Der Platz ist viereckig, die Stimmung rund.
Ein Abend im April im Westen Uruguays. Ich sitze auf einer Bank unter dem Baum. Ein Mädchen rollt mit rot leuchtenden Rollschuhen zu ihrer Mutter, die auf einer der Bänke neben mir. Die meisten verweilen auf ihren mitgebrachten Stühlen. In der Mitte des Platzes sitzt eine Großfamilie im Kreis. Eine Freundin kommt vorbei, die alle zur Begrüßung auf die Wange küssen. „Cómo andas?“, fragt der Vater im gestreiften Hemd, wie es ihr geht.
Die Gemeinsamkeit
Etwas haben alle Besucher des Stadtzentrums von Carmelo dabei: Thermoskannen, Metall-Röhrchen, geschwungene Becher - und darin das grüne Kraut: Mate. Die Mutter lächelt sanft und füllt die Mate mit Pomelo-Geschmack in den mit Blumenmustern verzierten Holzbecher. Dann gießt sie heißes Wasser hinein - nur auf die Hälfte, damit der Geschmack auch nach 30 Zügen am Röhrchen noch stark ist. Sie nimmt einen Schluck. „Ahh“, sagt sie. Keiner spricht. Und dann nimmt sie noch einen Zug, und noch einen. Schließlich gießt sie erneut Wasser in den Becher und reicht ihn weiter. „Vorsicht, das Wasser ist heiß.“ Und so kreist der Matebecher gegen den Uhrzeigersinn zwischen den Erwachsenen, während die Kinder daneben den Fußball hin- und herkicken und lachen, wenn sie beinahe den braunen hechelnden, ja fast lächelnden Hund treffen. Er sucht wahlweise Brotreste oder die Bekanntschaft mit einer Hündin.
Der erste Schluck
Vier Wochen früher.Als Gastgeberin Catherine in Piriápolis östlich von Montevideo bei einem Familientreffen in ihrem Holzhäuschen mir den Becher reicht, nehme ich ihn vorsichtig entgegen, um nichts zu verschütten. Ich frage mich: Ist das hygienisch, wenn alle mit einem Röhrchen trinken?
Aber ich will ja dazugehören. Und tatsächlich fühle mich schon allein durch die Einladung zu trinken zugehörig, zur Gruppe, zur Gemeinschaft.
Ich nehme einen Schluck. Bitter. Und gleichzeitig ist da etwas Anderes: eine Präsenz. Als ob die Pflanze Teil meiner Erfahrung wird. Eine sanft wachmachende Erfahrung, die Teil des Alltags in Südamerika ist. Ein Pärchen beim ersten Date, eine Familie im Wasserfall-Nationalpark, eine Beamtin, die an der Grenze Reisepässe abstempelt - für sie alle ist es alles andere als ungewöhnlich, das Kraut zu genießen. In Europa würde man anstelle des Mate vielleicht einen heißen Kaffee schlürfen.
Ob mit Zucker, Pomelo- oder Kokosnussgeschmack: Es gibt unzählige Varianten. Aber der Klassiker ist der pure, bittere Mate-Tee.

Eine nicht zu vernachlässigende Zutat ist Zeit, die ich bei meinem ersten Mate-Versuch nicht hatte. Im Busterminal in Encarnación bestellte ich einen Tereré, die paraguayische Version des Mate mit Eiswasser. Mehr als eine halbe Stunde blieb mir nicht. Niemand der europäischen Mitreisenden trank mit, also nahm ich Zug um Zug allein. Und dann keinen Zug mehr für einige Monate.
Dabei wäre Dranbleiben wichtig gewesen, sodass der Tereré zumindest einen Zweck erfüllt. „Er hilft gegen Moskitos“, riet Juan-José, Hostelchef in Asunción. Aber nur wenn man ihn täglich trinkt.
Ich habe ausgesetzt - und bin letztlich doch wieder auf das Getränk zurückgekommen.
Zurück auf dem viereckigen Platz
Nun sitze ich bei der Abenddämmerung auf einem Stuhl auf jenem viereckigen Platz in Carmelo - und die Mutter reicht mir den Becher. Ich trinke und gebe weiter, trinke, weiter, trinke, weiter. Schließlich sage ich: „Gracias.“ Kein Mate mehr für diese Runde. Aber nur für diese. Die Mutter lächelt sanft. Der Vater ruft: „Vamos arriba! Willkommen in Südamerika.“Die Geschichte hinter der Geschichte
Mate-Tee führt nicht nur Familien, Arm und Reich, sondern auch Neuankömmlinge und Einheimische zusammen. Wenn sich letztere denn die Zeit nehmen…
Die Szene auf dem Platz in Carmelo könnte an zahlreichen Orten in Südamerika spielen. Sie ist eine Zusammenfassung von Eindrücken und Erfahrungen meiner Reisen. Als ich kürzlich den kleinen Ort an der Grenze zu Argentinien besuchte, spürte ich jene Zusammengehörigkeit und Freude der Menschen sehr stark, was mich dazu inspirierte, diesen Text zu schreiben.

Zum ersten Mal hörte ich in einem Seminar an der Uni Freiburg, wie jemand Mate schlürfte. Ein Student und Lateinamerika-Fan schenkte sich alle paar Minuten ein. Auch ich gönnte mir während des Studiums gerne Club Mate, ein Erfrischungsgetränk auf Matebasis, das das Denken anregt, wie ich finde.
„Vamos arriba“ ist übrigens ein typischer Ausspruch in Uruguay und bedeutet so viel wie „Los geht's“ oder „Jetzt bist du dabei“.
Mittlerweile habe ich tatsächlich das Gefühl:
Ich bin kein Tourist mehr. Ich gehöre hier dazu.
