„Bianggg, Bionggg, Bionggg“, hallt es aus den Lautsprecherboxen, wenn Fabba die Saiten seiner Gitarre zum Singen bringt. Scheinbar mühelos fliegen seine Finger über das hölzerne Griffbrett seines Instruments - auf und ab, auf und ab. Mit jedem neuen Anschlag nickt sein Kopf, wippt sein Körper, Haare fliegen, Dreadlocks hinterher.
„Wooohhh“ hallt es durch die Menge - Hunderte Zuschauer des Festivals, inmitten einer ehemaligen Eisenerzgrube im Westerwald, wippen, hüpfen und tanzen im Takt von Fabbas Solo - es scheint als jage der Sound seiner Gitarre immer neue Wellen von Endorphinen durch ihre Körper. Und es ist dieser Moment, in dem Fabba eines ganz besonders fühlt: Verbundenheit.
Jenes Gefühl, das er einst schmerzlich vermisste und das ihn überhaupt erst zur Musik gebracht hat. „Ich war sehr einsam“, sagt Fabba rückblickend. „Ich hatte kaum Freunde, habe mich nicht verstanden gefühlt. Die Welt um mich herum war ein dunkler und böser Ort.“ Er sei gemobbt worden. Nächteweise habe er weinend in seinem Zimmer verbracht und Musik gehört: Red Hot Chili Peppers oder John Frusciante. Sein Zimmer in der Schweizer Kleinstadt Kloten, in dem er sich nachts auf Kopfhörern der Musik hingab, war eine Insel der Zuflucht, inmitten eines dunklen Ozeans aus Angst, Ohnmacht und Trauer. „Über die Musik konnten meine Gefühle rausfließen." Fabba spricht von einer inneren Reise, auf die er sich regelmäßig begab.

Zu dieser Zeit war er gerade einmal 15 Jahre alt. Ans Musikmachen dachte er damals noch nicht. Bis zu jenem Tag: Er erinnere sich noch genau daran: „Ich stand am Bahnhof, als ich die Eingebung hatte. Die Musik gab mir so viel. Ich realisierte, dass es meine Lebensaufgabe ist, dasselbe Gefühl auch in anderen auszulösen. Musik zu erschaffen, die anderen Menschen hilft, Zuflucht und Trost zu finden." In diesem Moment war für Fabba klar: Er möchte Musiker werden.
„Es ging nur um Emotionen"
Und so drehte sich sein Leben fortan nur noch um Gitarre, Gesang und Songtexte: „Ich habe zum Teil die Schule geschwänzt, keine Hausaufgaben gemacht, weil ich nur noch Musik machen wollte." Schnell begann er, seine ersten eigenen Songs zu schreiben. „Es ging nur um Emotionen. Ich hatte kein Interesse an Theorie - das wäre zu viel gewesen. Ich wollte mich nur auf meine Gefühle konzentrieren. Sie sollten rauskommen dürfen, so wie sie waren", so Fabba.
Sein ganzes Geld steckte er in professionelle Tonaufnahmen. Nach drei Jahren war sein erstes Album fertig: „Defloration" (Entjungfernung) - Songs wie „I Don't Believe It's True", "Why" oder „I Search My Soul" erzählen von der Fortsetzung seiner inneren Reise durch die Dunkelheit seiner Welt. Die Texte darin bezeichnet Fabba als eine Art Selbsttherapie. „Defloration" war zugleich seine Abschlussarbeit an der Schule - und auch ein Moment, in dem er einen Teil des Schmerz seiner Jugend hinter sich lassen konnte, so Fabba.

Noch während seiner Schulzeit begann Fabba für mehrere Schweizer Lokalzeitungen und Kulturmagazine zu schreiben. "Ich habe Musiker interviewt und über Konzerte geschrieben." Die Arbeit brachte ihm wertvolle Kontakte zu Musikern. "Ich wurde überall unterstützt und gefördert. Ich war noch sehr jung, aber die Leute fanden es mutig, wie ich meinen Weg ging." Mehr und mehr fasste er wieder Vertrauen in die Welt, die ihm Jahre zuvor noch so dunkel und feindselig erschien. Er startete einen Podcast für den Schweizer Konzertveranstalter "Universal Sounds". Musikgrößen wie der ukrainische Gitarrist Estas Tonne oder das Percussion-Duo Hang Massiv waren dort bereits zu Gast.
Freelancer
In der Zwischenzeit entstand sein zweites Album "Embryo". Der Song "Master/Slave" ist bis heute sein erfolgreichster. Mehr als 10.000 Streams verzeichnet er auf der Videoplattform YouTube. Ebenfalls auf dem Album ist der Song "Shoot Me!". Er sei maßgeblich für die Entwicklung seines Gitarrenspiels gewesen, so Fabba. "Ich spiele parallel eine Basslinie und die Melodie - es hat lange gedauert, das zu üben."
Kreativität ist für Fabba dabei nicht nur auf die Musik beschränkt. Bis heute schreibt er Kurzgeschichten, die er in Schweizer Tageszeitungen veröffentlicht. Vor fünf Jahren brachte er zudem sein erstes eigenes Kurzgeschichtenbuch heraus: "Wie der kleine Gutsch die Welt verändert" - eine kindliche Utopie, in der das mit scheinbar grenzenloser Lebensenergie ausgestattete Phantasiewesen Gutsch in sieben kleinen Abenteuern die Welt zu einem besseren Ort macht.
Das Buch, wie auch seine Musik veröffentlicht Fabba unter seinem Label "Freelancer-Fabba". "Ich habe noch keinen einzigen Tag in meinem Leben unter einem Chef gearbeitet - Alles was ich gemacht habe, stand immer unter der Frage: Dient es meinem Weg als Musiker?", so der 32-Jährige. Weil er im Sommer viel auf Festivals spielt, lebt er in den Sommermonaten in seinem mattgrünen Ford-Camper.

Die Mühle der Fülle
Vor rund vier Jahren gründete er mit Freunden und Freundinnen zusammen eine Genossenschaft, die ein ländliches Anwesen in den Vogesen in Frankreich kaufte. Gemeinsam schufen sie "Le Moulin d'Abondance" - Die Mühle der Fülle. Ein nachhaltig bewirtschafteter Ort der Begegnung, des Lernens und der Erholung.
Im Sommer finden in der Mühle Festivals, Konzerte und andere Events statt. "Und im Winter kommen vor allem Künstler zu uns. Wir bieten ihnen einen Raum, um an ihren Projekten zu arbeiten, wir kochen für sie und sorgen für alles, sodass sie sich voll und ganz auf ihre Kunst konzentrieren können", so Fabba. Im Frühjahr und Herbst ist die Mühle zudem offen für Nichtkünstler. "Wer mag kann in dieser Zeit bei uns Urlaub machen", so Fabba.
Die letzten zwei Jahre habe er viel Zeit in dieses Projekt gesteckt. Mittlerweile sind rund 30 Menschen an der Genossenschaft beteiligt und die Mühle trage sich von selbst.

"Wash away all the pain"
Und so kann sich Fabba heute wieder mehr auf seine Musik konzentrieren. "Die letzten zehn Jahre habe ich fast nur noch an meinem Gitarrenspiel und Gesang geübt. Ich wollte improvisieren können und besser werden, habe viel an Instrumentalstücken gearbeitet." Liedtexte habe er kaum noch geschrieben. "Häufig denke ich, wenn ich gut genug bin an der Gitarre, kann ich wieder anfangen zu schreiben - aber vielleicht sollte ich es einfach mal wieder tun". Kürzlich habe er den "Song for the Earth" geschrieben. Ein simples Lied für die Elemente, die Dankbarkeit und Verbindung mit Mutter Erde. "Das, was ich in Zukunft schreiben werde wird sich mehr um die Themen Dankbarkeit und Lebensfreude drehen", so Fabba.
Von Trauer, Schmerz und Selbstmitleid zu Lebensfreude und Dankbarkeit. Es ist diese Entwicklung, die vielleicht am besten beschreibt, welchen Einfluss die Musik auf Fabba's Leben hatte.
An diesem Abend steht Fabba noch lange neben der Konzertbühne und unterhält sich mit den Zuschauern und Musikern. Dass er mit fünf anderen Künstlern zusammen auf der Bühne stehen würde, war dabei überhaupt nicht geplant. Der an diesem Abend eingeplante Künstler hatten überraschend abgesagt und so hat der Veranstalter am Morgen des Konzerts spontan eine Band "gegründet". Schlagzeug, Bass, Handpans und Keybord waren dabei. Eineinhalb Stunden lang probten sie vor dem Auftritt. "Wir waren zu sechst - jeder gab, was er geben konnte", so Fabba nach der Show. Das Ergebnis: 13 Minuten lang sangen und tanzten sie zu seinem "Song for the Earth" -
Here's a song just for the Water
A song just for the Wind... For the Wind
Here's a song just for the Fire
A song just for the Earth... For the Earth
Wash away all the pain!
Wash away all the pain!
Die Geschichte hinter der Geschichte
Fabba und seine Geschichte durfte ich bei einem Handpan-Festival in diesem Sommer kennenlernen. Ich kannte seine Musik bereits von YouTube. Am ersten Abend des Festivals setzte er sich zu uns und wir spielten ein bisschen zusammen. Wenn Fabba spielt, spürt man die Leidenschaft und Verbindung, die er zur Musik hat in jedem Ton, der aus seiner Gitarre kommt. Irgendwie war ich mir sicher, dass damit eine berührende Geschichte verbunden sein muss. Also fragte ich ihn am nächsten Tag, ob er bereit wäre seine Geschichte mit mir zu teilen. Er sagte "ja".
Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist: ein Satz, den er ganz zum Schluss unseres Gesprächs fast beiläufig aussprach: "Creativity is the way" - zuvor hatten wir darüber gesprochen welchen Wert menschliche Kreativität im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz hat. Der Satz ist mir bis heute präsent und gibt mir in Momenten des Zweifelns wieder und wieder die Zuversicht, auch meine Projekte weiterzuverfolgen.
Während ich Fabbas Geschichte aufschrieb, habe ich sein Stück "Calming the devils" gelauscht. Seine Instrumentalstücke berühren mich auf eine tiefe und ehrliche Art und Weise und ich kann seine Musik nur von Herzen empfehlen - sie ist auf Spotify, YouTube und natürlich live zu hören. Alles weitere über Fabba findet Ihr außerdem hier.

