In Europa wird alles gut...

Pavel und Rosa haben einen Traum. Er spielt in Europa und wartet noch immer darauf, in Erfüllung zu gehen.

Jeden Morgen, dann wenn die Sonne gerade erst über den Horizont blinzelt, verabschieden sich Pavel und Rosa. Ein kurzer Moment der Stille, Augenkontakt, ein Kuss und drei Worte: „Alles wird gut.“

Dann trennen sie sich. Rosa macht sich auf den Weg in die Stadt. Sie hofft auf einen Gelegenheitsjob. Manchmal hilft sie in der Textilfabrik der Stadt aus. Dann näht sie den ganzen Tag T-Shirts. 159 Molauische Leu bekommt sie dafür. Umgerechnet etwa acht Euro.

Nicht immer kann sie dort aushelfen. Manchmal zieht sie weiter und versucht, bei Menschen in den wohlhabenderen Vierteln Arbeit zu finden. Dann putzt sie Fenster, Böden und auch Toiletten.

Zwischen Trauer und Tapferkeit

Aber selbst hier findet sie nicht immer eine Arbeit. Manchmal muss sie sich ohne Geld in der Tasche wieder auf den Heimweg machen. Und manchmal überkommt sie dabei eine tiefe Traurigkeit. Nach Kräften versucht sie, es zu kontrollieren. Und doch kullern von Zeit zu Zeit dann einige Tränen über die Wange.

Dabei weiß sie es doch ganz genau: Eines Tages wird alles gut - und dafür lohnt es sich schließlich, stark zu sein. Tapfer schaut sie dann in ihren Vorräten, was sie kochen könnte. Wenn Pavel am Abend nach Hause kommt, hat er meist furchtbaren Hunger. Er arbeitet außerhalb der Stadt in der Landwirtschaft.

Jeden Morgen macht er sich zusammen mit zahlreichen weiteren Tagelöhnern auf in die Weiten der Bălți-Steppe. Hier im Nordwesten Moldawiens gibt es sie noch: die kolchoseartigen Landwirtschaftsbetriebe. Und hier findet Pavel meistens auch Arbeit.

Der Schweiß der Steppe

Zwischen bis an den Horizont reichenden Getreidefeldern, Sonnenblumen-Plantagen und kargen Rinderweiden pflanzt, erntet, füttert und mistet er dann stundenlang. Häufig in der prallen Sonne. Im Sommer heizt sie die Bălțiregion auf wie ein Holzofen ein Saunafass. Nur im Winter gibt es wenig zu tun, dann muss auch er in die Stadt und nach anderen Gelegenheitsjobs suchen.

Wenn er abends aus der Steppe zurück kommt, ist er müde, geschafft, aber glücklich. Denn er weiß, Rosa wartet bereits mit einem Abendessen auf ihn. Er liebt ihr Mamaliga, ein traditioneller Maisbrei. Dazu gibt es ein gutes Stück Käse. Oder Placinte, ebenfalls mit Käse und Kartoffeln gefüllte Teigtaschen. Dann, wenn sie gemeinsam am Esstisch sitzen, ist alles gut.

So war es jedenfalls. Heute ist alles anders. Heute gibt es Buchstabensuppe. Und weil das nicht wirklich satt macht, essen beide dazu ein süßliches Burger-Toastbrot mit einem Klecks Ketchup. Mehr können sie sich nicht leisten. Zu teuer sind die Lebensmittel geworden.

Willkommen in Europa...

Mittlerweile leben Rosa und Pavel in Frankreich. Mit Beginn des Krieges in der Ukraine haben sie ihre Wohnung verloren. Sie konnten die Heizkosten nicht mehr bezahlen. Ein paar Monate hat ihr Vermieter das toleriert. Dann hat er Rosa und Pavel vor die Tür gesetzt. Alles bitten half nichts.

Sie hätten das Geld nachgereicht. Dann, wenn die Energiepreise wieder gesunken und sie ein wenig Geld beiseite hätten legen können. Aber es war nichts zu machen. Das erste Mal in ihrem Leben hatten die beiden kein Dach mehr über dem Kopf. Das war vor drei Jahren. Heute ist das für sie Alltag.

Seit drei Jahren leben sie nun in Lyon. In der Stadt der Gourmets. Dort, wo sich ein Sternerestaurant an das nächste reiht. Den großen Flüchtlingsbewegungen ihrer vom Krieg gebeutelten ukrainischen Nachbarn gen „Westen" folgend, hofften sie auf ein besseres Leben. Auf ein Leben im Westen. Dort, wo alles gut ist. So hatten sie es stets gehört.

In Frankreich kein „Pardon"

Im Gegensatz zu ihren ukrainischen Nachbarn hofften sie jedoch vergeblich. Frankreich erkennt sie nicht als schutzbedürftig an. In ihrem Land sei kein Krieg und auch sonst kein humanitärer Ausnahmezustand. Daher hätten sie auch keinen Anspruch auf Asyl. Das ist es, was sie seit ihrer Ankunft wieder und wieder zu hören bekommen. Die französischen Behörden kennen kein Pardon.

Und dennoch: Pavel und Rosa sind hier, sie wollen leben. Ihr ganzes Leben haben sie eingepackt. Alles in ihrem kleinen orangefarbenen Zelt.

Darüber haben sie eine blaue Plane gespannt. Sie hilft, wenn es regnet. Denn das Zelt ist nach all den Monaten unter freiem Himmel nicht mehr dicht. Pavel flickt die undichten Stellen zwar regelmäßig. Aber sobald die eine Stelle wieder trocken ist, kommt das Wasser an einer anderen herein. Ein aussichtsloses Unterfangen.

„Leben wie richtige Menschen"

Immerhin, sie sind mit ihrer Misere nicht alleine. Zahlreiche moldawische Mitbürger leben mit ihnen im Berges-Park im 7. Arrondissement von Lyon. Sie unterstützen sich gegenseitig. Eine ganze Zeltsiedlung ist so entstanden.

Die Stadt toleriert sie derzeit - noch. Aber sie kennen das Spiel. Sobald sich die ersten Bürger bei der Stadt beschweren und die Siedlung zu stark wächst, räumt die Gendarmerie das Lager. Dann ziehen sie weiter, in den nächsten Park. Wo sollten sie sonst auch hin.

Sie sind da. Und zurück nach Moldawien wollen sie nicht. Hier in Europa Arbeit finden, eine Wohnung haben und leben, „leben wie richtige Menschen", wie es Rosa sagt, wenn sie jemand nach ihrem Traum fragt. Und so schnell geben sie den auch nicht auf. Denn Rosa und Pavel sind sich noch immer sicher: Am Ende wird alles wird gut…

Die Geschichte hinter der Geschichte

Rosa und Pavel sind uns begegnet, als Simon und ich gemeinsam im September 2025 durch Frankreich gereist sind. In Lyon haben wir unser Nachtlager in einem der zahlreichen Parks aufgeschlagen. Am nächsten Morgen bemerkten wir dann, dass wir nicht die einzigen waren, die hier geschlafen haben.

Pavel und Rosa vor ihrem Zelt im Berge Park im Süden von Lyon.

Wir sahen die kleine Zeltstadt und haben uns gefragt, wer dort wohnt und warum. Das erste Zelt, in dem wir jemanden antrafen, war das von Pavel und Rosa. Wir versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Erst auf Französisch, dann auf Englisch. Irgendwann gab uns Pavel den entscheidenden Hinweis: „Russkij" - Russisch.

Simon im Gespräch mit Pavel und Rosa.

Glücklicherweise spricht Simon neben Französisch, Englisch und Spanisch auch perfekt Russisch. Vor einigen Jahren hat er in Russland studiert und für eine Moskauer Zeitung gearbeitet. So konnten die beiden ihm ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte einer europäischen Illusion, wie es sie wohl zu tausenden da draußen gibt. Und doch so berührend, dass sie nicht oft genug erzählt werden kann.

Wir wünschen Rosa und Pavel von ganzem Herzen, dass ihr Traum in Erfüllung geht. Denn auch wir leben den unerschütterlichen Glauben, dass „am Ende alles gut wird". Und wenn es noch nicht gut ist, es noch nicht das Ende ist...

Pavel und Rosa vor ihrem orangefarbenen Zelt mit der blauen Plane darüber.

Für die nächste Geschichte.

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