Der alte Hund jault. Er läuft im Kreis, immer wieder, zwischen Betonmauern und einem Zaun. Kein Entkommen. Kein Fressen. Es riecht nach Kot. Seit Tagen ist niemand mehr mit ihm hinausgegangen.
Rony ist abgeschrieben. Seine Herrin: im Seniorenheim. Ihre Kinder wollen sich nicht kümmern, sperren ihn ein und warten. Ein Nachbar hört das Jaulen. Er öffnet das Tor, sieht das abgemagerte Tier - und bringt ihn zu Claudia.
Das ist zehn Jahre her.
Damals schlug etwas Wurzeln. Am Rand des Waldes bei Colonia del Sacramento entstand eine kleine Ranch - zeitlos, versteckt: „La Vieja del Bosque“ („Die Alte vom Wald“) ist ein Zufluchtsort für kranke Hunde und für Reisende. Und vielleicht auch ein Gegenentwurf zur modernen Wegwerfgesellschaft.

Ohne Kuss frisst sie nicht
Und so steht Claudia, graue Haare, bunt-gestreiftes Oberteil, an diesem Abend vor dem Herd und rührt Milchreis an. Auch für die tierischen Bewohner gibt es Reis. „Alle Hunde haben Ticks“, weiß sie und lächelt sanft. Langsam bewegt sich der weiß-braune Timon auf sie zu, dann dreht er sich nach rechts. Alzheimer. Die Augen: glasig - er ist blind. Und noch einmal dreht er eine Runde. Sein Gehirn kennt nur eine Richtung: rechts. Ebenfalls blind ist die kleine Pipi, die konstant zittert, manchmal wie wild umherbellt. Beim Füttern hält Claudia das Köpfchen, weil Pipi sonst kaum etwas in ihren Mund bekommt. Und dann gibt es noch Mandy, die das Futter nicht anrührt, wenn sie nicht vorher einen Kuss bekommt.
„Wenn ich mich nicht kümmern würde, wären sie tot auf der Straße“, sagt Claudia. Es gebe zwar ein Tierheim in Colonia, aber auch das werde von Ehrenamtlichen betrieben. „Auf jeden Einwohner kommen in Uruguay fünf Hunde“, sagt Claudia. Viele bewegen sich frei durch Straßen und Strände.
Künstler oder Faulenzer?
Der Milchreis ist nun gut durchgekocht. Claudia, die die meisten nur „Die Alte“ nennen, füllt ihn mit etwas Zimt und der für Lateinamerika typischen Karamellcreme dulce de leche in bunt zusammengewürfelte Tassen für die Reisenden: ein Tangosänger aus Montevideo, ein Maler aus Argentinien, den manche für einen „wichtigen Künstler, andere für einen Faulenzer“ halten, wie er selbst sagt. Ein bärtiger Buchautor, seit neun Jahren unterwegs, will am nächsten Tag als Matrose am Hafen Colonias anheuern. Das Paar aus der Türkei, er ist Reise-Influencer, isst nicht mit. Sie grillen Rind, Claudia isst hingegen vegetarisch. Eine Seltenheit im fleischverliebten Uruguay.
„Hierher kommen Reisende aus aller Welt“, sagt Claudia. Die meisten fahren mit dem Rad durch Südamerika, viele hat die Liebe über Landesgrenzen hinweg zusammengeführt. Sie finden bei Claudia einen Zeltplatz oder ein Bett - sei es für eine Nacht oder drei Monate. Gratis. Wer kann, spendet und übernimmt Aufgaben auf der Ranch.
Gemeinschaft ohne Zwang - und ohne Käse
Rasenmähen, Kochen oder die Trockentoilette entleeren: Die Mithilfe funktioniert nicht immer, erzählt Claudia. Als es darum ging, Metallteile zu entsorgen, ist das türkische Paar einfach abgereist. „Wichtige Angelegenheiten“ in Istanbul. Der Maler verschlang den Käse, der eigentlich für eine Geburtstagspizza gedacht war, ohne für Nachschub zu sorgen.
Aber Claudia, die tagsüber für eine Umweltorganisation Plastik fürs Recycling sortiert und abends immer wieder Nähkurse für Obdachlose gibt, überlässt es den einzelnen Reisenden, wie viel sie übernehmen. Bisher hat alles geklappt. Ohne Zwang. Ihr ganzes Haus ist so entstanden.

Ein Post in den sozialen Netzwerken - und Menschen, die sie nicht einmal kannte, spendeten für ihr Recyclinghaus Metallplatten, Holzpaletten, Geschirr. „Zement tötet den Boden ab“, sagt Claudia. Wenn ihr Haus einmal abgerissen werden sollte, leben die Tierchen im Boden weiter.
Ein Abriss ist in absehbarer Zeit nicht unmöglich, meint Claudia, denn die kleine Siedlung, in der die Ranch steht, ist besetztes Land. Die Bewohner haben ihre einfachen Häuschen einfach auf dem insgesamt fast sieben Hektar großen Grundstück gebaut, ohne Erlaubnis des Landbesitzers. Einigen habe die Stadtverwaltung andere Wohnungen angeboten. Claudia und einige weitere sind geblieben.
„Der Eigentümer will das Grundstück verkaufen“, sagt Claudia. In der Nähe, an der Küste des Río de la Plata, auf dessen anderer Seite Buenos Aires liegt, entsteht gerade die Privatstadt „+Colonia“. Im Internet wird sie als „nachhaltige Smart City“ für künftig 30.000 Einwohner angepriesen, mehr als die Hälfte der Stadt soll aus Grünflächen bestehen.
Claudia stört sich daran, dass das Projekt „für argentinische Unternehmer ist, nicht für uns Uruguayer“, so Claudia, die befürchtet, dass die Küste künftig von Hochhäusern und zubetonierten Flächen dominiert wird.

Genauso drohe dies im weiter von der Küste entfernten Wald der „Alten“, wenn das Grundstück verkauft wird, meint Claudia. „Hier ist viel Fauna - Vögel, Schlangen. Wenn sie mit den Maschinen kommen, zerstören sie alles.“
Zusammen den Wald retten
Und so hat Claudia wieder ihr Netzwerk aktiviert, das sie mithilfe ihrer Gäste aufgebaut hatte - um den Wald zu retten. „Wenn jeder etwas spendet, können wir das Grundstück kaufen.“ Die Stadtverwaltung habe hingegen „kein Interesse“ am Umweltschutz. „Die wollen nur Dollars sehen.“Aktuell sucht Claudia Reisende, die sich im Zimmererhandwerk auskennen, denn sie hat große Pläne: fünf Zimmer mit zehn Betten sollen insgesamt zur Verfügung stehen, eine Fahrradwerkstatt, mehr regengeschützte Zeltplätze - damit sich die Gäste so richtig von ihrem langen Weg erholen können.
Gut erholt hat sich auch Rony, der erste Hund, den Claudia aufgenommen hatte. Zusammen haben sie seine Besitzerin im Seniorenheim besucht. „Sie hat ihren Hund umarmt und war ganz gerührt.“ Es waren fröhliche Tage, erinnert sich Claudia, obwohl er nur ein halbes Jahr bei ihr war, bis er starb. „Wenn der Moment kommt, einen Hund zu verabschieden, bedanke ich mich immer bei ihm für die gemeinsame Zeit, die wir verbracht haben.“
Claudia selbst war übrigens noch nie auf Reisen. „Ich reise durch die Augen der Gäste.“ Wenn die Hunde, die aktuell bei ihr sind, irgendwann nicht mehr leben, kann sie sich vorstellen, einmal etwas Neues zu tun. Eine kleine Reise zu machen, nach Montevideo.
Aber bis dahin wird sie weiterhin küssen, füttern, streicheln. Und Reisenden und behinderten Hunden einen Zufluchtsort schenken.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Nach einem halben Jahr auf Reisen in Europa und vor allem Südamerika fand ich Unterschlupf bei der „Alten vom Wald“ in Colonia del Sacramento. Ein Zwischenstopp für ein paar Wochen, um einmal durchzuatmen nach viel Bewegung.
Zuvor hatte ich die Fiesta de la Patria Gaucha (Fest der Gaucho-Heimat) in Tacuarembó im Norden Uruguays besucht. Da die Zimmerpreise dort unbezahlbar waren und ich trotzdem Reiter, Rodeo und Paraden nicht verpassen wollte, kaufte ich mir kurzerhand ein kleines Zelt.
Als ich dann im Internet nach Übernachtungsmöglichkeiten in Colonia suchte, fand ich die Ranch und Reisendengemeinschaft „La Vieja del Bosque“, in deren Garten ich mein Zelt direkt neben der Hundehütte aufstellte. Das hätte zu diesem Zeitpunkt kaum passender sein können, denn vor kurzem hatte mich ein Hund gebissen.
Ich passte im Strandort Piriápolis östlich von Montevideo auf den braunen und stets hungrigen Dackel Franchu auf, bei dessen Herrin ich im Gegenzug übernachten durfte.

Nur einen Steinwurf vom Haus entfernt spazierte ich mit der qurligen Dackeldame, als ein weißer großer Hund laut bellend durch das offen stehende Gartentor eines Nachbarn herausschnellte und Franchu in den Hals biss. Ich war geschockt und ging intuitiv dazwischen, was dazu führte, dass der Hund nun mich biss. Schnell weg!
Die Betreiber eines in der Nähe gelegenen Kiosks kümmerten sich liebevoll um mich und Franchu, die normal herumsprang und sich über Futter freute, als ob es Weihnachten sei. Nur mir wurde beim Anblick meines blutenden Fingers schwarz vor Augen.
Im Krankenhaus nähte die Ärztin mit dem sanften Lächeln meinen Finger wieder zusammen. Auch tollwütig fühle ich mich bis heute nicht, drei Wochen nach dem Biss. Nicht einmal bezahlen musste ich für die Behandlung.
Ich bin also mit einem Schock davongekommen. Und vielleicht kann ich meine Angst vor Hunden, die ich seit dem Vorfall habe, gerade an diesem Ort bei der „Alten im Wald“ heilen. Dort, wo auch Hunde heilen.

