Eduardo kennt sie, die gefährliche Strecke durch die Berge. Eine der gefährlichsten der Welt. Er ist sie bereits Hunderte Male gefahren - wobei er schon den ein oder anderen Bergrutsch erlebt hat.
Die Luft ist schon zu Beginn der Tour dünn. Nicht nur wegen des Dieselgeruchs auf dem Busbahnhof, sondern weil dieser bereits auf über 3.600 Metern liegt. La Paz eben. Eduardo kneift die Augen zusammen, als er die orangene Reisetasche von Zac sieht. „Dafür haben wir keinen Platz mehr.“ Doch als hätte er sich selbst nicht zugehört, findet Eduardo doch noch ein Plätzchen - auf dem Dach, neben Essen und Elektronikartikeln der anderen Fahrgäste in Schachteln, mit Plastikplane und Seil befestigt.

Der Fahrer zündet den Motor. „Jetzt fahren wir rauf auf 5.000 Metern, überqueren die Anden.“ Zac glaubt zunächst, das sei ein Witz, liegt sein Ziel, ein idyllisch gelegenes Dorf im feuchten bolivianischen Nebelwald, doch auf 2.000 Meter. Eine Verschnaufpause von La Paz, das war der Plan.
Bergauf, bergab
Doch die Steigung hört einfach nicht auf. Vorbei an unverputzten Häusern und einem Schild, auf dem „Mit Gott ist alles möglich“ steht, fährt der blaue Minibus immer höher und höher, bevor es wieder bergab geht. Endlich. Zac, der schon einen Druck auf seinen Ohren spürt, atmet auf.
Eduardo spricht nicht viel. Der Mann mit den grauen Haaren schaut vor allem auf die Straße. Er kennt jede Abzweigung, jeden Stein. Seit mehr als 20 Jahren fährt er schon zwischen der Hauptstadt und dem Dorf Yanacachi hin und her. Volltanken in La Paz ist Pflicht. Denn auf der Strecke gibt es keine Zapfsäule.
Bergab, bergab, bergab fährt der Minibus, bis sich die Straße aufteilt.

Links oder rechts?
Links geht es nach Coroico, asphaltiert, bequem. Die unbefestigte Todesstraße verläuft dort neben der neuen Hauptstrecke. Einst stürzten hier jedes Jahr Hunderte Menschen ab - heutzutage ist sie eine Touristenattraktion. Rechts - das ist die Straße zum Bergdorf Yanacachi. Jene Todesstraße, die nach wie vor regulär befahren wird. Schmale Schotterpisten entlang von steilen Abgründe, nur mit Allradantrieb machbar. Und so holpert der Bus weiter. Rechts ein reißender Fluss, hinten dschungelartig bewachsene Berge. Dann bahnt sich ein Wasserlauf den Weg über die Straße. „Alle festhalten“, sagt Eduardo zu den Fahrgästen, die nun einmal durchgeschüttelt werden. Der Van schlittert durchs Wasser. Schweigen, dann wieder Eduardo: „Es sieht vielleicht gefährlich aus, aber mit Fahrpraxis und Gottes Hilfe ist man gut geschützt.“ Wie er das meint, fragt Zac. Eduardo erklärt, dass er vor jeder Fahrt die Engel um eine sichere Fahrt bittet. Das gibt ihm Ruhe. Und bisher ist alles gut gegangen.
Der Absturz
Bei Manuel, seinem Fahrerkollegen und Freund, nicht. Eduardos Minibus nimmt eine scharfe Linkskurve. Der Fahrer deutet nach rechts. Im Flussbett zehn Meter weiter unten: ein roter Minibus. Zu schnell gefahren, abgestürzt, vier Tote. Auf einmal bremst Eduardo scharf. Er muss anhalten. Die Straße ist zu eng für zwei Autos. Er muss den braunen Geländewagen durchlassen. Ein ungeschriebenes Gesetz: Vorfahrt hat, wer von unten kommt.Wenn der Berg rutscht
Wobei manchmal auch gar nichts geht, etwa wenn der Regen einen Teil der steinigen Straße einfach mitnimmt in Richtung Fluss. Eduardo erinnert sich an einen Bergrutsch vor einem halben Jahr. Der Minibus und die Fahrgäste stecken fest. Vor ihnen keine Straße, hinter ihnen mehr und mehr Autos und auch kein Durchkommen. Der Regen prasselt auf den Bus ein, die Sonne verschwindet hinter dem Berg.
Hauptsache weg
Ein Passagier gähnt und starrt auf das Handy ohne Empfang. Eine Frau mit weit aufgerissenen Augen stöhnt: „Was tun wir nur? Wo verbringen wir die Nacht!? Wir werden hier verhungern…“ Eine junge Frau öffnet die Tür. Sie will zu Fuß weiter. Auch wenn sie erst übermorgen ankommt. Hauptsache nicht mehr feststecken. Eduardo bleibt sitzen. Er hat schon so manchen Bergrutsch miterlebt und weiß, dass es vor allem auf eines ankommt: auf den Bagger. Der wird kommen, denkt Eduardo. Die Frage ist nur, wann. Irgendwann rattert es, das Geräusch kommt immer näher. Es ist der Bagger, der beginnt, Steine zu schaufeln und auf der Straße festzuklopfen. Gegen Mitternacht: freie Fahrt.Ankunft
Der Anblick der Dorfkirche von Yanacachi bringt Eduardo zurück in den Minibus, zurück in die Gegenwart.
Er hat die Fahrgäste wieder einmal sicher zum Ziel gebracht.
Nach oben gerichtet flüstert er: „Danke.“
Die Geschichte hinter der Geschichte
Ende letzten Jahres bin ich im Minibus von La Paz nach Yanacachi gefahren. Dort feierte ich mit Freundinnen Silvester; ich wollte die Yungas sehen und mich etwas von der dünnen Luft in La Paz erholen.

So richtig bewusst wurde mir die Gefährlichkeit der Strecke erst auf dem Rückweg, als ich den Sitz rechtsaußen hatte - mit Blick auf den Abgrund.

Die Figur von Eduardo ist weitestgehend frei erfunden. Der Fahrer meines Minibusses sprach tatsächlich nicht viel - die meisten Informationen über die Strecke habe ich von Einheimischen.

Die Geschichte schrieb ich während einer Busfahrt in Argentinien. Gerade in dem Moment, als ich den Teil mit dem Bergrutsch zu Papier brachte, hatte mein Bus eine Panne, die Fahrgäste mussten raus.
Als ich dann über den Bagger schrieb, kam die Rettung: ein Ersatzbus.
Ich bin dankbar, dass meine Reisen bisher immer sicher verlaufen sind.
