„Mamma mia“, ruft John und springt vom Geländer in den etwa zwei Meter tiefer liegenden See - „Perfetto, ciao, ciao“, jauchzt er, als er nach einem kurzen Tauchgang seinen Kopf aus dem Wasser streckt. Ist das nicht gefährlich, fragt ein heraneilender Passant. Das Wasser sei an dieser Stelle nicht besonders tief. „No, no problemo“, antwortet John.
Aus seiner Stimme klingt Leichtigkeit, Lebensfreude - ein bisschen auch die Unbekümmertheit des Jungen, der er vielleicht einst war. Damals, vor mehr als 30 Jahren, als die Welt für ihn noch in Ordnung war und ihm beinahe zu Füßen lag wie der Ball, mit dem er für sein Leben gerne spielte. Damals hatte John nur eines im Kopf: Fußball.
Mit 15 spielte er für England in der Jugendnationalmannschaft, an der Seite von späteren Größen wie Ryan Giggs oder Nicholas Barmby. John galt als Talent, die großen Clubs der Premierleague buhlten um ihn. Er hatte Vertragsangebote vom FC Liverpool oder den Tottnham Hotspurs.
„Sobald ich laufe, hört mein Kopf auf zu rasen“
Ohne auch nur einen Moment zu zögern, entschied er sich für den FC Arsenal London. Die anderen Vereine hätten ihm zum Teil deutlich bessere Verträge angeboten. Aber John wollte zu Arsenal. „Der Verein ist etwas Besonderes“, sagt er. „Jeder Junge in England, der Fußball spielt, träumt davon, eines Tages bei Arsenal zu spielen.“ John lebte diesen Traum.

„Es war mein Leben“, sagt John. Er trainierte, trainierte und trainierte. Vor allem physisch sei er unschlagbar gewesen, sagt er. Seit seiner Kindheit hat John ADHS. Schon als achtjähriger ist er Halbmarathons gelaufen. „Das Laufen hat mir geholfen, es hat mir Ruhe gegeben. Sobald ich laufe, hört mein Kopf auf zu rasen. Mein Körper braucht das“, sagt der heute 52-Jährige. Dasselbe galt für den Fußball: Mit dem Ball am Fuß wurde es ruhiger in Johns Kopf.
Doch dann, in einem hart umkämpften Trainingsspiel, der Schock: Knöchelbruch. Zwei Jahre kämpfte John sich durch zahllose Reha-Programme. Stets das Ziel vor Augen: das Comeback. Dann endlich war soweit: Johns erstes Spiel nach seiner Verletzung. Er stürmt auf den Platz, ein erstes Tackling und plötzlich ein stechender Schmerz. John schreit auf. Als würde ein ganzes Volk von Ameisen seinen Fuß angreifen, pocht dieser vor Schmerz. Er spürt es: Der Knöchel ist wieder gebrochen.
Und es ist dieser Moment, in dem John realisiert: Das Spiel ist vorbei. Aus der Traum vom Profifußball. Und tatsächlich: Es war das letzte Mal, dass John auf einem Fußballplatz gestanden ist.
Vom Pub in die Obdachlosigkeit
Statt auf dem Rasen fand man John in den Folgejahren immer häufiger in den Pubs von Sunderland, seiner Heimatstadt im Norden Englands. Aber auch der Alkohol konnte ich ihm nicht mehr zurückbringen, was er mit dem Fußball verloren hatte. Mit dem Fußball verlor John nicht nur seine Leidenschaft und seinen Job - er verlor seine ganze Identität, sein Leben und das so wichtiges Gegengewicht zu seinem ADHS.
Nach und nach verließen ihn die Kräfte. „Ich wusste nicht mehr, wofür ich noch leben sollte", sagt John. Ganze zwanzig Jahre versank er in einem „Loch“, wie er selbst sagt. „Mehrere Monate habe ich auf der Straße gelebt - in einem Zelt.“
Dann meldete sich ein ehemaliger Freund. Er hatte noch immer Johns Nummer. „Und er erzählte mir, dass ich Hilfe bekommen könnte. Es gab da eine Art Versicherung, in die ich in meiner Zeit als Spieler eingezahlt hatte.“ Das Programm helfe ehemaligen Fußballspielern nach ihren Karrieren, zurück wieder Arbeit zu finden. „Und tatsächlich, es hat mir geholfen“, sagt John.
Neuanfang - Campervan - Tinyhouse
Das Programm war der Beginn für einen Neuanfang - Johns zweite Halbzeit. Die Versicherung finanzierte eine Weiterbildung zum IT-Dienstleister. Mit dem Zertifikat, das John dabei erwarb, bekam er einen Job. Und nicht nur das: „Wie früher beim Fußball habe ich meine ganze Energie in meine neue Aufgabe gesteckt. Ich habe gearbeitet, bin besser und besser geworden“, so John. Mit der Zeit habe er immer besser verdient und konnte sich nach und nach den ein oder anderen Traum erfüllen.
„Ich habe mir einen Campervan gekauft und ausgebaut. Den gesamten Ausbau habe ich selbst gemacht - danach habe ich ein Tinyhouse für meine Freundin gebaut und bei uns in Sunderland in den Garten gestellt.“ Beide Projekte waren für John mit einer wichtigen Erkenntnis verbunden: „Ich habe verstanden: Sobald meine Hände etwas zu tun haben, wird mein Geist ruhiger. Und: Ich brauche den Fokus auf genau eine Sache, wie früher beim Fußball. Wenn mein Geist weiß: Das ist dein Projekt, dann findet er Frieden.“

Genau das ist es, was John heute am meisten schätzt: Frieden in seinem Kopf. Gerade macht er eine kleine Auszeit in seinem Lieblingsland Italien. Genauer gesagt am Iseosee, einem kleinen See im Norden des Landes. Wenn er hier seinen Kaffee an seinem Lieblingsplatz bestellt, könnte man John für einen Einheimischen halten. „Un caffè doppio, per favore“.
Auch das Sprachenlernen hat John für sich entdeckt. Es ist eine kleine Reise, eine kleine Flucht aus dem Alltag, der ihn schon bald wieder einholen wird. Denn Zuhause in Sunderland wartet seine Freundin. „Sie hat Krebs“, sagt John. Deshalb fliege er bald zu ihr zurück. „Sie muss einige Operationen machen. Aber, sie wird das schaffen.", sagt John, mit der Nachdenklichkeit eines Menschen, der genau weiß, was es bedeutet, eine zweite Chance, eine zweite Halbzeit, zu bekommen.
Die Geschichte hinter der Geschichte
John habe ich während einer kleinen Italien-Reise nach meiner Zeit in Marokko kennen gelernt. Eigentlich wollte ich an diesem Tag ein Interview mit einer Nonne in einem Kloster am Iseosee machen. Kurz vor unserem Gespräch entschied sich die Leitung des Klosters aber dagegen. Etwas frustriert setzte ich mich deshalb am Nachmittag auf mein Fahrrad und radelte einmal um den See.

Bei einer Kaffeepause auf halber Strecke traf ich John. Er bot mir einen Platz an seinem Tisch an und lud mich sofort auf einen Kaffee ein. Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass er gar kein Italiener war, so selbstverständlich und italienisch-melodiös unterhielt er sich mit den Einheimischen an den umliegenden Tischen. Als er mir erzählte, dass er eigentlich aus England kommt, wollte ich auch mehr von seiner Geschichte erfahren - was John dankend annahm.
Irgendwann sagte er: Ihm sei jetzt heiß und er würde in den See springen. Schwupps war sein T-Shirt ausgezogen und John im See. Strahlend wie ein kleiner Junge kletterte er anschließend wieder heraus und posierte für ein Foto.
Seine Geschichte und die seiner Freundin hatten mich nachdenklich gemacht. Bis vor einigen Jahren habe ich selbst den Traum vom Leistungssport gelebt. Alles, was ich wollte war ein erfolgreicher Läufer zu werden. Wie John musste ich diesen Traum aber auch aufgeben, weil mein Körper nicht mehr konnte. Und wie John fand ich mich für einige Zeit in einem ziemlich dunklen Loch wieder.
Ich fühlte was er sagte nur zu gut und besonders die Geschichte mit seiner Freundin macht mich bis heute traurig. Als John aber aus dem Wasser stieg und vor mir stand, pudelnass und mit seinem schelmischem Grinsen im Gesicht wurde mir warm ums Herz. Und ich erkannte: Der junge John - mit all seiner Energie, seinen verrückten Ideen und Träumen, er lebt noch immer.

