Die Königin der Schmetterlinge

Vom Loslassen und ewig Verbundensein..

In einer Welt, fernab vom Lärm der Gegenwart lebt sie. Ihre Freude zieht sie aus den kleinen Dingen des Alltags. Sie lebt nicht auf großem Fuße, stellt sich selbst nie an erste Stelle. Und das, obwohl sie eine Königin ist. Die Königin dreier Schmetterlinge.

Die Sorgen des Alltags, sie scheinen an ihr vorüberzuziehen, wie das Wasser in den Flüssen oder die Vögel am Himmel. Eine freudige Unbeschwertheit umgibt sie. Ihr ganzes Wesen scheint stets aus den Tiefen ihres Herzens zu sprechen.

Die Königin

Geleitet durch diese Stimme, zog sie drei wundervolle Schmetterlinge groß. Jeder einzigartig auf seine Weise. Von kleinen Abenteuern bis zu mittleren Katastrophen meisterte sie alles. Ihr ganzes Leben widmete sie ihren kleinen Schmetterlingen, ohne je einen Moment auch nur an sich zu denken. Für ihre drei kleinen Schmetterlinge war sie zweifelsohne eine, nein die Königin.

In einer Welt voller Grenzen und Gefahren schaffte sie das schier Unmögliche: Vom Geist der Liebe, der Freude und der Freiheit beseelt, wuchsen ihre Schmetterlingskinder gesund, kraftvoll und frei heran.

Der Weg der Freiheit

Dass sie anders waren als ihre Altersgenossen, wurde mit den Jahren immer deutlicher. Sie passten einfach nicht in das vorgeformte System der Schmetterlings-Gesellschaft. Wirklich klar sahen sie nicht immer, was ihre Zukunft anging. Schließlich gab es keine gewöhnliche Anleitung, keine klassische Ausbildung dafür, wie man ein wahrhaft freies Leben führen sollte.

Ihre Mutter jedoch hatte stets tiefes Vertrauen in die Kraft ihrer Kinder. Der Weg würde schon entstehen, wenn sie ihn nur gingen. So sagte sie immer. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass der Tag kommen würde, an dem ihre Zöglinge die Flügel ausbreiten und losfliegen würden. Tief in ihrem Inneren wusste sie auch, dass es nur richtig sein würde, denn sie hatte sie ihr ganzes Leben darauf vorbereitet.

Und dennoch: Als der Tag gekommen war und sie ihren ältesten Sohn in die Freiheit entließ, fühlte sie Traurigkeit. Eine dunkle Schwere lastete auf ihrem Herzen, das sie sonst immer so freudig und hell gehalten hatte. Angst reifte in ihr.

Abschiedsangst

Bis zu jenem Tag konnte sie all seinen Leichtsinn, all die Fehler und Unachtsamkeiten ungeschehen machen. Beinahe unbemerkt verhinderte sie so die ein oder andere kleinere Katastrophe. Und nun sollte er all das alleine bewältigen. Die schroffe Welt mit all der List und Täuschung, die sie so viele Jahre von ihm ferngehalten hatte.

Sie fühlte Beklemmung, wenn sie daran dachte, was ihn in den Weiten dieser Welt erwarten würde. Je näher der Tag des Abschieds rückte, umso angstvoller wurde sie. Sorgen überschatteten ihr ansonsten so freudiges Gemüt.

Eines Abends, als sie wieder einmal von ihrer Arbeit nach Hause flog, entdeckte sie eine schöne Blume am Wegesrand. Von ihrer Schönheit berührt, lies sie sich vor ihr nieder. Die Blume sah die Traurigkeit in ihrem Gesicht.

Ein weiser Rat

„Was bereitet dir Sorge?“ fragte sie die Schmettelings-Mama. Mit Tränen in den Augen erzählte sie ihr ihre Geschichte und weshalb ihr Mutterherz blutete. Die Blume, liebevoll sich zur Schmetterlingsmutter hinabbeugend, entgegnete:

"Ich verstehe deinen Schmerz. Ich habe selbst schon viele hunderte meiner Kinder in die weite Welt entlassen. Der Abschied tut weh, das weiß ich. Aber irgendwann habe ich verstanden:

Alle Kraft habe ich darauf verwendet meine Kinder zu schönen, kraftvollen und wundervoll duftenden Blumen heranzuziehen. Indem ich sie in die Freiheit entlasse, schenke ich mir selbst das Vertrauen, dass ich ihnen alles, was ich geben konnte, mit auf ihren Lebensweg gegeben habe.

Auch“ fuhr sie fort: „habe ich erkannt, dass ich durch meine Kinder fortlebe. Irgendwann wird mein eigenes Leben enden. Aber meine Kinder und Kindeskinder werden einen Teil von mir am Leben halten. Denn ich habe ihnen ihr Leben geschenkt und sie zu dem gemacht, was sie heute sind.

Von Zeit zu Zeit sendet der Wind mir zudem ihre Botschaften. Auch wenn ich sie nicht mehr sehen kann, spüre ich dadurch, dass es ihnen gut geht. Vor meinem inneren Auge sehe ich dann, wie schön sie geworden sind. Und, dass auch sie Mutter Erde neues Leben geschenkt haben. Und manchmal vernehme ich dabei ein leises "Danke Mama!". Gibt es etwas, das einem Mutterherzen mehr Frieden geben könnte?"

Vertrauen

Aufmerksam hatte die Schmetterlingsmama der Blume zugehört. Es war weise, was die Blume erzählt hatte. Und einen weisen Rat hatte sie in ihrem Leben immer willkommen geheißen, auch wenn manche ihr das als "Leichtgläubigkeit" auslegen mochten.

Sie folgte nie einfach dem, was dem Verstand am logischsten erschien. Erst wenn sie vom Herzen her Wärme und Frieden spürte, lies sie sich von einer Sache überzeugen. Was die Blume ihr erzählt hatte jedenfalls, fühlte sie zu 100 Prozent.

Immer mehr begann sie zu begreifen: Sie hatte ihrem Schmetterlings-Sohn das Vertrauen in die Welt vorgelebt. Ihm sein reines Herz geschenkt. Dass er niemals etwas Böses hinter einem anderen Wesen vermuten würde. Dass er frei sein könne und Vertrauen in seine eigene Stärke haben konnte. Sie hatte ihm diese Welt gebaut, die zu entdecken er nun aufbrechen würde.

Ein wahrhaft freies Leben

Ja, so war es. Sie konnte stolz auf ihn sein. Aber in Wahrheit war es nicht er, auf den sie stolz sein konnte. Es war sie selbst. Denn sie hatte all das geschaffen. Ohne sich auch nur einen einzigen Tag hängen zu lassen, hatte sie ihn auf diesen Tag vorbereitet. Gearbeitet und gekämpft hatte sie. Nur damit er das machen konnte, was ihr in ihren frühen Jahren verwehrt geblieben war: Ein wahrhaft freies Leben zu leben.

Und so entließ sie ihn, ihren ältesten Sohn, an diesem Abend in die Freiheit. Und als hätte die Blume es vorausgesagt, überbrachte der Wind ihr bereits an diesem Abend seine erste Botschaft: Gerade als sie von ihrem Schlafplatz aus in den Nachthimmel blickte, um den Sternen „Gute Nacht“ zu sagen, hörte sie es: Ein sanftes, vom Winde getragenes „Danke Mama“…

Für die nächste Geschichte.

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