Die Angel-Ausrede

Stundenlang warten und kein Fisch beißt an? Wieso das für Carlos „überhaupt kein Problem“ ist.

Der Wind bläst leicht, der Fluss plätschert, eine kleine Welle nach der anderen bricht und fließt über den Strand.
Carlos sitzt auf dem blau-weißen Klappstuhl und blickt gedankenverloren in die Ferne. Vor ihm: fünf Angelruten nebeneinander. Ebbe - schlechte Bedingungen zum Angeln. Aber das macht nichts. „Das ist meine Ausrede, um eine gute Zeit zu haben“, sagt er.

Den ganzen Vormittag lang ist der Rentner schon an der Playa Ferrando, die er fast ganz für sich hat. Im Herbst beginnt für ihn die Angelsaison - dann, wenn die Menschen zurück aus dem Urlaub sind und wieder arbeiten, ist es ruhiger. Ab und zu kommt ein Spaziergänger vorbei. Sonst sind es nur Carlos, die Sonne, der Wind, das Wasser.

Manchmal ist der Fisch schlauer


Ab und an steht Carlos auf und holt die Angelschnur ein. Mehr als eine Minute kurbelt und kurbelt und kurbelt er, nur um zu sehen: Das kleine Fischchen, das er an den Haken angebracht hat, ist weg. Diesmal war der Pejerrey schlauer, auf den Carlos hoffte.

„Ich werde nicht wütend, wenn ich nichts fange“, sagt Carlos und ergänzt lachend und sich auf das Bäuchlein klopfend: „Wenn ich abhängig wäre von meinem Fang und sonst nichts essen würde, wäre ich so dünn wie meine Angelrute.“

Im Río de la Plata schwimmen kleine Pejerrey, wörtlich übersetzt „Königsfische“, die normalerweise ein Kilo oder weniger wiegen. „Nur einmal wurde einer gefangen, der dreieinhalb Kilo wog. Aber das passiert sehr selten."
Carlos setzt sich wieder hin und gießt Wasser in seinen Mate-Becher ein. Langsam nimmt er einen Schluck. „Ah.“

Der Köder wird manchmal vom Pejerrey einfach so verspeist - ohne dass der Pejerrey später vom Fischer verspeist wird.

Freunde, Zigarillo, Stille

Ein Paar mit einem braunem Hund spaziert auf Carlos zu. „Wieso gibst du mir nur den kleinen Fisch, wenn der andere Angler eine Dorade für mich hat?“, ruft Gustavo, ein Mann mit behaarter Brust, feixend dem Fischer zu. Die Freunde begrüßen sich mit Umarmung und Kuss auf die Wange, wie es in Uruguay auch unter Männern üblich ist - und sprechen über die angenehme Herbstsonne und den Fang des Tages. „Heute habe ich leider nichts für dich“, sagt Carlos, der Gustavo manchmal einen Fisch schenkt. „Sie beißen einfach nicht an.“

Gustavo und seine Freundin spazieren weiter. Carlos setzt sich wieder hin und zündest sich einen Zigarillo an, an dem er genüsslich zieht.
Für eine Minute herrscht Stille.

Vorurteile und Rekorde

Und wie ist das mit dem Vorurteil, dass Angler ungerne sprechen? „Es kommt auf die Stimmung an. Manchmal, wenn ich im Flow bin, die Fische anbeißen und mich jemand unterbricht, gefällt mir das nicht“, sagt Carlos und erzählt weiter.

Sein Vater war nie Fischer, sein Sohn auch nicht. „Die Dynastie ist sehr kurz“, sagt er und lacht. Aber ihm hat es schon als Kind Freude bereitet. Mit fünf Jahren bereits habe er Gewässer unsicher gemacht. „Ich habe ab und zu mal einen Fisch gefangen, aber nicht so professionell geangelt wie jetzt.“

Wieder herrscht Stille für einen Moment, bis Carlos weiter erzählt.
Während seine Angelschnur etwa 60 bis 70 Meter ins Wasser reiche, gebe es Sportangler, die an Wettbewerben teilnehmen. „Sie haben Ruten mit 200 Metern oder mehr“, sagt er und ergänzt: „Das stimmt wirklich. Man sagt, Fischer lügen, aber ich bin die Ausnahme!“

Und noch während Carlos das sagt, wippt die Rute rechts leicht in Richtung Fluss. Er steht auf, nimmt sie aus der Halterung und kurbelt und kurbelt und kurbelt.

Ein Pejerrey hat angebissen.

Carlos lächelt, nimmt den Königsfisch vom Haken und legt ihn in seine Kühlbox.

„Ich mache noch einen Spaziergang und gehe dann nach Hause“, sagt er.
„Jetzt bin ich entspannt.“

Die Geschichte hinter der Geschichte

Die Playa Ferrando ist einer meiner Lieblingsstrände in Colonia del Sacramento. Sehr oft war ich dort joggen, spazieren, schreiben oder einfach nur den Sonnenuntergang anschauen. Genau wie Carlos gefällt mir, dass dort im Herbst sehr wenig los ist.

Carlos habe ich an meinem letzten Tag im Südwesten Uruguays kennengelernt, als ich noch einmal den Strand genoss. Mir gefiel Carlos' Philosophie: Es kommt nicht auf die Zahl der gefangenen Fische an, sondern auf das Erlebnis.
Der Pejerrey kam trotzdem irgendwann trotzdem.
Fast so, als hätte Carlos' Gelassenheit ihn angelockt.

Für die nächste Geschichte.

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