Corinne lebt in einer Villa. Einer Villa hinter zwei Sicherheitsschleusen, umsäumt von einer kleinen Olivenbaumallee und mit dem Luxus eines großzügig dimensionierten Pools. Doch anstatt Wasser bewegt sich etwas anderes durch das 15 Meter lange Schwimmbecken. Flauschige Fellknäule. Katzen. Einige machen ein Schläfchen im abgelassenen Pool, dutzende jagen durch den Garten und noch viel mehr sitzen im angenehm kühlen Inneren des Hauses.
Genau genommen lebt also nicht Corinne in der Villa. Genau genommen leben dort ihre Katzen. Mehr als 400. Dazu kommen etwas mehr als 30 Hunde. Acht Arbeiter, ein Gärtner und mehrere Pfleger versorgen die Tiere jeden Tag.

Corinne stammt ursprünglich aus Paris. Vor 14 Jahren zog sie der Gesundheit wegen nach Marokko. 2012 wurde bei ihr Emphysem, eine chronische und nicht heilbare Lungenkrankheit, festgestellt. Zudem leidet sie an Asthma. Aufgrund des günstigen Klimas entschied sie, an die marokkanische Westküste zu ziehen - gegen den Rat ihrer Ärzte. Sie gab ihren IT-Job in Paris auf und zog nach Agadir. Ihr Mann blieb in Paris. Die einzige Begleiterin in dem neuen Land war ihre Katze, die sie aus Frankreich mitbrachte.
Aus einer wurden 40 Katzen
Das Elend der Straßenkatzen und -hunde in ihrer neuen Heimat habe sie beschäftigt, sagt die heute 62-Jährige. Sie begann, sich freiwillig im Verein „Le cœur sur la patte“ („Ein Herz für Pfoten“) zu engagieren.
„Ich habe begonnen, Katzen aus meiner Straße bei mir aufzunehmen und zu pflegen. Als ich Agadir verlassen habe, waren es etwa vierzig Katzen.“
Von Agadir aus zog Corinne nach Essaouira. Agadir habe ihr irgendwann nicht mehr gefallen und von Essaouira habe sie viel Gutes gehört. Außerdem gab es in der Umgebung Landhäuser, die ihr und ihren Katzen genug Platz boten.

Immer mehr Tieren bot sie in ihrem neuen Haus bei Essaouira eine Heimat. Irgendwann war es mehr Tierheim denn ihr eigenes Haus. Bei den Menschen in Essaouira war Corinne mittlerweile bekannt. Nicht selten wurde sie angerufen, wenn eine Katze krank, unterernährt oder verletzt in den Straßen gefunden wurde.
„Je weniger Katzen in den Straßen, umso weniger Leid“
Neben der Aufnahme geschwächter Tiere begann Corinne, sich um Sterilisationen zu kümmern. „Je weniger Katzen in den Straßen geboren werden, umso weniger Leid“, sagt sie. Seit 2020 führt sie in Kooperation mit der Schweizer Stiftung Tierbotschafter.ch systematisch Sterilisationen durch.
Viele Menschen in Marokko können sich Corinne zufolge eine Sterilisation ihrer Katze nicht leisten. Der Preis dafür liegt bei rund 800 Dirham, circa 80 Euro. Zum Vergleich: laut Corinne liegt der durchschnittliche Tageslohn eines Arbeiters in Marokko bei etwa 100 Dirham oder 10 Euro.
Wer seine Katze über Corinnes Verein sterilisieren lässt, zahlt dagegen lediglich 100 Dirham, den Rest übernimmt die Schweizer Stiftung. Insgesamt rund 2500 Sterilisationen hat sie in den letzten Jahren so bereits durchgeführt.
Von 40 auf 400 Katzen
In der Zwischenzeit hat sich die Zahl ihrer Katzen zuhause verzehnfacht. Aus 40 Katzen, die sie aus Agadir mitbrachte, wurden 400. Dazu kommen 32 Hunde. Damit diese nicht in Streitigkeiten geraten, gehört der Garten vor dem Haus und ein weiterer abgetrennter Garten hinter dem Haus den Hunden, während die Katzen im Haus und im Garten unmittelbar hinter dem Haus leben.

Immer wieder musste Corinne mit ihren Tieren umziehen. Selten waren die Eigentümer der Landhäuser einverstanden, dass aus ihrem Haus ein Tierheim wurde. Mittlerweile erwähnt Corinne es nicht einmal mehr, mit wem sie in ein neues Haus einzieht. „Anders würde ich nie ein Haus für meine Tiere finden“, sagt sie.
Seit eineinhalb Jahren mietet sie nun das villenartige Landhaus mit Swimmingpool, Olivenhain und zwei Eingangstoren in einem kleinen Ort, rund 30 Kilometer östlich von Essaouira. Mittlerweile hat der Eigentümer zwar herausgefunden, dass dort, wo er einst einen Ort zum Leben, Schlafen und Wohlfühlen für Menschen geschaffen hatte, dutzende Katzen maunzen, spielen und leben. Aber für den Moment dulde er sie, sagt Corinne.
Alle drei Stockwerke des Hauses, der Garten, wie auch der abgelassene Pool haben die Katzen zu ihrem Reich gemacht. Überall maunzt, faucht und niest es.
Ständig müssen Corinne und ihre Mitarbeiter Krankheitsausbrüche bei den Tieren eindämmen. „Wenn mehr als 400 Tiere so eng beieinander leben, lässt sich das kaum verhindern“, sagt Corinne. Viele Katzen kommen bereits mit Krankheiten zu ihr.
Baguette, Basilic und Bob Marley
Keine ihrer Katzen ist dabei eine bloße Nummer, ein Kostenfaktor oder Katzenfutterkonsumentin. Corinne kennt die Geschichte jedes einzelnen Tieres. Und: Sie hat für jede ihrer Katzen einen Namen. Sie heißen Baguette, Basilic, Bob Marley, Picasso, Lady, Love Love oder Whirlpool.

Acht Angestellte, zwei Pfleger, drei Reinigungskräfte, ein Hausmeister und ein Gärtner kümmern sich um deren Wohl. Ebenso wie ein Straßenpfleger, der Katzen und Hunde in den Straßen füttert. 400 Kilogramm Trockenfutter braucht Corinne jede Woche, dazu 60 Kilogramm Nassfutter und 200 Kilogramm Katzenstreu. Grundsätzlich sind die Preise in Marokko deutlich günstiger sind als in ihrer alten Heimat Frankreich. „Das Tierfutter in Marokko wird aber importiert. Deshalb ist es sogar teurer als in Europa“, sagt Corinne. Allein für die Unterhaltskosten ihrer Tiere zahlt sie 6000 Euro im Monat. Dazu kommen die Löhne ihrer Mitarbeiter.
Das Geld dafür bekommt Corinne ausschließlich aus Spenden. Menschen, die sie und ihren Verein La Kasba De Loulou kennen lernen, eine Patenschaft für ein Tier übernehmen und monatlich Geld spenden. Ihre Tiere, Mitarbeiter und sie könnten davon leben, aber es sei ein „ständiger „Kampf“, sagt die 62-Jährige.
Eine neues Zuhause in Europa
Zumal immer neue Katzen dazukämen. Für Corinne ist aber mittlerweile eine Grenze erreicht. Mehr als die etwas über 400 Katzen und rund 30 Hunde könne sie in ihrem derzeitigen Haus nicht aufnehmen. Durch Todesfälle und Adoptionen bleibe die Zahl ihrer Tiere aktuell konstant. Einmal im Monat fliegt Corinne in ihre alte Heimat nach Paris. Jedes Mal nimmt sie dann eine Katze mit, die in Frankreich an ihren neuen Besitzer übergeben wird. Gerne würde sie mehrere Katzen gleichzeitig mitnehmen, aber die Airlines erlauben nur die Mitnahme eines Tieres.

„Leider sind Adoptionen nur sehr selten“, sagt Corinne. Vor allem findet sie in Frankreich, Belgien, England und Deutschland. Jedes Mal, wenn sie ein neues Zuhause für eine ihrer Katzen findet fühle sie Erfüllung und Dankbarkeit. Dann spürt sie, dass sich ihre Arbeit loht.
Corinne träumt davon, dass keine Katze mehr auf der Straße leben muss. Deshalb werde sie auch keine einzige ihrer Katzen wieder zurück auf die Straße geben. Das ist Corinnes Versprechen. Ein Versprechen an ihre Tiere und an sich selbst. „Ich werde mit meinen Tieren sterben“, sagt sie. Aufgrund ihrer Krankheit, so sagen ihr die Ärzte, werde sie nicht sehr lange leben.
Und eigentlich, so erwähnt sie eher beiläufig, sollte sie deshalb auch nicht mit Tieren arbeiten.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Corinne und ihre unglaublichen 400 Katzen habe ich Mitte April in ihrem Haus östlich von Essaouira besucht. Ein australischer Freund, Patrick, hatte mir von ihr erzählt. Anfang Februar hat er selbst eine Katze mit einer verletzten Pfote in den Straßen von Essaouira gefunden. Er brachte sie zum Tierarzt vor Ort. Nachdem die Pfote aber auch dort nicht mehr richtig heilte, blieb nur noch eine Option: Das ganze Bein musste amputiert werden.
Patrick übernahm die Kosten für die Operation und taufte den kleinen Kater anschließend „Rufus“. Weil sich Rufus mit seinem Handicap im harten Straßenalltag der Katzen aber schwer getan hätte, kam er zu Corinne. Der Tierarzt arbeitet schon seit Jahren mit ihr zusammen. Immer wieder erkundigte sich Patrick nach dem Wohlbefinden des kleinen Rufus und war so auch in Kontakt mit Corinne und machte mich auf ihre besondere Geschichte aufmerksam. Noch heute unterstützt Patrick Corinnes Verein mit einer monatlichen Spende.

Ursprünglich wollte ich diese kleine, rührende Begegnung zwischen Patrick und Rufus in einer Geschichte verarbeiten. Denn sie steht für mich symbolisch für die besondere Verbindung, die die Menschen in Essaouira - Einheimische wie Touristen und Auswanderer - mit den Straßenkatzen haben. Den tausenden Straßenkatzen in der kleinen Stadt geht es ganz offenbar besser als den Katzen in den meisten anderen marokkanischen Städten. Eine unsichtbare Kraft schützt sie - so jedenfalls habe ich es mir eine Zeit lang versucht zu erklären.
Nach dem Gespräch mit Corinne weiß ich, dass es mehrere Menschen in Essaouira gibt, die sich wie sie stark um das Wohl der Katzen sorgen. Wenn man von Corinne und all den anderen Katzenliebhabern nichts weiß könnte man also getrost glauben, eine unsichtbare Kraft schütze die Katzen in Essaouira…

