Mehr als Medizin

Nach einem schweren Unfall lag Maximilian im künstlichen Koma. Heute strahlt er wieder. Wie seiner Familie das gelang.

„Bist du bereit zum Stehen?“, fragt Martina ihren Sohn Maximilian, der liegt.
„Nein.“
„Was ist los? Tut dein Fuß weh?“, fragt sie.
„Ja.“
„Probieren wir es trotzdem - nur ein bisschen?“
Für einen Moment herrscht Stille, dann sagt Maximilian laut:
„Ja.“

Martina und Manuel helfen Maximilian, auf dem Stehbrett das Stehen zu üben.

Ein Gespräch, das bis vor wenigen Monaten unmöglich war. Denn Maximilian hatte einen schweren Unfall, lag im Koma - und konnte siebeneinhalb Jahre überhaupt nicht sprechen.

Noch wird Max gefüttert und seine Tag besteht darin, sich Stück für Stück ins Leben zurückzukämpfen. Noch sitzt er im Rollstuhl. Noch.

Übung auf dem Stehbrett

Mutter Tina und Bruder Manuel sind an diesem Freitag in seinem Zimmer auf der Station für Schwerstpflege. Sie helfen ihm einmal pro Woche abwechselnd mit einem guten Freund, die aufrechte Position auf dem sogenannten Stehbrett zu üben - eine Liege, die auf Knopfdruck hochfährt, bis Max wieder für einige Minuten auf seinen eigenen Füßen in der Senkrechten steht.

Die Elektronik surrt und surrt, bis Max aufgerichtet ist. Jetzt sind direkt vor ihm die Fotos an der Wand. Max in Bundeswehruniform, ein Selfie vor dem Stonehenge, sein schwarzes Motorrad. Erinnerungen aus der Zeit vor dem Unfall.

Fotos von Maximilians Leben vor dem Unfall

Vor acht Jahren lebte Max in Hamburg. Nach einem Kneipenabend überquerte der damals 24-Jährige eine Straße, versuchte einem Auto auszuweichen und stürzte. Ein Krankenwagen brachte ihn ins Universitätsklinikum Eppendorf. Diagnose: schwerstes Schädelhirntrauma, ein verletztes Sprach-, Emotions- und Motivationszentrum im Gehirn.

Tränen über Tränen

Die Eltern Martina und Christian und Bruder Manuel eilten 800 Kilometer vom äußersten Süden Deutschlands nach Hamburg und fanden dort einen Sohn vor, der auf der Intensivstation heruntergekühlt wurde und mit zahllosen Schläuchen verbunden war.

„Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen“, sagte der Arzt, wie sich Martina erinnert. Ihr schossen die Tränen in die Augen, wie so oft an diesen ersten Tagen nach jener verheerenden Nacht. Nachts weinte sie lautlos, um ihren Mann nicht aufzuwecken. Immerhin musste einer der beiden ausgeschlafen sein, meint Martina rückblickend.

Doch Max überlebte. Ließ harte Eingriffe über sich ergehen. Eine in den USA bestellte künstliche Schädeldecke haben die Ärzte ihm eingesetzt, nachdem sie die alte entfernen mussten - zu viel Druck war in Maximilians Kopf.

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Eine MRT-Aufnahme von Maximilians Schädel, nachdem ihm die künstliche Schädeldecke eingesetzt worden war.

Von der Intensivstation in Eppendorf wurde Maximilian in die Frühreha nach Hamburg-Boberg verlegt. Nach knapp fünf Monaten schlug der Chefarzt in Boberg vor, ihn nach Allensbach zu verlegen. An den Bodensee, in die Nähe seiner Familie.

Wo ist Max zu Hause?

Die Familie war begeistert. Endlich konnten die Eltern ihrem Alltag in Friedrichshafen wieder ein Stück näherkommen, die inzwischen eine Wohnung in Hamburg gemietet hatten. Doch eine Herausforderung blieb: wie Max quer durch Deutschland transportieren?

Die Krankenkasse wollte die Fahrt nicht bezahlen. „Keine medizinische Notwendigkeit.“ Auch der ADAC winkte ab. „Wir bringen Ihren Sohn von überall auf der Welt nach Hause; wo ist er denn zu Hause?“ Zu diesem Zeitpunkt in Hamburg.

Dann boten Freunde der Famile an, für wenig Geld einen Krankentransporter und Sanitäter zu stellen. Allerdings fehlte einer: ein Notarzt. Eine Bedingung, die das Klinikum Boberg stellte.

Schließlich blieb der Familie Radtke nichts Anderes übrig, als den 7000 Euro teuren Transport selbst zu bezahlen. Spenden der Kirchengemeinde, von Vereinen, von Familie und Freunden in Friedrichshafen halfen dabei.

Die Notärztin mit Schutzkittel und Mundschutz wegen der Krankenhauskeime begleitete Max im Transporter - aber schon bei der ersten Pause verließ sie von oben bis unten gesprenkelt den Wagen, erinnert sich Martina. Max lag gegen die Fahrtrichtung und übergab sich. „Sie tat mir so leid und du noch viel mehr“, sagt sie an ihren Sohn gerichtet.

Endlich am See

Nach neun Stunden Fahrt kam Max am Bodensee an, den er in Hamburg so vermisste. Ein Schritt in Richtung mehr Normalität. Ein Heiligabend mit der Familie, ein Schnitzel mit alkoholfreiem Bier. Und er machte immer weiter Fortschritte: ein erstes Lächeln, selbstständig Essen mit einer Gabel zum Mund führen - und seit kurzem kann er wieder sprechen.

Wie hat Maximilian Radtke das geschafft? Mutter Martina sagt:

Das Geheimrezept, das immer hilft, lautet Liebe und Dankbarkeit

Sie betont stets, wie wichtig positives Denken ist.

Außerdem: Sprech- und Bewegungsübungen mit Pflegerinnen und Therapeuten, gesunde Ernährung. Immer wieder steckt Martina ihrem Sohn Walnüsse in den Mund, die für das Gehirn hilfreich seien. Des Weiteren benutzt die Familie zur Unterstützung von Maxis Hirn eine Rüttelplatte, die mit Frequenzen arbeitet.

Mächtige Zahlen

Bisweilen helfen auch russische Heilzahlen. Dass Ärzte vorhatten, Maximilians Galle wegen Entzündungen zu entfernen, wollte Martina nicht akzeptieren - und legte unter sein T-Shirt in der Höhe der Galle ein Blatt Papier mit der entsprechenden Zahl darauf. Von ihrer Freundin hatte sie gelernt, wie man diese Zahlen zur Heilung anwendet.

„Nach zwei Wochen war die Entzündung komplett weg“, sagt Tina.

Nun sitzt sie im Gemeinschaftsraum der Station für Schwerstpflege in Friedrichshafen, wo Maximilian mittlerweile wohnt. Sie brachte an diesem heißen Tag eine große Packung Vanilleeis mit, sodass sie für Pflegerinnen und Bewohner reicht, und steckt Max einen Löffel Eis in den Mund. Eine kleine Stärkung vor dem Stehbrett.

Ein weiterer Schicksalsschlag

Positives Denken - ja, davon ist Martina nach wie vor überzeugt. Allerdings gelingt ihr das derzeit nicht immer.

Maximilians Vater Christian erkrankte zum vierten Mal an Krebs. Er verstarb im vergangenen Herbst. „Da kommt man ganz schön ins Überlegen und Zweifeln.“ Doch die Familie sei dankbar, dass er keine Schmerzen mehr hat.

„Kürzlich habe ich viele ältere Paare gesehen, die Hand in Hand spaziert sind“, sagt die 60-Jährige. Gemeinsam alt werden - das sei eigentlich auch ihr gemeinsamer Wunsch gewesen. „Ich habe lange geweint, es musste einfach raus“, sagt sie und zwei Tränen kullern beim Erzählen von ihrem rechten Auge hinunter.

Wenn die Emotionen überhand nehmen so wie jetzt, dann sagt Martina: „Alles, was man nicht hier und jetzt und vor allem selbst nicht ändern kann, daraus muss man das Beste machen. Das war Christians Leitsatz, der Manuel und mich stark gemacht hat.“

Die Familie gibt nicht auf, macht immer weiter; und nun geht es an die zweite Runde auf dem Stehbrett für Max - mit Schuhen.

Vorsichtig zieht Manuel seinem liegenden Bruder den rechten Schuh an. Beim linken zuckt Max mit dem ganzen Körper zusammen.

„Tut mir leid“, sagt Manuel. „Ich weiß, es tut weh. Deine Füße haben eine Schonhaltung angenommen, den Spitzfuß, und sind an Schuhe nicht gewöhnt. Wollen wir es nicht doch versuchen?“
„Nein.“
„Komm schon.“
„Nein.“
„Doch, wir machen es.“

Eine Pause.
„Ja“, sagt Maximilian.

Martina drückt den Knopf und die Liege fährt weiter und weiter nach oben.

Maximilian Radtke, 1 Meter 85 groß, steht. Er richtet sich auf - und lächelt.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Maximilian und seine Familie habe ich vor zwei Jahren kennengelernt, als ich über seine Geschichte berichtete. Schon damals begeisterte mich das positive Denken, mit dem die Radtkes mit diesem Schicksalsschlag umgingen.

Ich schrieb mehrere Artikel und mit der Zeit entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns. Martina, die von Geburt an eine Lese- und Rechtschreibschwäche hat, schrieb das Buch „Mein Brief an Dich! Blutmondnacht“ über den Unfall ihres Sohnes und die Zeit danach. Ich half ihr dabei, das Buch zu korrigieren.

Simon, Martina und Max in der Nähe vom Bodensee: Im Sommer 2024 begleitete Simon Max einen Tag lang.

Als ich auf Zwischenstopp am Bodensee war, wollte ich mich unbedingt mit den Radtkes treffen, auch um zu erfahren, wie es um Maximilian und seine Fortschritte steht.

Ich betrat den sommerlich mit Muscheln dekorierten Gemeinschaftsraum der Station für Schwerstpflege, wo Mutter Martina Vanilleeis an Max, Pflegerinnen und Bewohner verteilte. Ich grüßte den im Rollstuhl sitzenden Max: „Wie geht's?“ Er antwortete prompt: „Gut.“ Ich riss die Augen auf, denn ich hatte Max zuvor noch nie sprechen hören.

Die Antworten sind noch relativ kurz und manchmal etwas leise - aber er spricht! Das ist sensationell für jemanden, der einen solch schweren Unfall hatte.

Ich glaube auch fest daran, dass Max eines Tages wieder laufen wird.

Auf dem Weg dorthin wünsche ich Martina, Manuel und der ganzen Familie viel Kraft und Zuversicht, immer weiterzumachen. Außerdem Humor, ganz im Sinne von Christian:

„Wer den Kopf in den Sand steckt, wird zum Fahrradständer.“

Für die nächste Geschichte.

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