Der Meister der vergessenen Gitarre

Obwohl sie als Instrument der Bettler galt wollte Ayoub die Guembre spielen. Heute ist er einer der großen Meister des Instruments und die Guembre beliebter denn je.

Casablanca, Anfang der 2000er Jahre. Ayoub, ein junger Mann hat einen Traum: Er möchte Gitarre spielen lernen. Das Problem: Es gibt kaum welche. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts kam die klassische Gitarre aus Europa nach Nordafrika. Zudem können sich nur wenige Menschen das Instrument mit den sechs aus Stahl oder Nylon gefertigten Saiten leisten.

Und dennoch: Viele, besonders jungen Menschen, wollen Gitarre spielen. Für die weit verbreitet traditionelle Gitarre, die Guembre, interessiert sich dagegen kaum jemand. Es heißt, nur Bettler in den Straßen würden damit spielen.

Dem schlechten Image zum Trotz und mangels Alternativen gibt Ayoub dem dreisaitigen Instrument aber eine Chance. Wieder und wieder spielt er auf der aus Holz und Ziegenhaut gefertigten Gitarre. Mit der Zeit findet er Gefallen daran.

Ayoub heute mit seiner Guembre.

Anfangs ist es nicht einfach für ihn. Er hat Mühe, den Menschen zu erklären, weshalb genau er ein Instrument spielt, das von vielen Menschen als etwas Verstaubtes und sogar Schmutziges angesehen wird. Selbst seine Mutter fragt ihn, ob er nicht etwas anderes spielen könne. Ayoub aber bleibt dabei: Er möchte Guembre spielen.

Eine neue Welt

Über das Instrument lernt er den Gnaua kennen, eine jahrhundertealte, spirituelle Musik. Er lernt bei Meistern, den sogenannten Maalams. „Wenn du selbst ein Meister werden möchtest, musst du auf Reisen gehen“, sagt ihm einer von ihnen eines Tages. „Und du musst deine Guembre selbst bauen. Das ist die Regel.“

Dem Rat des Gnaua-Meisters folgend geht Ayoub auf Reisen. Acht Jahre ist er unterwegs. Nur er und seine Guembre. Ganz Marokko bereist er in dieser Zeit. Wenn er heute, fast zwanzig Jahre später, auf diese Zeit zurückblickt, weiß er, dass sie aus ihn den Musiker gemacht hat, der er heute ist.

„Ich hatte viel Glück“, sagt er. Nie habe er hungern müssen und fast immer hatte er einen Platz für die Nacht.

Egal, wo Ayoub hin ging - seine Guembre war stets dabei.

Nicht selten sind es Touristen, denen er die geheimen Plätze in der Umgebung zeigt oder, die ihm beim Musikmachen lauschen, die ihn mit Essen oder einem Schlafplatz helfen. „Manchmal habe ich auch Geld von ihnen bekommen oder ich konnte mit ihnen weiterreisen. Häufig haben sie mir Dinge überlassen, die sie auf ihrer Reise nicht mehr gebraucht haben. Entweder habe ich sie selbst gebraucht oder weiterverkauft. Mal war es ein Zelt, mal ein Verstärker, den er für seine Musik brauchen konnte. Es hat sich immer alles gefügt - Gott sei Dank.“

Mehr als Musik

Ayoub spielt, lernt und erkennt mehr und mehr, dass Gnaua mehr als nur Musik ist. Nächteweise spielt er gemeinsam mit anderen. Von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang. Alles folgt einer genauen Farbenlehre: Weiß, grün, blau, rot, gelb, lila und schwarz. „Jeder Farbe hat ihre eigene Kraft, ihre eigene Symbolik und ihre eigenen Lieder“, erklärt Ayoub. Mindestens sieben verschiedene Lieder pro Farbe werden in den sogenannten Gnauanächten gespielt. „Über die Nacht hinweg sind es mehr als 100“, weiß Ayoub.

Die Rhythmen des Gnaua, wieder und wieder gespielt, bringen die Menschen dabei in eine Art Trance. „Es ist magisch. Deine Augen können nicht begreifen, was sie sehen“, sagt Ayoub. Manche würden anfangen zu weinen, andere wiederum könnten sich kaum halten vor Lachen. „Es geht um Heilung, um Frieden - wahren Frieden durch den Geist.“ Mehr als hundert solcher Nächte hat Ayoub mittlerweile erlebt.

Nach seiner Zeit auf Reisen, in der er bei verschiedenen Gnaua-Meistern lernte, widmete er sich der Arbeit in einem Gnaua Tempel - er nennt sie die „blauen Höhle“. Mit all dem, was er gelernt hatte, heilte er mit seiner Musik auch dort Menschen, die die Höhle mit einem bestimmten Leiden aufsuchten. Und auch hier lebte er von Spenden der Menschen. „Manchmal waren es Datteln und Nüsse, manche haben Geld gegeben oder etwas Anderes.“

Renaissance einer Musik

Immer mehr Menschen in Marokko begannen mit den Jahren jene Musik und das Wissen ihrer Ahnen wieder zu schätzen. Aus dem schmutzigen Image, das der Gnaua noch Anfang der 2000er Jahre hatte, wurde mit der Zeit eine moderne Form der Traditionspflege. Viele Marokkaner schätzen heute den Wert ihrer Kultur und zeigen sie stolz den Besuchern ihres Landes.

In Essaouira, einer kleinen Hafenstadt an der Westküste Marokkos wurde vor rund 25 Jahren ein eigenes Festival für den Gnaua ins Leben gerufen. Tausende Menschen strömen jedes Jahr im Juni in die kleine Stadt am Atlantik, wenn die Gnaua-Meister aus dem ganzen Land und weiteren afrikanischen Ländern sich in der kleinen Stadt treffen.

Sticker für das Gnaua-Festival in Essaouira.

Für das Festival kam auch Ayoub vor acht Jahren das erste Mal nach Essaouira. Vom Spirit der Stadt begeistert blieb er. Anfangs spielte er in Bars und angesagten Locations. Vor zwei Jahren erwarb er zusammen mit seiner damaligen Freundin ein mehrstöckiges Haus nahe der Stadtmauer zum Meer hin.

Ein Haus für den Gnaua

Ihr Vater war verstorben und hatte ihr ein Erbe hinterlassen, von dem sie das Haus kauften. In seiner Heimat Japan war ihr Vater selbst als Musiker aktiv und unterstützte insbesondere die klassische Musik. „Er hat häufig Musiker bei sich zu Hause aufgenommen und träumte immer davon, einen Ort für Musiker zu schaffen. Mit dem Haus haben wir seinen Traum wahr werden lassen“, sagt Ayoub.

Vor gut einem Jahr öffnete das „Dar Gnaua“, das Haus des Gnaua, wie Ayoub das Haus getauft hat, seine blaue Eingangstür. Mittlerweile gehen hier regelmäßig Musiker aus den verschiedensten Ländern der Welt ein und aus. Gegen eine kleine Spende dürfen sie im Haus leben und auch das kleine Tonstudio mitbenutzen. Regelmäßig finden gemeinsame Jams statt. Zudem bekommen die Musiker, die neu in der Stadt sind, wertvolle Tipps und Kontakte von Ayoub.

Der Ausblick von der Dachterasse im „Dar Gnaua“.

Auch viele westliche Musiker haben noch nie von Gnaua gehört. Im „Dar Gnaua“ erfahren sie die Magie und Heilkraft der jahrhundertealten alten Musiktradition. Genau das ist es, was Ayoub möchte: „Den Spirit des Gnaua in die Welt bringen.“

Die Renaissance seiner Musik ist in Marokko allgegenwärtig. In vielen angesagten Restaurants oder Bars wird heute Gnaua gefeiert. Und auch, wenn er selbst zu bescheiden ist, es sich zuzugestehen, hat er vermutlich einen guten Teil dazu beigetragen.

„Immerhin“, so sagt er, „muss ich mich heute nicht mehr schämen, wenn ich draußen mit meiner Guembre spiele. Heute kommen die Menschen und tanzen dazu.“

Ayoub mit einem befreundeten Musiker.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Ayoub habe ich kennengelernt in einem Restaurant in Essaouira. Über einen Freund, der mit ihm gemeinsam an diesem Abend dort auftrat, bekam ich Zutritt und lauschte seinem Konzert.

Seine Präsenz auf der Bühne, seine Stimme und seine fast den Boden streifenden Rastas haben mich begeistert. Immer wieder ist er mir anschließend in der Stadt aufgefallen und so fragte ich ihn eines Tages, ob er offen dafür wäre, mit mir zu sprechen. Er sagte „ja“ und lud mich in sein Haus, das „Dar Gnaua“ ein, wo er mir seine Geschichte erzählte.

Eine der markanten blauen Türen im „Dar Gnaua“.

In Essaouira ist Ayoub wahrlich eine Erscheinung. Niemand hat wohl längere Rastas als er. Seit 2006, sagt er, hat er sie wachen lassen - regelmäßig schneidet er die Spitzen ab, sonst würde er sie schon längst auf dem Boden hinter sich herziehen. Ob so ein Berg aus Haaren auf dem Kopf nicht schwer ist, wollte ich von ihm wissen: „Doch, anfangs tut es weh, aber auch der Kopf ist wie ein Muskel - man kann ihn trainieren“, sagt er.

Und dennoch: Es sind nicht nur seine langen Rastas, die ihn zu einem wahren Meister, einem Maalam des Gnaua, machen.

„Für mich sind Rastas Ausdruck von Freiheit“, sagt Ayoub.

Für die nächste Geschichte.

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