„Ich brauche Erdbeeren und eine Avocado“, flüstert eine Kinderstimme. Aufmerksam beugt sich Redouane über seinen kleinen Tresen, vor dem ein kleiner Junge steht.
„Wie viele Erdbeeren magst du denn haben?“, fragt Redouane.
„Ich, ich weiß es nicht“, stottert der kleine Junge. Vorsichtig steckt er seine Hand in seine rechte Hosentasche und zieht einige Geldstücke heraus.
„Das ist alles, was ich habe. Das hat Mama mir mitgegeben.“
Seine Hände zu einer Schale formend nimmt Redouane das Geld entgegen.
„Dann schauen wir doch mal“, sagt er. Vor den Augen des kleinen Jungen wirft Redouane Münze für Münze in eine kleine Blechschale, die er zuvor unter seinem Tresen hervorgeholt hat.
„Klapp, Klapp, Klapp… - ….22,23,24 Dirham“, zählt Redouane.
Als er fertig ist sagt er: „Komm, wir suchen eine schöne Avocado raus.“

Eine Weile lang mustert der kleine Junge jede einzelnen der birnenförmigen, schwarzen Früchte. Plötzlich bleibt sein Blick stehen und er greift entschlossen zu.
„Ein prächtiges Exemplar“, sagt Redouane. Groß und weich ist die Avocado. Aber nicht zu weich. „Genau richtig!“
Und jetzt noch die Erdbeeren - wirf einfach so viele hier hinein bis ich stopp sage“, sagt Redouane zu dem kleinen Jungen, während er ihm ein blaues, engmaschiges Plastik-Sieb hinhält.
Eine Erdbeere nach der anderen wirft der kleine Junge in das Sieb. „Nur zu“, ermuntert Redouane ihn. „Wir haben noch genug Geld übrig.“
Gut die Hälfte des Siebs ist mittlerweile mit den süßlich duftenden Früchten gefüllt. „Jetzt sind wir soweit“, sagt Redouane und füllt alles in eine transparente Plastiktüte. Der kleine Junge strahlt. „Deine Mama wird stolz auf dich sein“, verabschiedet Redouane sich von ihm und streckt ihm seine Hand hin. Kräftig schlägt der kleine Junge ein. „Bslama“ - Auf Wiedersehen und der kleine Junge springt freudig davon.

Für Redouane war der kleine Junge eine von Dutzenden, vielleicht sogar mehr als einhundert Begegnungen an diesem Tag. Der 28-Jährige arbeitet als Verkäufer in einem Obst- und Gemüsestand in der marokkanischen Küstenstadt Essaouira. Seit dem frühen Morgen ist er hier und verkauft Tomaten, Zwiebeln, Kürbisse und Rotkohl zu seiner Linken und Äpfel, Birnen, Bananen, Ananas und Mangos zu seiner Rechten.
Bis vor einem halben Jahr noch ist er als Fischer beinahe täglich auf den Atlantik hinausgefahren. „Aber es war schwer damit genug Geld zum Leben zu verdienen“, sagt Redouane. Die Konkurrenz unter den Fischern sei sehr groß. Was er im Atlantik fing versuchte er im Hafen und der Medina an Einheimische und Touristen zu verkaufen. „Die Preise für Fische sind nicht sehr gut, das Angebot ist sehr groß. Es war mühsam damit Geld zu verdienen“, sagt Redouane. Außerdem sei es ein gefährlicher Job. Erst kürzlich ist ein Kollege von ihm bei einem Sturm ums Leben gekommen. Er war gleich alt wie Redouane.

Deshalb habe er vor einigen Monaten sich entschieden, einen neuen Job zu suchen. Fündig wurde er bei Hassan, einem Gemüse- und Obsthändler.
Gemeinsam mit ihm teilt Redouane sich die Schichten. „Der Stand ist jeden Tag geöffnet“, sagt der 28-Jährige. Um acht Uhr am Morgen beginnt der Verkauf, gegen 23 Uhr schließt er oder sein Chef den Stand. „So wie es die meisten hier machen“, sagt Redouane. Rund um die Avenue Abdellah Guenoun, eine der belebteren Straßen abseits der Medina (der Innenstadt), gibt es alles, was die Nachbarschaft zum Leben braucht. Bäcker, Metzger und Läden mit sämtlichen Haushaltswaren, auch Kleidung und Elektronik.
350 bis 400 Euro verdient Redouane - je nachdem, wie das Geschäft läuft. Im Schnitt arbeitet er mehr als 50 Stunden pro Woche. Vier Wochen im Jahr hat er frei.
Gefragt danach, ob er glücklich ist sagt er: „Gerade bin ich nicht glücklich. Aber das liegt am Fußball.“ Wie viele seiner männlichen Landsleute verfolgt Redouane intensiv den europäischen Fußball. Und wie ebenfalls zahlreiche seiner Landsleute ist er großer Fan des spanischen Fußballclubs Real Madrid. Gerade hat der Verein das Champions-League Viertelfinale gegen den Deutschen Club Bayern München verloren.

“Aber ernsthaft: Es gibt keinen Grund unglücklich zu sein”, sagt Redouane. Wenn er nicht zufrieden sei, dann mache er etwas, dass ich wieder glücklich sei.
So hat er es schon mehrfach gemacht. Weil seine Familie acht Kilometer von der nächsten Schule entfernt lebte und er so jeden Tag 16 Kilometer zu Fuß zurücklegen musste, zog er zu Verwandten nach Marrakesch. Nach der Schule begann er Wirtschaft zu studieren. Nach einigen Semestern brach er das Studium ab und arbeitete fortan in der Wäscherei eines Riads (Hotels), ehe er zurück in seine Heimatstadt Essaouira zog und dort bei einem Fischer anheuerte.
Für den Moment ist Redouane zufrieden mit seiner Situation. Langfristig träumt er aber von einem eigenen kleinen Business. Vielleicht ein eigener Gemüseladen?
Für einen kurzen Moment schweift sein Blick in den Himmel. „Sind die Erdbeeren frisch?“ unterbricht eine ältere Frau Redouane’s kleine Träumerei. „Ja, natürlich“.

Die Geschichte hinter der Geschichte:
Redouane und der Gemüse- und Obstladen waren in den vergangenen Monaten meine täglichen Begleiter. Der Stand von Redouane’s Chef Hassan lag schräg gegenüber von dem Haus, in dem ich mein Zimmer hatte. Wir waren quasi Nachbarn.
Jeden Morgen, bevor ich in die Stadt aufbrach, bin ich zu Redouane und habe mir etwas Obst für den Tag mitgenommen. Meist nur so viel, dass es geradeso für den Tag ausgereicht hat. Eine Birne, eine Orange oder ein paar Erdbeeren - in Marokko gibt es diese selbst im tiefsten Winter.

Da Redouane kein Englisch spricht haben wir uns kaum unterhalten. Mit unseren täglichen Begegnungen ist aber auch ohne Worte etwas entstanden, das sich wie eine echte Freundschaft angefühlt hat. Häufig, wenn ich wieder einmal für einen verschwindend geringen Betrag Obst gekauft habe und nur einen großen Schein zum Bezahlen hatte, hat er mir mit einem sanften Lächeln zu verstehen gegeben, dass ich heute nicht bezahlen muss. Ich habe es dann am nächsten Tag mit einem großzügigen Trinkgeld ausgeglichen. Genau dieses Vertrauen zwischen den Menschen habe ich Marokko sehr lieb gewonnen und vermisse es auch ehrlicherweise ein wenig, seit ich zurück in Deutschland bin.
Mit seiner ruhigen Art hat Redouane mir fast täglich einen friedlichen Start in den Tag beschert. Häufig haben wir uns auch nochmal gesehen, als ich am Abend nach Hause kam. Nicht selten stand er den ganzen Tag, von acht bis 23 Uhr hinter den Tresen und hat die Menschen bedient. Ich bin mir sicher, dass er sogar mehr als die fünfzig Stunden, von denen er mir erzählt hat, arbeitet. In Europa unvorstellbar. Und all das für einen Lohn, der ihn auch in Marokko gerade mal über den Monat bringt.

Immer wieder sind mir in letzter Zeit in Gesprächen mit Europäern Aussagen wie diese begegnet: „Ich würde auch gerne mal so arbeiten, wie die Marokkaner, einfach mehr chillen und weniger Druck bei der Arbeit.“
Nach allem was ich im letzten halben Jahr in Marokko gelernt habe ist: Ein Großteil der Menschen des Landes arbeitet mehr und härter als die allermeisten Europäer. Und dennoch nehmen sich Menschen wie Redouane die Zeit, für einen kleinen Plausch mit einem Kunden, ein freundliches Lächeln für einen Fremden oder, um einem kleinen Jungen ein schönes Einkaufserlebnis zu bieten.

