„40.000 pro Nacht? Das kann doch nicht wahr sein“, murmelt Michel Pascher mit geweiteten Augen. Erst als der den Zusatz „Gs.“ entdeckt, entspannt sich sein Gesicht. Guaraní, nicht Schweizer Franken. Also Vierfünfzig in seiner Heimatwährung für das Hostel in Asunción, Paraguay. Ein Schnäppchen, wie es Michel liebt.
Michel Pascher reist gerne. Es ist sein Leben. Er ist seit zehn Jahren unterwegs. Das Ziel: so viel wie möglich sehen - und so wenig wie möglich dafür zahlen.
Der 49-Jährige mit dem grauen Pferdeschwanz kommt aus der französischsprachigen Schweiz. Vor zehn Jahren hat er seine Bildhauerwerkstatt in Genf an einen antikapitalistischen Kunstverein verkauft. Vom Verkaufserlös und einer kleinen Rente finanziert er seine Dauerweltreise.
Gratis, aber nicht kostenlos...
Anderen Hostelgästen in Asunción drängt sich Michel nicht auf. Er sitzt auf der Terrasse, beobachtet den von den überirdischen Stromleitungen verhangenen Sonnenuntergang und schaufelt sich seinen Linsensalat in den Mund. Eine junge Österreicherin, gerade erst zum Backpacking aufgebrochen, setzt sich zu ihm. Stromleitungen … da war doch etwas. Michel beginnt, zu erzählen.
Michel erinnert sich an ein Hostel in Mexiko. Die erste Nacht war gratis. Nur, dass er in jener Nacht kaum schlief. „Ich kauerte mich in die Ecke des Betts.“ „Warum?“, fragt die Österreicherin. „Die Kabel hingen aus der Wand. Ich wollte keinen Elektroschock bekommen“, entgegnet Michel. „Es geht nicht ums Geld. Es geht ums Prinzip.“
Ach ja, und der besonders preiswerte Flug von Thailand nach China. Ein Sonderangebot für 15 Franken, kaum zu glauben. Doch dann der Schock: Am Flughafen soll er zusätzlich 20 Franken „Steuer“ bezahlen. Eine Frechheit. Bei der Buchung steht doch Schwarz auf Weiß: „Alles inklusive.“

Michel bezahlt widerwillig. Beschwert sich bei der Airline. Keine Reaktion. Stundenlang hängt er in Warteschleifen, „Hotel California“ in Endlosscheilfe. Nichts hilft.
Das Geheimnis des guten Lebens
Er schreibt eine negative Internet-Rezension. Nun ist die Firma doch bereit, ihm das Geld zurückzuzahlen - wenn er seine Rezension löscht. Endlich ist Michel am Ziel angelangt, nachdem er sicherlich zehn Stunden in den Fall investiert hat.
„Deine Beharrlichkeit ist beeindruckend“, sagt die Zuhörerin. Und dennoch runzelt sie die Stirn. Sie versteht nicht recht, warum Michel nur wegen 20 Franken einen solchen Aufwand betreibt. „Wenn du diese zehn Stunden in der Schweiz gearbeitet hättest, hättest du deutlich mehr als 20 Fränkli verdient. Oder du hättest einen schönen Ausflug machen können.“
Alles, was gerecht ist...
So hatte es Michel noch nie betrachtet. Es ist für ihn schlicht das Natürlichste auf der Welt, Geld zu sparen. Eine ganz einfache Rechnung: Je günstiger er reist, desto länger hält sein Erspartes. Mehr noch, Michel will beweisen, dass sich das „System“ austricksen lässt. Dass man nicht jahrzehntelang arbeiten muss, um irgendwann in der Rente ein gutes Leben zu führen. Sondern dass das gute Leben hier und jetzt ist.Gearbeitet hätte er zwar nicht. Aber der Kampf mit der Firma war vergeudete Zeit. Kein gutes Leben. Gestresst vor dem Laptop im Hostelzimmer. Zum ersten Mal begreift Michel, dass auch Sparsamkeit Zinsen verlangt - und sie werden in Lebenszeit bezahlt.
Die Worte der Österreicherin hallen nach, während die Sonne langsam hinter den Stromleitungen verschwindet. Vielleicht hat sie Recht, denkt Michel. Und doch - ganz unrecht hat er selbst auch nicht. Es geht ums Prinzip. Es geht um die Gerechtigkeit.
Die Geschichte hinter der Geschichte

Auf der liebevoll gestalteten Terrasse des Hostels La Petite Maison de Diana in Asunción kam ich mit einem Mann aus der französischsprachigen Schweiz ins Gespräch, der mir von seinen Reiseabenteuern erzählte. Seine Story inspirierte mich dazu, die Geschichte von Michel Pascher zu schreiben. Noch bevor ich ein Selfie mit ihm machen oder ihn fragen konnte, ob ich seine Geschichte mit Namen veröffentlichen darf, reiste er weiter... ich wünsche eine gute und günstige Reise! :)

