Laguamanda

Vom überschwemmten Land zur lebendigen Gemeinschaft: wie diese drei Menschen das geschafft haben.

Igor, Varinia und Lidia sitzen am Terassentisch neben dem Gemeinschaftshaus und unterhalten sich. Schafe meckern, Gänse schnattern, ein leichter Wind geht durch den Wald.

Hund Zeus knurrt eifersüchtig. Denn heute ist ein Gast zu Besuch, der mit am Tisch sitzt. „Er will alle kommandieren“, sagt Varinia. Igor nennt ihn den „Chef“. Doch wenig später wird klar, wer in Laguamanda wirklich befiehlt: das Wasser.

Laguamanda kommt von „El agua manda“ - Das Wasser hat das Sagen. Das Gelände der Community ist umgeben von Wasserläufen.

Als der Regen nicht aufhörte

2006. Igor und Varinia bauten gerade das erste Haus auf dem rund sieben Hektar großen Land. Ein Teil des Geländes in der Nähe einer Landstraße bei Colonia del Sacramento hatten sie im Vorjahr gekauft, der andere Teil ist gepachtet.

„Es regnete und regnete und regnete“, erinnert sich Varinia. Und das Wasser blieb einfach stehen. Äste und Schnittmaterial blockierten den Bachlauf. Ein Unternehmen fällte Bäume und ließ das Material einfach im Bach liegen, erzählt das Gründerpaar.

Sie hatten kein Geld für einen Ingenieur - also mussten sie selbst verstehen, wie das Wasser fließt und an der richtigen Stelle graben. Mit Erfolg: „Heute regnet es – und das Wasser geht wieder“, sagt Igor. Und inmitten der Wasserläufe wohnen Igor und Varinia im einen Haus, Lidia im Gemeinschaftshaus – ihr eigenes Domizil wird derzeit gebaut. „mit unseren eigenen Händen“, wie Igor sagt, so wie alles in Laguamanda. Aus Lehm, Holz, Schilf.

Derselbe Traum

Igor kommt aus Montevideo, arbeitete als Schiffsmaschinist und Schweißer. Er hatte sich nach mehreren gescheiterten Beziehungen allein an einem ruhigen Ort in der Natur gesehen. Dann traf er Varinia und beide hatten denselben Traum: ein Leben auf dem Land, in Gemeinschaft.

Bis zu ihrer Rente war Varinia Anwältin. Ihr Leben bestand aus Akten, Gesetzen, Fällen, aus Denken und Weiterlernen. In Laguamanda hat sie etwas entdeckt, das ihr früher fehlte: „Es ist wunderschön, das Ergebnis der eigenen Tätigkeit in etwas Physischem zu sehen.“

Igors und Varinias Haus

Und dann ist da Lidia, die jahrelang an Wochenenden kam. Dann blieb sie. Heute kümmert sie sich um Küche, Einkäufe, Verwaltung. „Wir ergänzen uns alle gegenseitig“, sagt Lidia.

Die Philosophie

Warum also in „Gemeinschaft“ leben? Weil es schlicht der Realität entspreche, sagt Igor. Menschen existieren nicht unabhängig voneinander. „Individualismus ist eine Doktrin, keine natürliche Realität.“ Ein solches Leben bedeute nicht, die Einzigartigkeit der Menschen zu verneinen, im Gegenteil: Singularität und Gemeinschaft gehörten zusammen, erklärt Igor. Community heißt auch nicht einfach Nähe, Dauerpräsenz oder kollektivistisches Aneinanderkleben, wie Varinia ergänzt.

Gemeinschaft als Membranen

Um alte Muster zu überwinden, haben die drei eineinhalb Jahre Gemeinschaftstherapie mit einer Gestalttherapeutin gemacht. „Ich bin in meiner Art manchmal etwas grob“, sagt etwa Igor über sich. „Jeder bringt seine Wunden mit“, ergänzt Lidia.

Aus der Therapie nahmen sie ein Bild mit: Gemeinschaft besteht aus Membranen. Paarbeziehung, Freundschaft, Familie, Männer, Frauen, Arbeit – jede dieser Sphären hat ihre eigene Haut. Konflikte entstehen dort, wo diese Häute aneinanderreiben. Das Bild hilft ihnen, Streit nicht gleich als Zusammenbruch der Community an sich zu sehen.

Immer wieder kommen weitere Köpfe für ein paar Wochen hinzu. Freiwillige, die unter anderem im Gemüsegarten und bei der Tierpflege helfen. Nico aus Argentinien ist Koch und dirigiert die Zubereitung des Mittagessens.
Als Nico die Vorspeise auf den Tisch stellt, applaudieren Igor, Varinia, Lidia und die Freiwilligen Noelia und Alexia: ein Flammkuchen mit Walnüssen und Honig von den gemeinschaftseigenen Bienen. Alle nehmen sich ein Stückchen von einem großen Holzbrett.
Das Mittagessen ist einer der Fixpunkte des Alltags. Bewohner und Freiwillige essen zusammen, mit einem bewussten Dank für das Essen.

Beim Mittagessen am Tisch neben dem Gemeinschaftshaus (von links): Nicolás, Varinia, Igor, Lidia, Noelia und Alexia.

Es ist einer dieser Momente der Ruhe, wenn alle kauen und genießen. Einer der Momente, in denen alles fließt und leicht erscheint.

Die Hippie-Illusion

Auch wenn sich Gemeinschaft mehr nach Arbeit anhört, wenn man Igor zuhört. „Es geht nicht darum, wie ein Hippie in die Natur zu ziehen und mit der Gitarre am Feuer Lieder zu singen.“ Stattdessen müsse man sich selbst beobachten, um mehr und mehr bewusst mit den anderen zu leben.

Das Ziel:

In eine Linie bringen, was ich denke, was ich fühle, was ich sage und was ich tue.

Vor allem hat aber eine Linie die Community geprägt: der Lauf des Wassers. Der Ort habe ihnen mehr beigebracht, als sie ihm geben können, sagt Igor.

„Laguamanda hat uns klar gezeigt, dass man zu viel mehr fähig ist, als man glaubt.“

Die Geschichte hinter der Geschichte

Igor und Varinia sind Bekannte von Claudia), der „Alten im Wald“, bei der ich in Colonia wohnte.

Einen Nachmittag verbrachten wir zusammen in Laguamanda, wobei ich nach dem Aussteigen aus dem Geländewagen zunächst einmal von den riesigen Hunden Checo und Zeus beschnuppert wurde. Vor dem Eingangstor, außerhalb ihres Territoriums.
„Er ist ein Freund“, sagte Igor, während sie um mich herum laufen und bellen. Dann stupste mich Checo mit der Schnauze an und gab damit das Signal: Ich darf rein.
Wir unterhielten uns am Terassentisch, aßen gemeinsam ein köstliches Mittagessen. Was ich dabei beobachtete, war, wie alles scheinbar wie von selbst funktionierte, ja, floss, also jeder wusste, was seine Aufgaben waren und Hand in Hand mit den anderen arbeitete.

Ich fragte, was ich - der einen mentalen Beruf hat - in einer Gemeinschaft beitragen könnte, in der es meist um ganz praktische Dinge geht: Gartenarbeit, Tierpflege - oder zunächst einmal, überhaupt ein Haus zu bauen. Varinia antwortete: Wenn dir der Ort gefällt, findest du dort immer etwas, was du tun kannst. Wichtig sei, sich zu nichts zu zwingen. „Es ist sehr befreiend.“

Während ich diesen Text schreibe, habe ich eine befreiende Erkenntnis: Beim Leben in „Gemeinschaft“ geht es weniger um die äußere Form. Man könnte in einem Hippiedorf wohnen und trotzdem die Bedürfnisse der anderen ignorieren.
An erster Stelle geht es, wie Igor richtig sagt, um das Bewusstsein, dass Menschen miteinander verbunden sind. Wer das wirklich verstanden hat, wird auch so leben – im Einklang mit den Bedürfnissen von sich selbst, den Mitmenschen und der Natur. Anders gesagt: im Fluss.

Für die nächste Geschichte.

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