte Lastenräder, die den abenteuerlichen Weg bis zum Strand auf sich nehmen und dort den Müll der Stadt abladen. Täglich komme sie hier vorbei. Mit der Zeit ist so aus der kleinen Anhöhe über dem Meer eine Müllhalde geworden. Eine Müllhalde mit wohl einem der schönsten Ausblicke aller Müllhalden weltweit.
Jeden Abend wenn die Sonne in den Wellen des Atlantiks untergeht, taucht sie den Strand in ein warmes Licht, in dem der Müll schimmert wie ein farbenfrohes Mosaik.

Und genau hier, zwischen Müll, Mosaik und Sonnenuntergängen hat Mustapha vor beinahe 30 Jahren begonnen, das zu machen, was er seit seiner Kindheit liebte: Kunst. Genauer gesagt: das Malen.
Atelier zwischen Müll und Meer
Aufgewachsen ist der heute 64-Jährige in Ounagha, einem Ort rund 30 Kilometer östlich von Essaouira. Schon als Kind malte er. Mit 20 zog es ihn dann mehr zur Musik, seiner zweiten großen Leidenschaft. Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit mit kleinen Gelegenheitsjobs.
Das Malen begleitete ihn weiterhin. Es war ein Hobby, bis er 1997 begann, einzelne Kunstwerke zu verkaufen. Es funktionierte. Immer mehr Menschen schätzen seine Bilder und mit der Zeit konnte er davon seinen Lebensunterhalt bestreiten.
Ein Jahr später, auf der Suche nach einem Atelier, erwarb er schließlich einen Platz an besagtem Müllstrand. „Ich war der erste, der hierher kam und Kunst gemacht hat“, sagt Mustapha.

Heute finden sich auf dem Strand dutzende kleine Kunstateliers. Sie alle folgten mit der Zeit Mustapha an diesen außergewöhnlichen Ort. Für Kunstkenner ist „Lajutya“, wie der Strand und die gesamte Gegend drum herum genannt wird, heute ein Geheimtipp.
Das Tor zur internationalen Kunstwelt
Anfang der 2000er Jahre wurde hier ein dänischer Kunstmäzen auf Mustapha aufmerksam. Er organisierte Kunstausstellungen auf der ganzen Welt und war begeistert von Mustapha’s Bildern. Und er war es, der seinen Kunstwerken das Tor zur internationalen Kunstwelt öffnete.
Manchmal schaut Mustapha im Internet nach, wo seine Kunstwerke gerade sind und zu welchen Preisen sie gehandelt werden. Erst kürzlich wurde eines seiner Werke in New York für 600.000 Dirham (60.000 Euro) versteigert. „Verkauft habe ich es damals für 2000 Euro“, sagt er mit einem bescheidenen Lächeln.

Die meisten seiner großen Bilder verkauft Mustapha zu Preisen zwischen 2000 und 3000 Dirham (200 - 300 Euro). Rund 500 waren es im vergangenen Jahr. Nicht alle sind von ihn selbst. In seinem Atelier bietet er auch einigen ausgewählten Freunden die Möglichkeit, ihre Kunst an seine Kunden zu verkaufen.
„Die Farben unserer Seele“
Viele seiner Werke zeigen ineinander übergehende Gesichter mit markanten Augen. „Unsere Augen sind unsere Werkzeuge, mit denen wir die Welt wahrnehmen. Ohne Augen könnten wir keine Kunst sehen.“
Gerade malt er ein Gemälde, zwei auf drei Meter, mit unzähligen Gesichtern. Das Besondere dabei: Alle Gesichter sind mit nur einem einzigen, langen Pinselstrich gemalt und dadurch miteinander verbunden.

Auch farblich hat Mustapha seine eigene Handschrift: Fast alle seine Bilder sind in den Farben Rot, Gelb, Orange und Blau gemalt. Für Mustapha sind das „die Farben unserer Seele“.
Jedes seiner Werke erinnert ihn an einen bestimmten Moment seines Lebens. Denn es waren stets kleine Augenblicke, Momente, in denen sich etwas in ihm regte, die ihn dazu inspirierten zu malen. „Ich male, was in diesem Moment da ist“, sagt Mustapha Gerade zum Beispiel ärgere er sich über die Politik. „Es gibt so viele junge Menschen mit einem guten Abschluss, aber es gibt keine Arbeit für sie.“ Was er daraus macht? Noch weiß er es nicht. „Das kommt von ganz alleine.“
Ein Ort des Friedens
Neben Gemälden bemalt Mustapha auch Möbelstücke oder baut seine eigenen Musikinstrumente. Wenn er nicht malt, sitzt er gerne zwischen seinen Bildern und spielt Lotar, ein gitarrenähnliches Instrument, an das er sogar einen Verstärker angelötet hat.

Ob er einen Traum habe? „Nein, alle meine Träume hat Gott mir bereits erfüllt“, sagt der gläubige Muslim, während ein zufriedenes Lächeln über sein Gesicht huscht.
„Ich habe ein gutes Leben, ich darf das machen, was mir Freude macht, ich habe Freunde, die vorbeikommen und mich hier besuchen und am Nachmittag habe ich Zeit, um Angeln zu gehen.
Das Angeln, es ist neben dem Malen und der Musik Mustapha’s dritte Leidenschaft.
„Wenn ich auf das Meer hinausblicke und warte bis ein Fisch anbeißt, ist es dasselbe wie wenn ich male: Dann bin ich an meinem Friedensort.“
„Außerdem: wenn wir beten machen wir dieselbe Bewegung, wie eine Welle, wenn sie bricht...“

Die Geschichte hinter der Geschichte
Mustapha und sein Atelier durfte ich während meiner Zeit in Essaouira kennen lernen. Den Strand kannte ich schon länger, allerdings habe ich lange nicht gewusst, welche (Kunst)-Schätze sich hinter den Bretterverschlägen rund um den Strand verstecken.
Bis ich Sophie kennen gelernt habe. Sie kommt eigentlich aus Frankreich, lebt aber schon rund zwei Jahre in Essaouira. Ich habe sie im Café kennen gelernt, als sie an einem postkartengroßen sehr hübschen Bild malte. Wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, dass sie regelmäßig zu einem Künstler gehe und bei ihm im Atelier male.

Eines Tages gingen wir gemeinsam zu Mustapha und sie stellte mich ihm vor. Er saß vor seinen Bildern und spielte mit seiner Lotar. Aus seinem Lachen strömte so viel Wärme und Frieden. Häufig habe ich bei der Bezeichnung „Künstler“ ein komisches Gefühl - heute ist schnell alles und jeder ein Künstler, aber bei Mustapha habe ich in jedem Moment gefühlt, dass er diesen Titel verdient.
Er scheint sich keine großen Gedanken über seinen Erfolg zu machen, auch die Zahlen und Daten zu seinen Gemälden scheinen für ihn nebensächlich. Mustapha lebt, malt und fischt in seinem eigenen Rhythmus.
Stets an seiner Seite ist seine vierjährige Hündin Nina. Sie begleitet ihn auf Schritt und Tritt. „Sie ist wie eine gute Freundin“, sagt er. Und: „Sie hat dasselbe Sternzeichen wie ich.“
Es sind diese kleinen Details, die für mich so viel über Mustapha aussagen und die ihn zu einem wahren Künstler machen. Wo andere sich über Größe, Alter oder Knuddelfaktor eines Hundes interessieren, ist für Mustapha nur eines wichtig: das Sternzeichen. Er scheint mit anderen Augen auf unsere Welt zu blicken - und genau das macht ihn vermutlich zu einem echten Künstler.

