Die Kunst des Gebens

In einer kleinen Wohnung im französischen Montpellier hat ein Mann seine ganz eigene Antwort auf die Frage, worum es im Leben wirklich geht, gefunden.

Laurent hat ein Ritual. Jeden Morgen, wenn er die Küche betritt, legt er ein Reiskorn von der schwarzen in die weiße Schale. 423 Reiskörner warten noch darauf, in die weiße Schüssel zu geworfen zu werden. Laurent kennt die Zahl genau.

423 Tage sind es noch, bis sein neues Leben beginnt. Das Leben, von dem er so lange geträumt hat, auf das er Jahrzehnte hingearbeitet hat. Dann mit 64 Jahren kann er in Rente gehen. Mit dem zählen begonnen hat er bei 500. Diese Zahl hat für ihn eine besondere Bedeutung. Dazu aber später mehr.

Nachdem Laurent sein Ritual vollzogen hat trinkt er einen Kaffee und macht sich auf den Weg zu seiner Arbeit. Er ist Gebäudeinspektor. Ein geduldiger Vermittler zwischen Hauseigentümern, Mietern und ihren Versicherungen.

Ein einfaches Leben

Laurent lebt in Montpellier, einer lebendigen Stadt im Süden Frankreichs. Er liebt seine Heimat. Und dennoch: Sein Leben bewegt sich zwischen seiner Wohnung im vierten Stock eines Sechzigerjahre-Mietshauses und seiner Arbeit.

Fünf Wochen Urlaub hat er im Jahr. Er reist wenig. Mal ein Familientreffen zu Weihnachten und mal ein Ausflug am Wochenende. Mehr gönnt er sich nicht.

Sein Luxus ist der gute französische Käse, mit dem er jeden Abend sein Essen abrundet. Aber nicht zu viel, sonst wird er zu dick. So sagt er jedenfalls.

Der Zauber der Begegnung

Eigentlich lebt Laurent alleine. Seine Kinder sind groß - ihre Mutter und er gehen schon seit fast 30 Jahren getrennte Wege. Und dennoch: Wenn er von seiner Arbeit heimkommt, ist er selten alleine.

Laurent empfängt Gäste. Reisende, Weltenbummler, schräge Vögel, Sparfüchse, Normalos - aber vor allem einfach Menschen. 500 von ihnen hat er in den letzten zehn Jahren bei sich zu Hause aufgenommen.

Ein eigenes Zimmer hält er für sie bereit, dazu gibt es eine Schlafcouch und ein Klappbett. Nicht selten empfängt er mehrere Gäste gleichzeitig. Er integriert sie alle. Einmal waren sie zu neunt in seiner kleinen Wohnung. Alles ist möglich. Laurent liebt das Miteinander, er liebt es zu teilen, zu helfen, wo es nur geht. Laurent liebt Begegnungen.

Wer zu ihm kommt, wird mit drei Küsschen auf die Wange begrüßt, bekommt sein eigenes Handtuch, einen Wohnungsschlüssel und wird mit einem mehrgängigen Menü verwöhnt. Abgerundet wird alles selbstverständlich mit einer feinen Auswahl an französischem Käse.

Abwaschen ist bei ihm strengstens verboten. Das macht die Spülmaschine. Den Rest erledigt er am nächsten Morgen. Auch ein Ritual. Laurent wäscht die Wäsche seiner Gäste, kümmert sich darum, dass sie sich in der Stadt zurecht finden, zeigt ihnen die schönsten Plätze und sorgt sich selbst um ihren Sonnenschutz.

Die Welt zu Gast

Was Laurent an sich selbst spart, gibt er mit scheinbar grenzenloser Güte an seine Gäste. Es ist die Liebe zu den Menschen, den Begegnungen. Laurent reist nicht, die Welt kommt zu ihm.

Die unterschiedlichsten Menschen hat er auf diese Weise kennen lernen dürfen. Die Vielfalt der Welt war bei ihm zu Hause. Menschen aus aller Herren Länder. Kein einziges Mal wurde er enttäuscht.

Und nun: 423 Tage sind es noch. Dann beginnt sein neues Leben. Dann geht Laurent auf Reisen. Dann wird er sie alle besuchen. All die Menschen, die Freunde und wundervollen Seelen, die er in den Jahren seiner Gastfreundschaft kennenlernen durfte. Denn es ist dieses eine universelle Gesetz, an das Laurent glaubt: Dass alles, was man gibt, zurückkommt…

Die Geschichte hinter der Geschichte

Laurent habe ich im Oktober 2025 in Montpellier kennen gelernt. Aus „nur“ einer Übernachtung wurden zwei, dann drei... Letztendlich habe ich über mehrere Aufenthalte rund fünf Wochen bei ihm in seiner Wohnung in Montpellier gelebt. Morgens haben wir gemeinsam Kaffee getrunken, dann ist jeder seinem Leben nachgegangen.

Laurent, zweiter von rechts, mit seinem Freund Jeremy und Piotr, einem weiteren Gast aus Polen.

Am Abend haben wir uns erneut getroffen und gemeinsam gekocht. Natürlich nie ohne besten französischen Käse. Häufig waren weitere Gäste aus unterschiedlichsten Ländern da. Wir haben gemeinsam Geburtstag gefeiert und wundervolle Momente geteilt. Laurent hat sie wahrhaftig perfektioniert: die Kunst des Gebens.

Wer bei Laurent zu Gast ist wird jeden Abend in die Welt des französischen Käses entführt.

In eigener Sache

Wenn euch unsere Geschichten gefallen und ihr mitgenommen werden wollt auf unsere ganz persönliche Reise mit mosaik.earth, meldet euch gerne bei unserem Newsletter an und folgt uns auf Instagram.

Hier geben wir von Zeit zu Zeit Einblicke in unsere Arbeit, unsere Reisen, Höhen und Tiefen eines freien Lebens und das Erwachsenwerden unseres Projekts. Wir freuen uns auf euch!

Für die nächste Geschichte.

Unsere Portraits sind kostenlos und werbefrei. Wenn dir unsere Arbeit gefällt, hilf uns, weiter Geschichten von Menschen aus aller Welt zu erzählen.

Häufigkeit
Unterstützung verwalten

Freiwillige Unterstützung — wir können keine Spendenbescheinigungen ausstellen.

Monatlich unterstützen
Weiter · 8 € im Monat