John wäre gerne der König der Welt. Wer wäre das nicht gerne auch mal. Zumindest für eine kurze Zeit: Die Welt lenken und nach den eigenen Vorstellungen formen. John aber möchte nicht einfach so Weltenherrscher sein. Er hat einen ganz bestimmten Plan.
Wenn er König der Welt wäre, würde er nämlich ein Gesetz erlassen, das allen jungen Menschen vorschreibt, nach der Schule auf Reisen zu gehen. Mindestens für ein halbes Jahr.
Und noch etwas: Er würde es bei Strafe verbieten, einen Rückflug zu buchen. „One way only!“ Das ist Johns Mantra.
Vom Wind getragen
John ist ungefähr 65. So genau kennt er sein Alter gar nicht. Irgendwann hat er aufgehört zu zählen. Wer sagt schließlich, dass man mit der Zeit immer älter wird?
Eigentlich stammt John aus Irland. Wenn er aber von seinen „Weltherrschaftsplänen“ spricht sitzt er im „Soulcafé“ in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira. Einer Stadt für Musiker, Künstler und Surfer aus aller Welt. Dorthin hat ihn der Atlantikwind vor drei Jahren geweht.

Täglich trifft er sich hier mit Einheimischen, Auswanderern und Reisenden aus der ganzen Welt. Sie alle sind seine Freunde.
Was die Stadt im Großen ist, ist das „Soulcafé“ im Kleinen. Ein Ort des Austausches. Eine Oase für verrückte Ideen und geistige Gegen-den-Strom-Schwimmer - von sozialen Utopien bis zu Weltherrschaftsplänen - im Soulcafé findet jeder Einfall seinen Platz.
Auch Johns jüngste Gesetzesinitiative. Zwar trägt er sie mit einem Hauch gespielter Theatralik vor, gefolgt von einem schelmischen Grinsen. Und dennoch liegt eine gewisse Überzeugung in der Luft.
Der Fluss der Dinge
Sein ganzes Leben ist John gereist. Alles, was er dafür brauchte, hat er stets in seinen vergilbten 20 Liter-Rucksack gepackt. Wenn etwas fehlte, kaufte er es - und verschenkte es, wenn es ausgedient hatte. Den „Fluss der Dinge“ nennt er dieses Prinzip.

Bis heute ist er innerhalb von wenigen Minuten abfahrbereit. Und: Noch nie hat er einen Rückflug gebucht. Wozu auch?
Schließlich kann man ja nie wissen, was einen erwartet, wenn man an einen neuen Ort kommt. Vielleicht trifft man auf neue Freunde, verrückte Ideen oder die große Liebe.
Keine Pläne zu machen ist Johns Freiheit.
Über vierzig Jahre war er Elektroingenieur in einer kleinen Stadt im Süden Irlands. Er arbeitete, um frei zu sein. Sobald sein Bankkonto wieder gefüllt war, brach er auf. Mit seiner Frau und den drei Kindern entdeckte er die Welt. Einmal hat er von einem Segelschiff in der Karibik seinen Arbeitgeber angerufen und gekündigt.
Ein anderes Mal waren sie wandern im Himalaya. Aus dem Internetcafe in Kathmandu verschickte er noch schnell seine Kündigungsmail, ehe es mit Bergführern und Eseln zum Annapurna Base Camp auf über 4000 Metern ging.

Vor drei Jahren hat John dann endgültig aufgehört zu arbeiten. Nun hat er Zeit für einen lange gehegten Traum. Von Irland aus brach er auf, um Afrika zu durchqueren. Es ist der einzige Kontinent, den John bislang nicht bereist hatte. Einmal vom Norden in den Süden wollte er reisen. Von Marokko bis Südafrika. Aber schon im ersten Land seiner Afrikadurchquerung kam seine Reise ins Stocken.
Die Magie Essaouiras
Das quirliges Leben in den Straßen, die leckeren Fische - vom Meer direkt auf den Grill der Fischer im Hafen - und vor allem der Mix aus aufregenden, wundervollen und inspirierenden Menschen haben ihn fürs Erste an die bunte Hafenstadt an der Westküste Marokkos gebunden. Das Zimmer unterm Dach des Atlantikhostels ist zu seinem vorübergehenden Zuhause geworden.
Täglich trifft er auf neue Menschen. Wie ihn einst trägt sie der Wind des Meeres in die Stadt. Bei einem Minztee reden sie über die Welt, das Wetter und die Freiheit des Reisens.
Auch wenn er seit drei Jahren in Essaouira lebt, ist seine Reise nicht unterbrochen, sagt John. Er spricht von einem „intensiven Kennenlernen“.
Noch immer entdeckt er neue Ecken in der kleinen Stadt. Erst kürzlich hat er wieder einen neuen Straßenimbiss entdeckt. Nirgends hat er bislang so gute Sardinenbällchen - eine Spezialität typisch für Essaouira - bekommen wie dort.

Ob er jemals weiterkommt? Er weiß es nicht. Aber das ist auch gar nicht so wichtig. „Life happens while you are making other plans“, zitiert John gerne ein bekanntes britisches Sprichwort. Und genau deshalb macht er keine Pläne. Nicht mal für den nächsten Tag.
Nur eine Sache ist sicher: Er wird wieder ins Soulcafé gehen, dort, wo sich alle treffen. Um die Ecke des Cafés hängt ein Schild. John läuft jeden Tag daran vorbei. Erst vor wenigen Tagen hat er sich mal die Zeit genommen, um zu lesen, was darauf steht: „Meetings in life are like the wind. Some just graze your skin, others blow you away - Begegnungen im Leben sind wie der Wind, manche streifen nur deine Haut andere wehen dich fort…“. Wer weiß, wann John zum nächsten Ort getragen wird.

Die Geschichte hinter der Geschichte
John habe ich, wie könnte es auch anders sein, im Soulcafé in Essaouira kennen gelernt. Wir sprachen über den Wert des Reisens. Irgendwann sagte er: „Wenn ich der König der Welt wäre, würde ich ein Reisepflichtgesetz für junge Leute nach der Schule machen. Mindestens ein halbes Jahr und one way only!“
Sofort lief in meinem Kopf ein kleiner Film ab: „Der One-Way-John“. Ich fragte ihn, ob ich ihn zum Protagonisten für meine Geschichte machen dürfte. Mit irischer Gelassenheit und seinem ansteckend fröhlichem Grinsen willigte er ein.

Mehr als zwei Monate später sitze ich noch immer im Soulcafé und schreibe seine Geschichte.
Ende Dezember bin ich nach einer längeren Krankheitspause von Marrakesch nach Essaouira aufgebrochen. Mein Plan war es, ein paar Tage dort zu bleiben und dann südlich in der Westsahara weiterzureisen. Schon damals haben mir John und seine Freunde in Soulcafé gesagt, dass die Stadt „gefährlich“ sei. Wer einmal mit ihrem Virus infiziert sei, komme nicht mehr von ihr los. Was soll ich sagen? Seit zweieinhalb Monaten bin ich nun hier.

Die Stadt hat für mich etwas Magisches. Den Ozean, wunderschöne Strände, eine vorgelagerte Insel und eine Düne, auf der Kamele, Esel und Pferde spazieren. Die Stadt ist klein, so wie ich es aus meiner Heimatstadt in Deutschland gewohnt bin. Alles ist zu Fuß innerhalb von 15 Minuten erreichbar. Im Gegensatz zu anstrengenden Städten wie Marrakesch oder Tanger scheinen die Uhren in Essaouira etwas gemächlicher zu ticken.

Der Hafen ist direkt an die Medina (Altstadt) gekoppelt. Und so ist es wirklich nicht übertrieben, wenn ich schreibe, dass die Fische direkt von den Netzen der Fischer auf den Tellern landen. Kürzlich habe ich einen riesigen Fisch auf dem Markt in der Medina gesehen. Der Verkäufer wollte mich davon überzeugen, ihn zu kaufen und sagte mir: „Der lebt noch.“ Und tatsächlich bewegte er sich noch.

Das schönste aber mit großem Abstand sind die Menschen in Essaouira. Ein angenehmer Mix aus Einheimischen, Auswanderern (vielen Franzosen, aber auch Briten, Holländern und sogar Australiern) und natürlich auch Touristen macht den Ort zu einer wahren Stadt von Welt. Nur eben in Miniaturformat. Und das ist auch der Grund, dass ich bislang in Essaouira geblieben bin. Ich habe noch nie eine Stadt erlebt, die es einem so leicht macht, neue und so vielfältige Menschen zu treffen.
Und es ist keine Floskel wenn ich sage, dass ich jeden Tag neue Menschen kennen lerne. Jeden Abend bevor ich ins Bett gehe, blicke ich nochmal auf meinen Tag und erinnere mich an die Begegnungen und fast immer sind neue Menschen dabei.

Deswegen möchte ich wie John es auch nicht als Unterbrechung oder Ende meiner Reise sehen, dass ich seit nun fast drei Monaten hier bin.
Im Moment reise ich nicht mehr durch neue Länder, Landschaften und Orte, sondern durch die Menschen, die Einheimischen, vorübergehend Gebliebenen und Reisenden eines einzigen Ortes. Auf diese Weise sind wir wohl alle Reisende, egal wo wir gerade leben.
In diesem Sinne gute Reise, wo auch immer ihr gerade seid!
Euer Niklas

