Rabat 1992. Eine Gruppe von Studenten der staatlichen Universität hat sich versammelt. Sie protestieren gegen die Preiserhöhung an ihrer Mensa. Unter ihnen ist auch Houssine Boukbir. Für den Soziologie- und Philosophiestudenten aus der marokkanischen Hafenstadt Essaouira aber geht es um mehr als günstige Gerichte für sich und seine Freunde. Er ist überzeugt: Das Übel dieser Welt liegt in der Gier. Der Gier des Kapitalismus.
Und diese zeigt sich für Houssine bereits im Kleinen, etwa in der Erhöhung der Mensapreise.
Nach Wochen des Protests und der Verhandlungen mit der Universität dann ein Kompromiss: Den Studenten wird eine Cafeteria zur Selbstverwaltung übergeben.
Von nun an sitzt er anstatt in der Bibliothek hinter der Kaffeemaschine, schreibt Einkaufslisten und organisiert kleine philosophische und politische Abende. Im Zentrum dieser Events steht stets die Frage nach einem guten Leben für alle, ohne Gier, ohne Kapitalismus.
Der Mensch im Mittelpunkt
34 Jahre später steht Houssein noch immer hinter der Kaffeemaschine, schreibt noch immer Einkaufslisten und organisiert noch immer politische Events - nur nicht mehr auf dem Universitätscampus von Rabat, sondern in einem unscheinbaren Eckhaus in der 300 Kilometer südlich davon gelegenen Küstenstadt Essaouira.
Er hat einen Ort geschaffen, an dem der Mensch im Mittelpunkt steht -Nicht der Profit. Nach Abschluss seines Studiums fand er, wie so viele seiner Freunde und Kommilitonen, keine Arbeit.
Er kehrte zurück in seine Heimatstadt Essaouira. Als er hörte, dass die Molkerei („MAK“), ein beliebtes Café in der Nachbarschaft, in der er aufgewachsen war, schließen würde, sah er seine Chance: Mithilfe seiner Familie übernahm er den Pachtvertrag für das Café. Sein Vater, von Beruf Tischler, baute ihm Tische, Stühle und Regale, während sein Bruder ihn finanziell unterstützte.

Heute ist das Café einer der Treffpunkte für Musiker, Poeten und Menschen von Essaouira. Manche von ihnen kommen zum Musikmachen - über die Jahre hat eine beachtliche Zahl von gespendeten Musikinstrumenten ihren Weg in das kleine Café gefunden - andere spielen Schach, wieder andere diskutieren oder genießen die Wintersonne auf der Veranda.
Bücher für ein besseres Leben
Sie alle geben dem Ort eine friedvolle und so entspannte Energie. Das Café wiederum ist so etwas wie die Essenz von Essaouira selbst. Gelassen, leise und vielfältig. Im Vergleich zu den großen und lauten Städten wie Marrakesch oder Casablanca wirkt die 70.000-Einwohnerstadt am Atlantik noch immer etwas verträumt.

Wer zu Houssine kommt, findet ihn nicht selten in ein Buch vertieft auf einem der roten Plastikstühle auf der Veranda sitzend. Wenn gerade kein Gast etwas von ihm will, nickt er dabei auch gerne mal kurz ein.

1500 Bücher hatte Houssein im Laufe seines Studiums in seinem kleinen Studentenzimmer angesammelt. Mit der Übernahme des Cafés hat sich für deren Verbleib eine praktische Lösung gefunden. Schnell hat es so seinen zweiten und mittlerweile offiziellen Namen erhalten: „Café Literaire“ (Literaturcafé). Noch heute stehen hier mehr als 2000 Bücher.
Arabisch, Französisch, Englisch, sogar Deutsch und Spanisch - die Sprachen dieser Bücher sind die gelebte Geschichte der Menschen, die das Café in all den Jahren besucht haben. Immer wieder bringt jemand ein neues Buch mit. Gelesen werden sie von Houssines Gästen, ihm selbst und manchmal auch ganzen Schulklassen, die zu ihm kommen, um zu lesen. Manche von ihnen, sagt er, würden so zum ersten Mal ein Buch außerhalb der Schule lesen. „Freiwillig!“
Seine Frau etwa hat durch das „Literaire“ überhaupt erst Lesen und Schreiben gelernt. Vor kurzem hat sie so, gemeinsam mit ihren ältesten Sohn, ihren Schulabschluss nachgeholt. Heute ist sie die erste und einzige Taxifahrerin in ganz Essaouira. Vermutlich gibt es in ganz Marokko nur eine Handvoll Frauen, die das geschafft haben.

Für Houssine ist klar: „Nahrung, Gesundheit und Bildung sind Menschenrechte.“ Im Gegensatz zu anderen Cafés gibt es bei ihm keine überwältigende Auswahl an Getränken oder Speisen. Genau drei Getränke können seine Gäste bei ihm bestellen: Kaffee, Tee und frisch gepressten Orangensaft. Keine Softdrinks, nur Leitungswasser und das kostenlos. „Wasser gehört allen“, sagt Houssine. „Über Jahrhunderte haben sich die Stämme unserer Vorfahren das Wasser geteilt. Niemand hat es besessen“, sagt er. Heute kaufen multinationale Lebensmittelkonzerne Quellen auf, füllen Wasser ab, machen daraus zuckerhaltige Softdrinks, und verkaufen sie anschließend teuer. „Das möchte ich nicht unterstützen“, sagt er.
Ein Café wie kein zweites
Seine Kritik am Kapitalismus ist für ihn kein Lippenbekenntnis: Seine Kunden sind für Houssine keine Nummer, kein Umsatz, kein Cashflow oder Profit. Acht Dirham, etwas weniger als 80 Euro-Cent kostet der Kaffee bei ihm. Der Tee genauso viel. Die Hälfte oder gar nur ein Drittel von dem, was andere Cafés in Essaouira verlangen. Dafür bekommt man den wohl heißesten Kaffee in der ganzen Stadt. Gut zehn Minuten muss man im Literaire seinen „Nuss-Nuss“ (Arabisch für „Halb-Halb“ - also halb Milch, halb Kaffee) abkühlen lassen, bis man ihn trinken kann, ohne sich die Zunge zu verbrennen.

Das Café selbst ist Houssines Leben. Zwölf Stunden am Tag, häufig sieben Tage die Woche steht er hinter der Theke. Seine beiden Söhne, 8 und 13 Jahre alt, wachsen im und rund um das Café auf. Wenn sie sich mit ihren Freunden treffen, ist das Café stets Dreh- und Angelpunkt. Gemeinsam teilen sie sich hier mittags meist eine große Tagine. Was davon übrig bleib, Brot, Fleischreste oder Knochen - füttern sie anschließend gemeinsam den Katzen und Möven in der Nachbarschaft. Und wenn ihr Vater mal kurz weg muss, stellt sich einer von ihnen wie selbstverständlich hinter die Theke und vertritt ihn.
Bei Houssine gibt es keinen Fernseher, kein Internet - dafür Bücher, Spiele und Musikinstrumente. Während in anderen Cafés seine Landsleute von einem Fußballspiel zum nächsten wetteifern, diskutieren Houssines Gäste über die Macht der Zentralbanken, die humanitäre Notlage im Gazastreifen oder Alternativen zum Kapitalismus.
Ihr Gastgeber weiß: „Cafés waren schon immer das Parlament des Volkes. Orte, an dem die Menschen Probleme diskutiert und um Lösungen gerungen haben.“ Rund 800 Lesungen, Diskussionsrunden oder Konzerte hat er in all den Jahren im „Literaire“ einen Platz geboten. Darunter auch etwa 100 politische Veranstaltungen. „Ohne Anmeldung“, wie Houssine mit einem ruhigen Lächeln anmerkt. Schließlich brauche es in einer „echten“ Demokratie doch keine Anmeldung für einen politischen Austausch.
Eine andere Welt
Seine politische Haltung verbirgt der 56-Jährige nicht. Eine große Palästinaflagge hängt in der Mitte des Cafés. „Die Menschen im Gazastreifen leiden unglaublich. Für mich grenzt das an einen Völkermord. Selbst der internationale Gerichtshof prüft das aktuell“, sagt er.

Sehr wohl unterscheide er zwischen Juden und dem Staat Israel. „Ich habe zahlreiche jüdische Freunde.“ Aber selbst diese würden das Vorgehen Israels im Gazastreifen verurteilen.
Auch wenn das Politische Teil seines Cafés ist, geht es für Houssine doch vor allem um eines: einen Ort der Begegnung und des Austausches zu schaffen. Unabhängig von Alter, politischer Ausrichtung oder finanziellem Status. Vor einigen Jahren kam eine niederländische Kunstakademie für ein mehrtägiges Retreat zu ihm. 80 Studenten aus 25 Nationen. Noch heute leuchten seine Augen, wenn er davon spricht. Diskutiert habe sie über einen eine bessere Welt.
„Eine Alternative zum kapitalistischen System startet mit Orten, an denen man sich treffen kann“, sagt Houssine. Er hat einen solchen Ort geschaffen.

Wer zu ihm kommt, bekommt seinen Tee oder Kaffee, egal ob er ihn bezahlen kann oder nicht. Er hat ein System, das man in Frankreich „acrochee“ nennt, in seinem Café etabliert. Kunden, die finanziell besser gestellt sind, zahlen zusätzlich zu ihrem Kaffee einen weiteren und ermöglichen so finanziell Schwächeren die Teilhabe am Café.
Das ist die Welt, in der Houssine leben möchte. Eine Welt des Miteinanders, des Austausches. Eine Welt, in der nicht das Kapital im Zentrum steht, sondern der Mensch.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Seit mittlerweile drei Monaten lebe ich nun in Essaouira. Und mit der Ausnahme der letzten Wochen, in denen das Café während des Fastenmonats Ramadan tagsüber geschlossen war, habe ich fast jeden Tag dort verbracht. Ich war dort zum Schreiben, zum gemeinsam Musikmachen und Menschen treffen. Über die Monate ist das „Literaire“ so etwas wie mein Wohnzimmer geworden - zumindest tagsüber.

Ich kann dort alles tun, was ich möchte und bin immer in guter Gesellschaft. Das Café hat eine wunderbare Mischung aus Einheimischen, Auswanderern und ab und zu auch ein paar Touristen, die meist eher zufällig hier landen. Wenn ich in der Stimmung dazu bin, kann ich hier jeden Tag neue und spannende Menschen kennen lernen. Ich habe mir sagen lassen, dass einige der berühmtesten Poeten der arabischen Welt bei Houssine regelmäßig vorbeischauen. Leider ist mein Darija (das marrokanische Arabisch) noch immer so schwach, dass ich mit vielen von ihnen lediglich eine wertschätzende Begrüßung austauschen kann. Und trotzdem fühle ich mich sehr verbunden mit ihnen.
Mit seinem Café ist Houssine eine echte Instanz in Essaouira. Aber vor allem ist das Café ein unverzichtbarer Ort für die Lösungen ganz alltäglicher Probleme. Houssine kennt die Menschen in seinem Viertel wie wohl kein anderer. Ihre Sorgen, ihre Nöte, ihre Hoffnungen und Träume. Der marokkanische Staat kümmert sich kaum um die Bedürftigen seines Landes. Deshalb sind Orte wie Houssines Kaffee unverzichtbar und so wertvoll.

