„Mein Name ist Said, ich bin 65 Jahre alt und repariere seit mehr als 30 Jahren Schuhe. Eigentlich gibt es nichts Interessantes in meinem Leben“, sagt ein freundlich lächelnder, älterer Mann, als ich ihn danach frage, ob er Lust hätte, mir von seinem Leben zu erzählen. Seine braun gegerbte Haut erzählt von einem Leben unter der Sonne. Er trägt eine gelbe, gehäkelte Mütze, ein mit braunen Streifen versehenes Hemd und einen ergrauten Schnurrbart. Trotz seines vermeintlich langweiligen Lebens nimmt er sich etwas Zeit und beantwortet geduldig einige Fragen.
Aufgewachsen ist Said auf dem Land, rund 50 Kilometer von Essaouira entfernt. Seine Eltern waren Bauern. Auch Said hat auf dem elterlichen Hof mitgearbeitet, bis er Mitte zwanzig war. Zu dieser Zeit kämpfte er mit Depressionen. Um dem Hofalltag zu entfliehen ging er tagsüber nach Essaouira, um dort Geld zu verdienen. Bei einem Schuster lernte er, ausgelaufene und kaputte Schuhe zu reparieren. Vor rund 30 Jahren begann er dann, seine eigene mobile Schusterwerkstatt aufzubauen. Alles was er zum Schuhe reparieren brauchte, waren ein paar Werkzeuge und Kunden, deren Schuhe er flicken konnte. Anfangs waren es nur eine Handvoll, aber mit der Zeit vertrauten immer mehr Leute ihm ihre alten Schuhe an. Er hatte ein kleines Geschäft.
Zwei Stunden Arbeitsweg
Wie vor dreißig Jahren fährt Said auch heute noch jeden Morgen gut zwei Stunden mit seiner Schusterwerkstatt nach Essaouira. Vor Sonnenaufgang steht er auf, betet das erste Mal, trinkt einen Tee und isst etwas Brot mit Olivenöl, wie er sagt. Anschließend bringt ihn ein Pferd zum nächstgelegenen Sammelplatz für Taxis. Dieser liegt etwa zwölf Kilometer von seinem Haus entfernt. Dort angekommen nimmt er eines der Taxis und fährt die restlichen rund 40 Kilometer nach Essaouira, wo er noch vor sieben Uhr seinen Stand aufbaut und anfängt zu arbeiten.

Seit Jahrzehnten sitzt er stets am selben Platz und bearbeitet die Schuhe seiner Kunden. Um sich vor dem an manchen Tagen unbarmherzig fauchenden Wind zu schützen, spannt er blaue, mit Blumenmustern verzierte Stoffstücke seitlich um seinen Arbeitsplatz. Damit der Wind diese nicht wegweht, legt er einige schwere Pflastersteine darauf.
Erinnerung aus Hammerschlägen
Die Menschen aus der Nachbarschaft kennen Said. „Er war schon hier, als ich ein kleines Kind war. Auch meine Eltern haben unsere Schuhe immer zu ihm gebracht“, erzählt Noura. Sie hilft mir beim Übersetzen, da ich kein Darija (das marokkanische Arabisch) und Said kein Englisch spricht.
Ich frage Noura, ob sie Said nach seinen schönsten Erinnerungen fragen kann. Er aber lächelt nur und sagt: „Das einzige, an das ich mich erinnern kann, ist der Hammerschlag auf der Sohle meiner Schuhe.“
Drei Töchter und einen Sohn hat Said zusammen mit seiner Frau. Auch wenn sie mittlerweile eigenständig sind, sind sie seine tägliche Motivation aufzustehen und zu arbeiten wie er sagt. „Ich möchte noch immer für sie da sein.“ Außerdem mache ihn seine Arbeit glücklich.
Unter seinem Schustertisch steht ein kleiner Gaskocher. Damit bereitet Said sich tagsüber seinen Tee zu. Wenn er Hunger bekommt, kocht er mit diesem ein paar Eier und isst etwas Brot dazu.

Im Laufe unseres Gespräches sage ich ihm, dass er auf mich einen recht glücklichen Eindruck macht. Ich frage ihn deshalb nach dem Geheimnis des Glücks: „Ich bete fünf Mal am Tag und bin Gott dankbar.“
„Ich arbeite so lange, bis ich sterbe“
Obwohl ihm sein Beruf Freude bereite und er grundsätzlich auch gerne die lange Fahrt auf sich nehme, gebe es Tage, an denen er erschöpft sei, sagt Said. Dann nehme er sich einen Tag frei. Meist sei er am nächsten Tag schon wieder erholt, um wieder zu arbeiten.
Ob er schon mal an Ruhestand gedacht hat, frage ich ihn zum Abschluss. „Nein, so etwas gibt es hier nicht. Ich arbeite so lange, bis ich sterbe.“
Mittlerweile ist es kurz vor fünf am Nachmittag. Das Taxi wartet bereits auf ihn, deshalb muss er nun gehen. Taxis sind in Marokko anders als in Europa vergleichsweise günstig, da sie stets voll sind und sich in der Regel viele Menschen die Kosten einer Taxifahrt teilen. Nach der Taxifahrt steigt Said, wie schon am Morgen, wieder auf sein am Sammelplatz wartendes Pferd und reitet nach Hause. Dann freut er sich auf ein gutes Abendessen mit seiner Frau, etwas Ruhe und einen guten Schlaf, ehe er sich am nächsten Morgen wieder auf macht in die Stadt.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Said ist mir in meinem rund fünfmonatigen Aufenthalt in Essaouira begegnet. Über Monate bin ich fast täglich an ihm vorbeigelaufen, wenn ich zu meinem Lieblingscafé bei Houssine gegangen bin. Ab und an haben wir uns gegrüßt. Manchmal hat er mir liebenswert einen Handkuss zugeworfen. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, ihn nach seiner Geschichte zu fragen. Dass diese in nur zwei Sätzen erzählt wäre, wie er zu Beginn sagte, habe ich ihm natürlich nicht geglaubt. Seine durchaus rührende Geschichte hat mir wieder einmal gezeigt, dass man nicht berühmt sein oder große Abenteuer erlebt haben muss, um eine schöne Geschichte erzählen zu können.
Eine kleine Anmerkung zu den Bildern: Weil ihm, wie vielen seiner Landsleuten, seine Privatsphäre wichtig ist, wollte er nicht, dass ich ein Bild von ihm mache, was ich respektiere. Seine mobile Schusterwerkstatt hinter den blauen Stoffstücken, wie auch seine Arbeitsutensilien durfte ich hingegen fotografieren.

