Nacho reißt begeistert die Augen auf, wenn er auf dem Handy durch seine Erinnerungen scrollt: Ein Selfie von sich mit 100-Dollar-Scheinen in seinem Apartment in Buenos Aires. Dann ein Video von einer Party im VIP-Bereich, bei der er eine bekannte Sängerin kennen lernte.
Das war einmal. Heute wohnt Nacho im Obdachlosenheim.
Was ist geschehen?
Sein Leben begann relativ „normal“, wie der heute 24-Jährige findet: Fußball spielen mit Freunden, Spaß haben. Mit 18 musste Nacho Geld verdienen - und trat in die Armee Uruguays ein.
„In der Natur sein, mit wenig Essen überleben, schießen mit Waffen - das hat mir gefallen“, sagt er. Die Armee habe ihm Disziplin und Respekt vor den Mitmenschen gelehrt. „Wenn du Mist baust, musst du Liegestützen machen oder rennen - und zwar so lange, wie es dem Offizier gefällt.“
Im vierten Bataillon im Westen Uruguays diente Nacho, verdiente gut, wie er sagt. Nach zwei Jahren kündigte er - und zog auf die andere Seite des Río de la Plata, nach Buenos Aires.
Großstadtleben in Caballito
Ein ganz anderes Leben war das, findet er. Eine riesige Stadt, die Straßen voller hupender Autos, daneben wanken „Zombies“, wie sie Nacho nennt - Drogenabhängige. Er selbst habe Drogen nie angerührt.
Nacho hatte in Buenos Aires eine Tante, bei der er zusammen mit seinem Vater wohnen konnte - in Caballito, dem teuersten Bezirk. Er arbeitete bei einer Pizzeria, verpackte Carbon in einer Fabrik, kaufte und verkaufte alles Mögliche. „Mir ging es gut“, sagt Nacho und grinst.
Vor allem gab er Geld aus. Die uruguayischen Pesos, die er als Soldat verdient hatte, seien in Argentinien viel wert. Er kaufte Markenschuhe, Mercedespullover, feierte die Nächte durch mit Whiskey im VIP-Bereich. Bis ihn irgendwann ein Gerücht erreichte.
Die Regeln für Migranten sollen strenger werden. Wer ohne Papiere in Argentinien arbeitete, riskierte Probleme mit den Behörden. Nacho wollte sich nichts zuschulden kommen lassen. „Ich wollte auf jeden Fall nach Argentinien zurückkehren dürfen.“
150 Kilometer zu Fuß
Also machte er sich zusammen mit seinem Vater auf den Weg zurück nach Uruguay. Zu Fuß. 150 Kilometer, sechs Tage lang. „Eine Schifffahrt hätten wir uns nicht leisten können.“ Das Geld hätten sie alles ausgegeben, sodass nichts übrig blieb.

Nacho war wieder in Colonia del Sacramento, nur nicht als Soldat, sondern als Obdachloser. Er schlief auf der Straße, bis er im Centro de Desarrollo Comunitario aufgenommen wurde.
„Es ist eine andere Welt hier im Vergleich zu Buenos Aires“, sagt Nacho. Einen ruhigen Alltag habe er. Sein einziger kleiner Luxus: entspannt Mate auf den mit orangenem Stoff bezogenen Sesseln im Gemeinschaftsraum zu trinken.
Der 24-Jährige ist einer von bis zu 25 Menschen, die in der Unterkunft nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch Unterstützung auf dem Weg zurück in ein eigenständiges Leben bekommen.
Hier lernte er seine Freundin Carla kennen, die etwa ein Jahr auf der Straße schlief.
Carla litt unter Schizophrenie. Nachdem sie einen Joint rauchte, veränderte sich ihre Realität abrupt. „Ich war nicht mehr in dieser Welt“, sagt sie. Selbst ihre eigene Tochter habe sie nicht mehr erkannt.
Mittlerweile gehe es ihr viel besser, sagt Carla. „Medikamente stabilisieren mich, aber trotzdem ist jeder Tag noch ein Kampf.“
Die Hoffnung
Dennoch bleiben die Träume groß. Nicht Buenos Aires soll es diesmal sein, sondern Europa: Im kommenden Jahr wollen Nacho und Carla zusammen mit Carlas Tochter nach Spanien auswandern. Demnächst wollen sie in eine gemeinsame Wohnung in Colonia ziehen.

Und wie das neue Leben finanzieren? Carla meint, einen Weg gefunden zu haben: Investitionen in die uruguayische Windkraft. Innerhalb kürzester Zeit, sagt sie, habe sie 200 Dollar in 5000 verwandelt. Auch Nacho hat investiert und träumt vom großen Geld.
Wie genau das funktioniert, bleibt unklar. Doch für Carla und Nacho ist es mehr als ein Geschäft - es ist eine Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Ganz nach Nachos Motto: „Nicht arbeiten, um zu leben. Sondern leben, um zu leben.“
Die Geschichte hinter der Geschichte
Nacho und Carla lernte ich bei meinem Besuch des Centro de Desarrollo Comunitario im Stadtzentrum von Colonia del Sacramento kennen. Es wird vom uruguayischen Sozialministerium betrieben.Claudia, die „Alte vom Wald“, bei der ich in Colonia wohnte und über die ich bereits geschrieben habe, gibt in der Unterkunft immer wieder Nähkurse. Sie schlug mir vor, einmal das refugio_ zu besuchen, um mit den Bewohnern zu sprechen - denn sicherlich haben viele von ihnen bewegte Lebensgeschichten.
Ich stellte mich Maxi Olaverry, dem Leiter der Unterkunft vor, der mich wiederum den Bewohnern vorstellte. Und so setzte ich mich im Gemeinschaftsraum auf einen der Sessel - neben Nacho, der mir zunächst viele Fragen stellte, bevor er selbst zu erzählen begann.
Während er von seiner Zeit in Buenos Aires berichtete, zeigte er viele Fotos, Videos und Ansichten von Google Maps, wie zum Beweis, dass es tatsächlich so geschehen ist.
Kaum war das Gespräch zu Ende, winkte mich ein Bewohner mit Basecap zum lang gestreckten Esstisch. Ein Stuhl war noch frei zwischen dem jungen Mann und einem älteren Herrn mit rotem Pullover. Sogleich kam eine Angestellte der Unterkunft, die mir erklärte: „Das Essen ist auf die genaue Anzahl der Bewohner abgestimmt. Wir können dir leider nur eine ganz kleine Portion servieren.“
„Kein Problem“, entgegnete ich. Es war für mich schon überhaupt etwas Besonderes, mit diesen Menschen an einem Tisch zu sitzen und ihre Welt kennen lernen zu dürfen.
„Du kannst die Hälfte von meinem Teller haben“, sagte eine Frau mit Brille, die gegenüber von mir saß. „Bist du sicher?“, fragte ich verlegen. Dass eine Obdachlose ihr Essen mit mir teilen würde, der in seinem Leben immer genug zu essen hatte - das berührte mich.

Letztlich war dies gar nicht notwendig. Irgendwo tauchte doch noch ein dampfender Teller mit Fleisch, Kartoffeln und Reis für mich auf - lecker!
Im Nachhinein stellten sich mir noch Fragen, die ich Nacho in einer Nachricht schrieb. Vor allem diese: Wie kam es, dass er und sein Vater überhaupt kein Geld übrig hatten, um nicht wenigstens die (nicht wahnsinnig teure) Überfahrt mit dem Schiff zu bezahlen? Außerdem wollte ich mehr über die angeblichen Wunder-Investitionen wissen.
Die Nachricht ließ Nacho unbeantwortet. Und so fehlen vielleicht ein paar wichtige Details. Aber ich wollte die Geschichte trotzdem erzählen, denn ich finde sie ein wunderbares Beispiel dafür, wie vielfältig die menschlichen Lebenswege sein können. Nacho will hoch hinaus, fällt tief - und seine Träume bleiben.
