In der monumentalen Wartehalle des Jugendstilbahnhofs mit den hohen Decken riecht es nach Kaffee, Stimmen flüstern, Koffer rollen, manchmal dringt vom Eingangsbereich melancholische Klaviermusik in die Halle.
Um 2 Uhr nachts nimmt Werner auf einer der schweren Holzbänke Platz. Er hat ein paar Tage frei. Doch statt an den Strand oder in die Berge fährt Werner in die Ukraine, um zu helfen.

Er befindet sich am Hauptbahnhof in Lemberg. Atmet ruhig, spricht ruhig, blickt sich ruhig um – obwohl er sich im Kriegsgebiet befindet.
Wer ist dieser Mann und was treibt ihn an?
„Es geht eigentlich nicht um mich“, sagt Werner. „Es geht um die Ideen und Projekte, die ich vorantreibe.“Davon gibt es zahlreiche.
Der 59-Jährige ist als Geschäftsführer eines Sozialunternehmens für rund 200 Mitarbeiter verantwortlich, war mehrfach in der Ukraine, lieferte Krankentransporter und durchlebte Luftalarme. Und dann kommt bei Werner das Politische nie zu kurz: Der ehemalige Gemeinderat hat einen Podcast mit neuen Folgen alle zwei Wochen.
Ach ja, er hat mit seiner Frau vier leibliche Kinder großgezogen und einen Pflegesohn aus Syrien aufgenommen.
Wie viele Stunden Werner jede Woche für all seine Projekte aufwendet, will er nicht verraten. „Da geht es schnell ins Angeben, wer wie viel arbeitet.“ Nur so viel: „Ich verlasse das Haus um 7 Uhr morgens, um zur Arbeit zu fahren, und komme um 7 Uhr abends wieder zurück.“
Einer der ersten - wie so oft
Auf dem Dach des gemeinsamen Hauses in Friedrichshafen ist übrigens eine der ersten Photovoltaikanlagen der Region installiert – noch bevor dies dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 richtig rentabel wurde. Damals winkten die allermeisten Handwerker noch ab, eine solche Anlage zu installieren. „Das lohnt sich nicht.“Nach vielen Anrufen fand sich schließlich ein Handwerker – und Werner produzierte eigenen Strom. Typisch Werner: Er leistete zusammen mit einem befreundeten Ingenieur Pionierarbeit, doch das große Business überließ er „denen, die mehr von Solarenergie verstehen“ – und widmete sich anderen Projekten.
„Ich mache nur Sachen, hinter denen ich 100 Prozent stehe“, sagt Werner. Wer ständig hinterfragen müsse, warum er etwas mache, sei viel schneller müde als jemand, der etwas wirklich Sinnstiftendes verfolge.
Jungen Menschen die Hand auszustrecken, sie wieder zurückzuholen in die Gesellschaft – das gibt Werner Energie. Schon bei seinem ersten Job nach dem Studium der Sozialen Arbeit gab er Menschen die Hand, deren Ideologie er strikt ablehnt: Skinheads.
Es waren die frühen 1990er-Jahre. Werner arbeitete als Streetworker mit der rechtsextremen Szene in Esslingen bei – wie könnte es anders sein – einem Pilotprojekt. „Ich bin einfach reingesprungen. Ich habe versucht, mit ihnen in Kontakt zu kommen – das war nicht ganz risikoarm, ich war schließlich ein Fremdkörper.“ Ein umstrittener Ansatz: den Menschen zu sehen und zu akzeptieren, ohne ihr Gedankengut zu fördern.
Der Wendepunkt
Während Werner vor allem für solche zuständig war, die drohten, in die Szene abzurutschen, schmiedete der harte Kern der Gruppe einen Plan: Sie drangen nachts in eine Unterkunft für jugoslawische Bauarbeiter ein, in der zwei kosovo-albanische Gastarbeiter schliefen. Sie schlugen mit Baseballschlägern auf die Männer ein, wodurch einer der beiden getötet wurde. Der andere überlebte trotz schwerer Verletzungen am Kopf.Die Skinheads kannten die Männer nicht. Und dennoch hassten sie sie.
Ein Mord – eine Chance für das Umfeld der Neonazis, sich zu distanzieren. Diese Chance ergriff etwa ein Jugendlicher, der auf dem Weg war, selbst zu einem zu werden.
Heute führt er ein bürgerliches Leben, arbeitet, ist verheiratet und Stadtrat – und hat immer noch Kontakt zu Werner. Der Streetworker war die Rettung für den Jugendlichen. Er zeigte ihm Alternativen auf, um sich ein eigenes Leben aufzubauen, abseits von Hitlerreden und Rechtsrock – ein Leben außerhalb der Enge der Szene.
Ausbruch aus der dörflichen Enge
Apropos Enge: Sie konnte Werner noch nie leiden. Aufgewachsen ist er auf dem Dorf in den 1970er-Jahren. „Insgesamt hatte ich eine schöne Kindheit und profitierte von der ländlichen Fülle.“ Werner erinnert sich allerdings auch an eine starke soziale Kontrolle im konservativ-katholischen Oberschwaben und wenig Freiheit, so zu leben, wie man möchte.Damals habe es auch noch viele sichtbar vom Zweiten Weltkrieg Versehrte gegeben, denen etwa ein Bein oder ein Arm fehlte. Diese Erinnerungen wurden geweckt, als Werner Hilfslieferungen in die Ukraine brachte.

Eigentlich wollte er mit seinen Töchtern einen Urlaub in dem osteuropäischen Land machen, als der Krieg im Februar 2022 ausbrach. Spontan organisierte er Hilfe, später unter dem Dach des Vereins „Brücke nach Horishni Plavni“, dessen Vorsitzender er ist. Und so steht Werner in Kontakt mit Bürgermeistern und Sozialarbeitern der Solidarpartnerstadt Friedrichshafen in der Zentralukraine, fragt, was benötigt wird – und liefert es. Sei es ein Krankentransporter, medizinisches Equipment oder Haushaltsartikel für Geflüchtete.
Tochter Jolanda war bei den ersten 11 von 12 Fahrten dabei, die Werner privat organisierte. Die 13. Fahrt war die erste, bei der er die Grenze in die Ukraine überquerte und direkt nach Horishni Plavni fuhr.

Überblick dank Vertrauen
In die Ukraine zu fahren, ist auch eine Abwechslung von seiner Arbeit als Geschäftsführer – ein Job, für den es „keine Stellenbeschreibung“ mehr gibt, meint Werner. Zentral in seiner Tätigkeit sei die Personalführung – Menschen überall im Unternehmen zu haben, denen er vertraut und die ihm die wichtigen Informationen weitergeben. Gerade auch die aktuelle Finanzlage zu verstehen, sei essenziell, denn im schlimmsten Fall muss er als Geschäftsführer persönlich mit seinem Vermögen haften.
„Arkade“, „Arkade Pauline“: Das ist ein Konglomerat aus Unternehmens- und Vereinsstrukturen, unter dessen Dach zahlreiche Projekte in sechs Landkreisen laufen – vom Bodensee bis nach Esslingen. Sei es eine psychiatrische Tagesklinik in Friedrichshafen, Unterstützung für Menschen mit Beeinträchtigungen, wieder Arbeit zu finden – oder die Vermittlung von Pflegefamilien.
Sie kümmern sich derzeit um rund 220 Jugendliche, die aus Einrichtungen herausgefallen sind.
„Pflegeeltern sind Heldinnen und Helden des Alltags“, sagt Werner. „Deren Einsatz für ihre Pflegekinder ist irgendwo zwischen faszinierend und zum Weinen.“ Ein Phänomen, das Werner beobachtet hat: Familien, die schwierigste Jugendliche begleitet haben, melden sich nach einer kurzen Pause wieder zurück, um einen weiteren Jugendlichen bei sich aufzunehmen – weil es ihnen Sinn gibt.
Eine Chance
Da ist etwa das Mädchen, das schwer misshandelt wurde und hochtraumatisiert war. Mit elf Jahren kam es in eine Pflegefamilie. „Heute ist sie eine Frau, die mitten im Leben steht, sie arbeitet in der Gastronomie und hat kürzlich geheiratet. Auch ich war eingeladen“, freut sich Werner.Auch er selbst hat mit seiner langjährigen Partnerin und mittlerweile Ehefrau Gabi den Pflegesohn Ahmad aus Syrien großgezogen. Im Januar 2016 nahmen sie den damals 15-Jährigen auf, der alleine nach Deutschland kam. „Die ersten drei Wochen hat er fast nur geschlafen.“ Ahmads älterer Bruder Hussam wurde ebenfalls wie ein Familienmitglied aufgenommen. Er nennt Gabi bis heute „meine deutsche Mama“.
Ahmad und Hussam sind beide ihren Weg gegangen.
„Wir kämpfen hierzulande um jedes Kind, um jeden Jugendlichen“, sagt Werner und fragt rhetorisch: „Ist das nicht genial?“ Dann grinst er breit. Er sei ein großer Fan des deutschen Sozialstaats. „Es sagt viel über eine Gesellschaft aus, wie sie mit den Schwächsten umgeht.“ Und: „Ich bin Vollblut-Demokrat. Ich glaube, viel zu wenige stehen dazu und sagen: Es lohnt sich, für unsere Demokratie einzutreten.“
Und was ändert sich, wenn man älter wird?
Bei ihm selbst nicht so viel, findet Werner. Vielleicht trinkt er mehr Kaffee. Noch immer ist er neugierig, noch immer hat er viele Ideen. „Heute brenne ich kontrollierter – aber ich mache es trotzdem.“
So wird es wohl auch nicht das letzte Mal sein, dass Werner in der Nacht auf einer Holzbank in einem Bahnhof Platz nimmt – hoffentlich in einer befriedeten Ukraine.

„15 bis 20 Prozent der Menschheit reichen aus, damit die Menschheit überlebt“, so Werners Theorie. „Ich will zu diesen 15 bis 20 Prozent gehören.“
Die Geschichte hinter der Geschichte
Werner habe ich kennengelernt, als ich für die Schwäbische Zeitung über seinen Podcast „Zwischendurch politisch“ schrieb. Auch sein Engagement für Waisen, Verwundete und Flüchtlinge in der Ukraine bewundere ich – bis wir einmal gemeinsam in die Westukraine fuhren, um uns Wohnungsbauprojekte für Binnenvertriebene anzusehen.Was mich an Werner fasziniert: dass er trotz seines offensichtlich enormen Pensums anscheinend immer aus den Vollen schöpft. Er lud mich für unser Gespräch zu sich nach Hause ein, nahm sich dreieinhalb Stunden Zeit, nebenbei zauberte er noch ein leckeres Vesper, hat alle nur denkbaren Zeitungen abonniert und kann über alle nur denkbaren Themen so sprechen, dass ich gerne zuhöre. Und dabei wirkt er weder überarbeitet noch sonderlich gestresst.

„Irgendwann muss ich dich rausschmeißen“, sagte Werner gegen 22 Uhr und lachte. „Ich will noch etwas erledigen.“
