Petru fährt. Es ist zwei Uhr in der Nacht, aber Petru fährt noch immer. Seine Augen schmerzen vom erschöpfenden Anblick der Straße. Entzunden und rot glänzen sie, wie die Ampeln an denen er regelmäßig droht, einzuschlafen.
Aber er darf nicht einschlafen. Nicht heute. Noch vor Sonnenaufgang muss er in Marseille sein. Dort, in der französischen Hafenstadt, fährt das Schiff ab, das ihn und seinen Sohn nach Korsika bringt.
Mehr als zwei Jahre lang haben sie von diesen Moment geträumt. Der erste gemeinsame Urlaub, seit er und die Mutter seines Sohnes sich getrennt haben. Sie hatte einen anderen Mann kennen gelernt und Petru plötzlich getrennt von seinem Sohn.
Eine sorgenfreie Kindheit
Dabei hatte er nur eine Mission: er wollte alles richtig machen. Gearbeitet hatte er. Tag und Nacht. Nur um seinem Sohn das bieten zu können, was ihm selbst verwehrt war: eine sorgenfreie Kindheit.
Früh musste er erwachsen werden - Verantwortung für seine Geschwister und seine Mutter übernehmen.
Sein Vater, alkoholabhängig und gewalttätig, konnte die Familie nicht mehr ernähren. Petru beendete die Schule nach der siebten Klasse. Mit dreizehn Jahren begann er zu arbeiten. Hier und dort. Wo er eben gebraucht wurde und Geld bekam.

Mit 18 verließ er das kleine rumänische Dorf im Süden Rumäniens in dem er aufgewachsen war. Er wollte anders leben. Kurzentschlossen buchte er ein One-Way-Ticket von Bukarest nach Marseille. Seine Mutter verstand ihn, auch wenn ihr Herz blutete.
Neustart in Marseille
Zu Beginn kam er bei einem Freund unter. Er fand Arbeit in einer Pizzeria, später schnitt er Männern die Haare in einem Barbershop. Nach drei Jahren machte er die Prüfung zum LKW-Fahrer. Zehn Jahre fuhr er für die großen Supermarktketten Frankreichs. Meistens nachts, die Lebensmittel mussten schließlich frisch morgens im Regal liegen.
230 Stunden Arbeit und 25.000 Kilometer monatlich. Die Nacht war sein Tag geworden und die Straße zu seinem Wohnzimmer.
Häufig litt er unter Schlafentzug. Und dennoch war er dankbar. Denn er hatte endlich ein gutes Leben. Er musste nicht hungern, konnte sich und seiner kleinen Familie ein Zuhause schaffen und sich von Zeit zu Zeit den ein oder anderen kleinen Luxus leisten. Das erste Mal in seinem Leben fühlte er Sicherheit.
Weiter immer weiter…
Vor zwei Jahren schließlich nahm er sich ein Herz und kündigte. Er wollte mehr. Ein eigenes, kleines Transportunternehmen. Umzüge, Warentransporte und vieles mehr.
Petru kaufte einen gebrauchten Transporter, ein rollendes Wrack. Der Motor ein Totalschaden, die Karosserie vom Rost zerfressen. In wochenlanger Detailarbeit reparierte er den Wagen.

Damit startete er. Mittlerweile ist er mit seinem mobilen Arbeitsplatz bereits 600.000 Kilometer gefahren. Petru fährt und fährt und fährt.
Der Preis der Straße
In Belgien möchte ein Kunde sein Schlafzimmer an seinen Zweitwohnsitz in Rom bringen. Petru fährt. Ein Kunde aus Paris möchte seinem Sohn für dessen Studium in Barcelona seine Möbel schicken. Petru fährt.
Noch immer ist er viel nachts unterwegs. Die wenigen Stunden, die er sich erlaubt zu schlafen, verbringt er auf den Rastplätzen der französischen Autobahnen. In der Fahrerkabine über drei Sitze liegend schließt er dann für ein paar Stunden seine Augen, ehe ihn sein schmerzender Rücken in den frühen Morgenstunden wieder weckt.
Auch gesund ernähren kann er sich auf seinen Fahrten nur schwer. Das viele Fastfood und die fehlende Bewegung haben bei ihm zu einer beginnenden Diabetes geführt.
Petrus innerer Motor
Aber Petru erträgt es. Die entzundenen, roten Augen, der schmerzende Rücken, die Strapazen der Straße.
Er weiß, wofür er all das macht. Am Innenspiegel seines Transporters nämlich baumelt es: das Foto seines Sohnes. Lächelnd und unbeschwert.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Petru habe ich auf einer französischen Autobahn kennen gelernt. Es war irgendwo zwischen Toulouse und Montpellier, dass ich nach einer Mitfahrgelegenheit suchte.
Durch ein Loch im Zaun verschaffte ich mir Zugang zur Fahrbahn. Die französischen Autobahnen sind, anders als jene in Deutschland, Eigentum privater Unternehmen, deshalb kann man nicht einfach die Autobahn betreten. Manchmal wird man auch von Sicherheitsdienst „aufgesammelt“ und wieder auf die normalen französischen Staatsstraßen gebracht.
Angekommen an der Autobahn musste ich nicht mal eine Minute gewartet, da hupte bereits ein kleiner Transporter mir zu und fuhr and den Fahrbahnrand. Es war Petru. Die folgenden zwei Stunden verbrachte ich mit ihm in der Fahrerkabine seines Wagens. Genug Zeit um in seine Welt einzutauchen.
Leider kam mir erst im Nachhinein die Idee über ihn zu schreiben. So habe ich verpasst ein Bild von ihm zu machen. Auch seinen richtigen Namen kenne ich nicht. Deshalb heißt er hier einfach Petru. Der Name gefällt mir irgendwie…
