Es liegt ein Stolz in seiner Stimme, wenn Benoît von seinen Töchtern spricht. Ein Stolz, wie ihn vielleicht nur ein Vater fühlen kann. Drei wundervolle Mädchen hat er großgezogen. Dreißig Jahre - so lange ist es schon her, dass seine erste Tochter, Claudine, das Licht der Welt erblickte.
Manchmal kann er kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Gefühlt war es doch erst gestern, als er ihnen das Schwimmen in der Rhône beigebracht hat. Der Fluss im Süden Frankreichs mit seinen tückischen Strömungen.
Sie wohnten damals abgeschieden, irgendwo in den Weiten des Flussdeltas. Schwimmen zu können, bedeutete für seine Mädchen Freiheit – und Ruhe für Benoîts sorgendes Vaterherz.
Drei Wege
Für jede seiner Töchter kaufte er ein Pferd. Geduldig lehrte er sie, auf den kräftigen Rücken der weißen Stuten zu reiten. Inmitten der Idylle der Carmargue schuf Benoît ein behütetes Zuhause. Einen Kokon, in dessen Schutz sich seine Töchter so frei wie nur möglich entfalten konnten.
Von diesem kleinen Paradies aus startete seine älteste Tochter Claudine ihre Karriere als Musikmanagerin.
Seine zweite Tochter, Célestine, wurde Künstlerin. Sie zog nach Belgien, wo sie heute in einer Galerie arbeitet, die auf regenerative Kunst spezialisiert ist.
Und seine jüngste Tochter, Venice, fand ihre Bestimmung in der Modewelt. In der Bretagne arbeitet sie seit einiger Zeit für ein angesehenes Modelabel.

Der freie Wille
Benoît ist stolz auf seine Mädchen. Natürlich gab es Momente, in denen er mit sich kämpfte. In denen er sich wünschte, eingreifen zu können. Nicht immer konnte er die Wege, die seine Töchter gingen, verstehen.
Wie jeder Vater hatte er Angst. Doch er blieb stark und ließ sie es nicht spüren. In diesen Momenten erinnerte er sich an eine Geschichte, die ihm ein Mann einst erzählt hatte, noch bevor seine Töchter geboren waren.
Die Geschichte
Es war die Geschichte des ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterrand. Dessen Eltern hatten acht Kinder – und eine strikte Regel: Niemals in die Entscheidungen ihrer Kinder einzugreifen.
Es sollte sich bezahlt machen. Alle waren sie erfolgreich in dem, was sie taten. Einer wurde General der französischen Armee, ein anderer Künstler und Schriftsteller, eine Tochter eine angesehene Ärztin, eine Richterin am Obersten Gerichtshof und so weiter... Der letzte, der jüngste von allen, setzte dem ganzen dann die Krone auf: Er wurde Präsident der ganzen Nation.
Für Benoît war die Geschichte nicht nur eine Erzählung. Er nahm sie sich zum Vorbild, machte sie zu seinem Leitsatz. In Momenten des Zweifels erinnerte sie ihn daran, stark zu bleiben, zu vertrauen. Und rückblickend weiß er: Es war richtig.
Der Schmerz
Doch neben all dem Stolz und den Erfolgen, auf die er verweisen kann, wenn jemand nach seinen Töchtern fragt, lastet eine stille Trauer auf seiner Seele. Ein Schmerz, wie ihn wohl auch nur ein Vater zu fühlen vermag.
Denn tief in seinem Inneren weiß er, dass er nicht länger der Held seiner kleinen Mädchen ist – jener Held, der er einst war, als sie gemeinsam die Welt bereisten, ein Abenteuer nach dem anderen erlebten und beinahe jeden Kontinent zusammen entdeckten.
Sie durchquerten Australien, erkundeten China, reisten mit dem Rucksack durch Nord- und Südamerika. Auch die noch wenig erschlossenen Winkel Europas entdeckten sie auf diese Weise.
Das Abenteuer
Nur Afrika bereiste Benoit alleine. Er hatte Angst um seine Töchter. Es war das einzige Mal, dass er sich gegen seine Töchter durchsetzte.
Als er zurückkehrte, hatte er elf Kilogramm verloren. Eine entbehrungsreiche Reise, ein Abenteuer ohne Garantie auf einen guten Ausgang. Und dennoch, missen möchte er seine Afrikareise um nichts in der Welt.

Die Vergangenheit
Und heute? Die gemeinsamen Tage mit seinen Töchtern sind vorbei, seine Mädchen weg – und er nicht länger ihr Held.
Noch immer ist Benoît viel beschäftigt: Er führt mehrere Unternehmen, produziert seinen eigenen Wein genauso wie sein eigenes Olivenöl. Langeweile kennt er keine. Doch tief in seinem Inneren fühlt er ihn – den Schmerz seines inneren Helden.
Manchmal ertappt er sich bei dem Gedanken, wie schön es wäre, wenn seine Töchter wieder nach Hause kämen. Dort, wo alles begann. Doch im selben Moment weiß er, dass diese Zeit vorbei ist. Und er weiß, dass es falsch wäre, in der Vergangenheit zu leben.
Die Zukunft
Entschlossen richtet Benoît dann seinen Blick in die Zukunft. Denn es gibt sie – selbst für einen Endsechziger! In diesen Momenten denkt er an all die Abenteuer, die noch auf ihn warten, an die Träume, die noch in ihm leben.
Denn er ist sich sicher: Eines Tages wird er wieder gebraucht werden. Vielleicht als Großvater. Vielleicht mit seinem Wissen im Weinbau, als Geschichtenerzähler über die Abenteuer dieser Welt.
Oder vielleicht einfach als hilfsbereiter Mensch, der verlorenen Reisenden im Rhône-Delta mit einem Dach über dem Kopf und einer warmen Mahlzeit hilft.
Der Traum
Kürzlich hatte Benoît einen Traum: Er war ein weiser Mann von 105 Jahren, seine Urenkel alle um ihn versammelt. Er, der Geschichtenerzähler über die Abenteuer eines längst vergangenen Jahrhunderts. Er war glücklich, er wurde gebraucht.
Wenn das so ist, dachte er sich bei sich, steht er ja gerade erst in der Mitte seines Lebens. Die Türen stehen offen. Es gibt viel zu tun. Eines Tages wird er wieder gebraucht werden. Dessen ist er sich sicher. Und dafür lohnt es sich weiterzumachen. Tag für Tag.
Erst kürzlich fand er so für den Schmerz seines inneren Helden sogar eine Lösung: Ein benachbarter Bauer hatte ihm drei Esel angeboten – schöne, kräftige Poitou-Esel. Eine von Aussterben bedrohte Rasse. Ohne zu überlegen, hat er sie gekauft. Sie grasen seither auf der Koppel hinter Benoîts Haus. Und auch bei den Namen musste er nicht lange überlegen: Sie heißen Claudine, Célestine und Venice…

Die Geschichte hinter der Geschichte
Kennengelernt habe ich „Benoît“ - er heißt in Wirklichkeit anders - als Gastgeber über die App Couchsurfing. Er hat mich für eine Nacht bei sich Zuhause aufgenommen und mir ein traditionelles provenzalisches Essen gekocht: gestampfte Kartoffeln mit einer weißen Fischpaste und natürlich ganz viel von seinem eigenen Olivenöl.
Dabei hat er mir die Geschichte seiner drei Töchter erzählt und, dass er in jedem Fall 105 Jahre alt wird... Am nächsten Morgen haben wir dann noch gemeinsam die Esel gefüttert, ehe sich unsere Wege wieder trennten. Als kleinen Dank für seine Gastfreundschaft habe ich die Geschichte geschrieben. Merci Benoît!

