Diplomat ohne Flagge

Jonas reist als Zeichner um die Welt. Die Geschichte eines Traumes, der sich verwandelt hat.

2015: Jonas ist auf dem Weg. Zumindest sitzt er im ICE von Münster nach Berlin. Dass der Weg als Diplomat sein Weg ist, davon ist er fest überzeugt.
Deutschland in der Welt vertreten, Seite an Seite mit der Bundeskanzlerin, allein der Gedanke lässt seine Augen groß werden. Unbedingt will er aufgenommen werden an der Diplomaten-Hochschule, bei der er sich beworben hat. Konzentriert sitzt er im Abteil und studiert mögliche Fragen, die die Kommission beim Auswahlgespräch an ihn richten könnte.

Jonas macht nach exakt 45 Minuten eine Pause und beißt in sein belegtes Bröt. Ein paar Brocken landen auf dem Boden. „Schauen Sie doch, dass Sie nicht das ganze Abteil verschmutzen“, beschwert sich der Mann gegenüber. Röte steigt in sein Gesicht.
Er würde am liebsten mit dem Mann diskutieren, zwingt sich jedoch dazu, sich wieder auf die Fragen zu konzentrieren. Es geht hier doch um etwas Wichtigeres als sein Wohlbefinden - es geht um die Zukunft, seine Zukunft!

Zehn Jahre später, wieder unterwegs


2025: Jonas ist wieder einmal auf dem Weg. Er wartet auf den Nachtbus von Santa Cruz nach La Paz. 20 Stunden, kaum Pause, ganz normal in Südamerika. Er hat sich mit Essen eingedeckt, aber etwas fehlt. Ein Nachtisch. Prompt kommt eine Obstsalat-Verkäuferin vorbei. „Sind die Früchte gut gewaschen?“, fragt Jonas die Verkäuferin. „Ja, natürlich“, antwortet sie, so wie alle Verkäufer, die Jonas je gefragt hat.

„Mutig“, spricht ein junger Mann Jonas an. „Dass du dich traust, hier am Terminal etwas zu essen zu kaufen… fährst du auch nach La Paz?“ „Ja, genau“, antwortet Jonas.
Am nächsten Morgen unterhalten sich Gustavo und Jonas über die gemeinsame Leidenschaft, das Zeichnen, während sie Suppe zum Frühstück schlürfen.
Jonas zeichnet Karikaturen, Gustavo Landschaften. Beide haben sich vor Jahren auf den Weg gemacht, um ihre Kunst zu leben. Sie reisen um die Welt und zeichnen und zeichnen. Jonas am Eifelturm, am Trevibrunnen, an den Pyramiden in Kairo, Gustavo in der Einsamkeit der Wüste und des Waldes.
Spontan packt Jonas Block und Bleistift aus. Er atmet einmal tief durch und schließt die Augen. Und schon sieht er Bilder, Formen und Farben. Er beginnt, das Gesicht seines Reisebegleiters zu Papier zu bringen. Mit riesigem Kopf, schrulliger Brille und dicken Rastalocken. Gustavo lacht laut, als er sich selbst sieht.

Das Auswahlgespräch

2015: Jonas hat kaum geschlafen in seinem Hostel in Berlin. Zu viel hat er gegrübelt, welche Fragen er heute beantworten muss. Hastig steigt er in sein Sakko und in die S-Bahn Richtung Reinickendorf. Hier, nahe der Grenze zu Brandenburg, findet in der Akademie Auswärtiger Dienst sein Gespräch statt. „Wie stellen Sie sich das Leben als Diplomat im Ausland vor?“, fragt der Kommissionsvorsitzende im Anzug, der Jonas eingehend mustert. „Ich habe unter anderem mit meinem Onkel gesprochen, der ein Praktikum bei einer deutschen Auslandsvertretung gemacht hat. Er sagte mir, die Diplomaten habe er es als ,arme Würstchen' wahrgenommen. Entwurzelt, ohne Heimat.“ Der Kommissionsvorsitzende kneift die Augen leicht zusammen, versucht aber, die Form zu wahren. „Aber ich kann mir das trotzdem vorstellen. Ich bin flexibel und anpassungsfähig“, fährt Jonas fort, diesmal das Skript, das er auswendig gelernt hat.

Die Vorstellungsrunde ist vorbei - und Jonas' Herz klopft. Das mit den Würstchen hätte er wohl besser nicht sagen sollen. Aber es kam einfach so aus ihm heraus. Was sollte er tun? Er hat das gesprochen, was ihm auf der Zunge lag…
Er wird niemals Diplomat, ist sich Jonas sicher.

Zeichnen, zeichnen, zeichnen

2025: Jonas und Gustavo kommen im Hostel an, setzen sich an den Küchentisch, in der Mitte ein großes Blatt Papier - und vergessen mit jedem Strich Stück für Stück die Zeit, die Umgebung, das Land, in dem sie sich gerade befinden. Gustavo zeichnet zerklüftete Berge, Jonas zeichnet Männchen, die dort wandern. Strände und Eisverkäuferinnen. Seen und sprechende Esel. Bäume und Außerirdische. Was im Kopf ist, darf aufs Papier, fühlen beide, keine Hemmung, keine Kritik. Es ergänzt sich wunderbar - als ob die Bilder eine Hand gezeichnet hat. Als Jonas im Bett liegt, erinnert er sich an seine verunglückte Karriere als Diplomat - und grinst. Vor seinem inneren Auge fliegen Würstchen mit Augen und Anzügen umher, er meint, den Kommissionsvorsitzenden mit seinen zusammengekniffenen Augenbrauen zu erkennen.

„Wie undiplomatisch von mir“, denkt Jonas.
„Oder vielleicht habe ich Diplomatie neu entdeckt?“

Er springt aus dem Bett und zückt Stift und Papier.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Ich selbst wollte einmal Diplomat „werden“ und bewarb mich an der Diplomaten-Hochschule in Berlin - ohne Erfolg. Zehn Jahre später reise ich schreibend um die Welt, offen für Begegnungen, so wie jene mit Gustavo. Die Geschichte von Jonas und Gustavo ist inspiriert von der Begegnung mit Antonio am Busterminal in Santa Cruz. Unsere gemeinsame Leidenschaft sind die Sprachen, das Lernen und Lehren. Außerdem traf ich kürzlich einen Karikaturisten, der reist und vom Zeichnen lebt. Auch ihm ist diese Geschichte gewidmet.

Letztlich bin ich froh, mich über die Kunst auszudrücken und unterwegs sein zu dürfen, ohne jemanden von einem nationalen Standpunkt überzeugen zu müssen.
Lieber höre ich zu. Und zücke Stift und Papier.

Für die nächste Geschichte.

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