Ein Zuhause für Suchende

Ob Studentinnen, Pensionäre oder verlorengegangene Kinder: Diana und Juan José nehmen sie alle auf.

„Todo tranquilo?“ Juan José steht im blauen Hemd im engen Gang zwischen Küche, Schlafsaal und Swimmingpool und grinst breit. „Ich nehm's gelassen, danke“, antwortet der Backpacker, gerade zum ersten Mal in Asunción angekommen.

Der Argentinier Juan José war selbst einmal Gast im La Petite Maison de Diana im Herzen der Hauptstadt Paraguays. Hostel-Inhaberin Diana und er verliebten sich ineinander. Seither kümmert er sich um das Wohlbefinden der Gäste. „Die besondere Energie im Hostel heilte mein Diabetes“, sagt er.

Was sich hinter dem Schrank verbirgt

Ein kleines Häuschen, ein Ameisenhaufen aus Geschichten und Stimmen. Einige sind fleißige Arbeiter, sitzen in der oficina, einem blauen Sofa mit Tisch und gestreifter Tischdecke, und sprechen über estrategías, negocios und Kryptowährungen. Andere liegen wochenlang im Bett, scrollen am Handy. Sie wollen Paraguay gar nicht kennen lernen. Ein Brasilianer wartet auf die Reparatur seines Autos. Ein Italiener benötigt eine Adresse im Steuerparadies. Bevor er in den Flieger steigt, um an Traumstränden in Thailand zu entspannen.
Ein Mann führt ein wichtiges Business-Gespräch in der oficina.

Wenn die Laptops zufallen, von Online-Studenten aus Spanien und Ägypten und von Geschäftsfrauen und -männern aus Bolivien und Argentinien, die neue Bankkonten eröffnen, wird gekocht. Doch die Mini-Küche ist auch Schlafzimmer - für Diana und Juan José. Hinter einem dünnen Vorhang bleibt eine Matratze, eine Kleiderstange, ein Rest Privatsphäre.

Und der Schrank - ist das überhaupt einer? Die paar Zentimeter links neben der Dusche entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Schlafplatz für Dianas Putzfrau, Sohn und Juan Josés Hunde.

Eine zündende Idee

„Das Petite ist in einer schwierigen Zeit in meinem Leben entstanden“, erinnert sich Zahnärztin, Psychologiestudentin und Frankreich-Fan Diana. Sie hatte Krebs, war tief unglücklich und auf der Suche nach Lösungen. Alles, was sie besaß, floss in die Therapie - bis selbst das Geld fürs Brot fehlte. Dann die Idee, ein Zimmer im Haus ihrer verstorbenen alleinstehenden Tante zu vermieten. Als die erste Buchung reinflatterte, gab es noch nicht einmal ein Bett für den Gast. Also besorgte sie eines. Und so ging es Schritt für Schritt weiter mit wenig Geld und viel Improvisation. Freiwillige bauten den dormitorio compartido, einen von zwei Schlafsälen. Heute passen bis zu 25 Gäste ins Petite. „Aus den Ruinen habe ich alles wieder aufgebaut“, berichtet sie stolz im Nachhinein.

Diana nennt viele ihrer Gäste niños perdidos, verlorengegangene Kinder. „Sie suchen etwas, sonst wären sie nicht unterwegs. Einen Menschen vielleicht oder eine Erfahrung“, sagt Diana, die auf ihre Weise selbst etwas in sich verloren hatte und in vielen Hostels in aller Welt suchte.

Abwarten und scrollen...

Einmal arbeitete ein junger Paraguayer als Freiwilliger im Petite - der sich als drogensüchtig herausstellte. So kann man keine Gäste bedienen, steht für Juan José fest. Er musste ihn auf die Straße setzen. Drogen - ein emotionales Thema für Diana, da ihr Bruder und Nachbar auch der Sucht verfallen ist.

Alle suchen nur eins

Da war auch jener Argentinier. Weil sich ihr Sohn seit Tagen nicht mehr bei ihr gemeldet hatte, schrieb seine Mutter Diana. Er verschwand mit dem Fahrrad eines anderen Hostelgastes. Diana sagt: „Wer hier nicht hineinpasst, bleibt selten lange. Es bleiben die, die Frieden suchen.“
Dianas Traum ist es, ein Wellness-Hostel zu eröffnen - um zu heilen, was Menschen plagt und dazu führt, dass sie immer tiefer in die Sucht abrutschen. Die Schattenseiten anzunehmen, statt vor ihnen wegzurennen.

Steuerflüchtlinge, verlorengegangene Kinder, Businessfrauen: Alle suchen sie Stille in einer aufgewühlten Zeit.

Und für einen Moment glaubt man es: Alles ist ruhig. Todo tranquilo.

Die Geschichte hinter der Geschichte

In meinen ersten vier Wochen in Paraguay lebte ich im Petite. Ich begegnete dort lieben, inspirierenden Menschen, führte tiefe Gespräche, unternahm gemeinsame Ausflüge. Ihre Geschichten erscheinen in den kommenden Wochen auf mosaik.earth.
Diana und Juan vor dem Petite. Sie erzählten mir ihre Geschichte bei Mondschein in der letzten Nacht vor meiner Abfahrt.

Geschrieben habe ich sie natürlich in der oficina - und wenn die Hitze zu stark oder die Mücken zu wild wurden, in meinem kleinen Zimmer mit Blick auf den Garten. Nach vier Wochen sagte ich: „Adiós, ich komme wieder.“

So macht schreiben Freude...

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