Francisco reckt und streckt sich an diesem Morgen und tänzelt durch die Küche. Er trägt Anzug und Fliege, zumindest als Aufdruck auf seinem schwarzen T-Shirt. Heute ist Opernprobe. Francisco ist Sänger am Theater in São Paulo.
"Olá!" Der Mittfünfziger grüßt den Wachmann am Eingang zu seinem Wohnhaus. In seine Tasche hat er ein paar Bananen gesteckt, so wie jeden Morgen.
Zehn Minuten lang dauert es zu Fuß bis zur Oper. Das weiß Francisco genau, denn auf dem Weg singt er genau drei Mal "Frente al Mar", einen melancholischen Tango:
"Frente al mar, la recordé, frente al mar, la evoco más."
Am Meer erinner’ ich mich an sie,
am Meer wird alles wieder wach.
Francisco singt leise und kommt an vielen Obdachlosen vorbei. Sie alle tragen eine Malerdecke gegen die Kälte in der Nacht. Jedem gibt er eine Banane - und ein Ständchen.
Ihre Liebe - ein Schwur
„Obrigada“, bedankt sich eine faltige Frau bei Francisco. Beim Lächeln zeigt sich, dass sie nur einen Zahn hat.
„Frente al mar, la recordé, frente al mar, la evoco más. Fue su amor un juramento, y fue el viento quien burló la promesa.“
Am Meer erinner’ ich mich an sie,
am Meer wird alles wieder wach.
Ihre Liebe war ein Schwur,
und der Wind – er verspottete das Versprechen.
Francisco spaziert und singt, wie schon seit Jahren. Plötzlich bleibt er stehen und hält inne. Wer ist eigentlich „sie“, die er in diesem Lied besingt? Das hat er sich noch nie gefragt… Seine Mutter? Vielleicht.
Er hat sie niemals kennen gelernt. Sie ist bei seiner Geburt gestorben. Der Vater hat den Tod nicht verwunden und ist verrückt geworden. Also wurde Francisco adoptiert.
Seine Adoptiveltern waren arm, der Vater schleppte in einem Hafen im Nordosten Brasiliens Frachtgut auf dem Rücken wie ein Tier, um Schiffe zu beladen. Und so hatte Francisco als Kind fast keine Spielsachen. „Sie haben das Beste gegeben, was sie konnten“, denkt er.
Der Schmerz des Gewinners
Als Künstler hat sich Francisco schon immer gesehen. Erste Auftritte hatte er vor der Familie. Und irgendwann beschloss Francisco, nach São Paulo aufzubrechen. Ohne Geld, ohne Wohnung oder Kontakte, aber mit der Hoffnung, dass er dort seiner Kunst beruflich nachgehen kann.
Francisco erinnert sich, wie oft er Hunger hatte. Dieses Ziehen in der Magengegend, nie wieder wollte er es erleben. Also widmete er sich diszipliniert seiner Kunst. Die Kunst hat ihn gerufen.
Ein Jahr später hat er einen Wettbewerb am Theater gewonnen und ist seither Opernsänger und Tänzer. Ein richtiger Gewinner. So sieht sich Francisco. Jetzt lebt er in einer bunt dekorierten Wohnung, behängt von seiner eigenen Textilkunst, die bereits in Paris ausgestellt wurde. Mehr noch: Er lebt seine Mission, das Schönste von sich selbst durch Singen und Tanzen in die Welt zu geben.
Und doch ist da auch dieser Schmerz, der Francisco wieder zurück in den jetzigen Moment bringt.
Der Schmerz, der ihn über all die Jahre begleitet. Francisco denkt an seine Mutter, ihm kullert eine Träne über die Wange.

Und während sich die Sonne in den Fenstern der Hochhäuser spiegelt, macht Francisco das, was er immer macht, wenn ihn der Schmerz heimsucht. Er singt.
„Frente al mar, vuelvo a soñar, frente al mar, vuelvo a llorar. Fue su voz, un juramento, y fue el viento quien burló la promesa“
Am Meer beginne ich zu träumen,
am Meer, da weine ich erneut.
Ihre Stimme war ein Schwur,
und der Wind – er nahm ihn fort.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Ich lernte den Opernsänger und Tänzer Xavier Silva in São Paulo kennen. Er inspirierte mich, die Geschichte von Francisco zu schreiben.
Xavier war mein Airbnb-Gastgeber. Nach dem langen Flug von Lissabon über Casablanca durfte ich mich für ein paar Tage bei ihm ausruhen und so langsam in Südamerika ankommen. In Xaviers bunt dekorierter Wohnung fühlte ich mich pudelwohl, nur vor der Haustür war die Atmosphäre weniger angenehm. Sehr viele Obdachlose, überall Polizei.

Einmal bat er mich, dass ich mich an den Küchentisch setzte. Er habe ein Geschenk für mich. Xavier startete die Handymusik, schloss die Augen und begann, „Frente al Mar“ zu singen. Gänsehaut pur!

