Salma und Hamid

Fast täglich kauft Salma bei Hamids kleinem Obststand in jener windverblasenen Ecke Essaouiras ein. Avocados, Mangos und mehr. Warum aber bezahlt sie fast nie…?

Wieder mal hatte sie nicht bezahlt. Es war das fünfte Mal in zwei Wochen. Und wieder einmal hatte er es nicht geschafft, etwas zu sagen. Er hatte es sich fest vorgenommen. Entschlossen war er, als sie seinen Stand betrat, aber nur ein kurzes Lächeln brauchte es und seine Entschlossenheit rann ihm wie seifiges Wasser durch seine verkrampften Hände - zerflossen in einem Gefühl lähmender Ohnmacht.

Ihre dunklen Augen, die Zielstrebigkeit ihres Ganges und die Selbstverständlichkeit, mit der sie an seinen Stand, hinter der Mauer, die die Stadt vom Meer trennt, kam, Avocados, Mangos und Birnen in ihren Korb legte und anschließend eine immer neue Geschichte erfand, weshalb sie gerade kein Geld dabei hatte, verschlugen ihm jedes Mal aufs Neue die Sprache.

Er konnte selbst nicht verstehen, was in diesen Momenten mit ihm passierte. Wie ein Traum, aus dem er aufwachte, fühlte es sich an, wenn sie wieder einmal ohne bezahlt zu haben seinen Stand verließ.

Lange blickte er auch diesmal ihr wieder hinterher. Lediglich das Brüllen der Brandung, getragen vom beständig durch die Straßen jagenden Wind hallt durch seinen Ohren.

„Hamid! Hamid!“, durchdringt ihn mit einem Mal eine Männerstimme.

„Ja, ja, was gibt’s“, schießt es reflexartig aus ihm heraus.

„Ist alles gut bei dir?“

Mehr und mehr findet Hamid wieder zu sich:

„Hallo Rachid, tut mir leid.“

„Ist alles gut bei dir?“

Sich den Sand, den ein vorbeifahrender LKW aufgewirbelt hatte, aus den Augen reibend stottert Hamid: „Ja, äh, ja, mashi mouskil - kein Problem.

„Was brauchst du?“

„Ich nehme zwei Avocados und eine Mango.“

Alles in eine im Wind flatternde Plastiktüte steckend, fragt Hamid: „Was gibt es heute Mittag?“

„Ich gehe gleich rüber auf den Fischmarkt. Da kaufe ich noch ein paar Crevetten. Dann mache ich später daraus einen schönen Mango-Crevetten-Salat.“

„Schön, lass es dir schmecken!“

„Danke, mein Freund. Aber sag mal, was ist eben los gewesen mit dir? Ist wirklich alles gut?“

Einen Moment zögert Hamid. Dann jedoch nimmt er einen tiefen Atemzug und beginnt zu erzählen: „Es ist wegen Salma. Du kennst sie, oder?“

„Ja, ich habe sie gerade noch von deinem Stand weglaufen sehen. Aber was ist mit ihr?“

„Sie bezahlt fast nie“, seufzt Hamid, während er die Avocados auf seiner Pritsche beginnt zu sortieren.

„Und du sagst nichts, richtig?“.

Verlegen auf seine Avocados blickend, verrät das leichte Nicken seines Kopfes Rachid, dass er richtig liegt.

Aufmunternd klopft er Hamid auf dessen Schulter: „Mann, du musst mit ihr reden. Das kann sie nicht ständig so machen.“

„Ich weiß schon.“

„Und weißt du, was ich glaube: Insgeheim wartet sie auf eine Reaktion von dir.“

„Wie meinst du das?“, fragt Hamid ungläubig.

„Weißt du, ich kenne sie schon seit unserer Kindheit. Sie ist ein gutes Mädchen. Einzukaufen und nicht zu bezahlen, das ist nicht ihre Art. Für mich ist das ein Spiel, das sie mit dir spielt. Aber du musst schon mitspielen, damit daraus eine echte Partie wird…“

Ein verlegenes Lächeln erhellt für einen kurzen Augenblick Hamids zweifelndes Gesicht. „Ich bin eigentlich kein Spieler“, sagt er.

„Du solltest es versuchen. Zu verlieren hast du schließlich nichts. Und außerdem: Wen du so weitermachst, geht dein Geschäft noch den Bach runter.

Ich komme morgen Abend wieder. Dann erzählst du mir, wie es war.“

„Ok, bis morgen, Inshallah, so Gott will.“

Nachdenklich sortiert Hamid erneut den kleinen Avocadoberg auf seiner Pritsche. Was sollte er tun? Er war unschlüssig. So weitermachen wie bisher war aber so ziemlich das Schlechteste, was er machen konnte.
Er musste mit Salma reden. Rachid hatte recht. Er war ein guter Freund.

Selbstbewusst empfängt er sie am nächsten Morgen an seinem Stand. Lange hatte er sich in der Nacht überlegt, was er ihr sagen würde.

„Salaam Salma - koulshi bsien, alles gut? Was möchtest du heute?“

„Ich brauche heute gar nichts. Ich habe noch genug von den letzten Tagen übrig.“

Verwundert blickt Hamid in ihr so verführerisch lächelndes Gesicht. Wieder einmal war all die Selbstsicherheit, die er gerade noch gespürt hatte, mit einem einzigen Lächeln verflogen. Und erneut brauchte es einen Moment, bis er seine Stimme wiedergefunden und einen vollständigen Satz herausbrachte:

„Und… und weshalb bist du dann hier?“, stammelt er.

„Ich wollte meine Schulden bezahlen - Erinnerst du dich nicht mehr daran?“

„Doch, doch“, stottert es aus ihm heraus. „Danke, dass du es nicht vergessen hast.“

Aus ihrem Geldbeutel zieht sie einen 200 Dirham-Schein heraus und streckt ihn Hamid entgegen.

„Das ist zu viel. Das kann ich nicht annehmen“, sagt er, seine Hände defensiv vor sich haltend.

„Doch, ich habe mir alles aufgeschrieben. Ich habe viel eingekauft in den letzten Wochen…“, sagt sie schmunzelnd.

Einen kurzen Moment zögert Hamid. Dann aber nimmt er den großen blauen Schein an: „Danke.“

Rachid hatte recht. Sie war in der Tat ein gutes Mädchen, dachte er sich. Und trotzdem fragte er sich, wofür dann die ganzen an den Haaren herbeigezogenen Geschichten waren? Einen Moment ist es still.

„Und warum hast du dann die ganzen Male zuvor nicht bezahlt?“, platzte es irgendwann aus Hamid heraus.

„Ich wollte sehen, wie groß dein Herz ist…“, sagt Salma.

Hamids Gesicht wird plötzlich weiß, während seine Wangen sich immer weiter röten. Sie wollte ihn wirklich testen. So wie es Rachid gesagt hatte. Erneut ist es still. „Und wie groß ist es deiner Meinung nach“, fragt Hamid irgendwann verlegen.

„Ich sage mal so: Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen. Ich wusste, dass du mir meine Geschichten nicht wirklich glaubst“

Auch Salmas Gesicht ist mittlerweile leicht gerötet. Für einen Moment blicken sich beide schweigend an. „Hast du Lust, heute Abend mit mir an den Strand zu gehen? Ich würde gerne den Sonnenuntergang von der Düne aus anschauen.“

„Gerne“, sagt Hamid. Das erste Mal blickt er nun bewusst in ihre dunklen Augen.

„Sagen wir, um sieben bei den Kamelen?“

Salma strahlt:

„Um sieben bei den Kamelen, Inshallah.“

Die Geschichte hinter der Geschichte

Die kleine Szene von Salma und Hamid geht zurück auf eine Liebesgeschichte, der ich vor ein paar Wochen in Essaouira begegnet bin. Die beiden heißen in Wirklichkeit Naima und Hassan und betreiben eine kleine Bäckerei am Rande der Medina von Essaouira. Fast jeden Mittag bin ich bei ihnen vorbeigekommen und habe ein Stück Apfelkuchen gekauft - für mich der beste Apfelkuchen in der ganzen Stadt.

Obwohl wir quasi kein Wort miteinander sprechen konnten, habe ich eine ehrliche gegenseitige Wertschätzung gespürt. Jeden Mittag wurde ich mich so viel Herzlichkeit und einem Lächeln empfangen. Ich musste gar nicht mehr sagen oder besser zeigen, was ich möchte. Sobald die beiden mich sahen, haben sie mir ein Stück Apfelkuchen rausgereicht.

Und obwohl wir uns auch ohne Worte gut verstanden haben, fühlte ich irgendwann das Bedürfnis, mich mit ihnen zu unterhalten. Wir trafen uns. Eine marokkanische Dolmetscherin half mir dankenswerterweise mit der Übersetzung.

Hassan und Naima vor ihrer kleinen Straßenbäckerei.

Wir sprachen viel über die Bäckerei, ihre Kinder und Essaouira. Irgendwann fragte ich, wie die beiden sich eigentlich kennen gelernt haben. Augenblicklich huschte ein Schmunzeln über Hassans Gesicht, dann erzählte er mir, dass er Gemüse- bzw. Obsthändler war und Naima seine Kundin. Aber, dass ihre Zahlungsmoral, um es vorsichtig auszudrücken, nicht ganz „halal“ war. „Mal hat sie gezahlt, mal nicht..“

Ich fragte: „Und dennoch hast du sie geheiratet?“ Über sein gesamtes Gesicht strahlend nickte er daraufhin voller Stolz.

Diese winzige Episode fühlte sich für mich so sehr nach einer Geschichte an, dass ich, anstatt ein Portrait über die beiden zu schreiben, mir selbst ausgedacht habe, wie die beiden zueinander gefunden haben könnten.

Mittlerweile haben die beiden zwei Töchter und einen Sohn, sind seit 26 Jahren verheiratet und betreiben seit einem Jahr die kleine Bäckerei am Rande der Medina von Essaouira. Über mehrere Jahre haben sie auf Bestellung zuhause Kuchen und Torten gebacken. Sie hatten ein Netzwerk an Kunden, die sie angerufen oder angeschrieben haben und für die sie dann gebacken haben. Quasi eine Art „WhatsApp-Bäckerei“.

Neben herrlichem Apfelkuchen bieten Naima und Hassan auch eine Menge kleiner, herzhafter Snacks an.

Vor einem Jahr nun haben beide einen Raum in der Stadt gemietet und angefangen, vor Ort zu backen und zu verkaufen. Der Tag der Eröffnung sei der bislang schönste gewesen, sagen beide. Die Wintermonate sind für ihre Bäckerei schwierig, weil weniger Menschen in der Stadt sind. Im Sommer hingegen, wenn zahllose Marokkaner vor der Hitze im Landesinneren nach Essaouira flüchten, ist es besser: Wegen dem starken Wind, der in Essaouira im Sommer bläst, nennen manche die Stadt auch den Kühlschrank Marokkos...

Ich habe Hassan gefragt, was sein Lieblingsgebäck ist. Er sagte, er mag alles gleich gerne. Denn er backe nur, was er selbst auch gerne isst.

Naima habe ich versucht, das Geheimnis ihres Apfelkuchens zu entlocken. Leider wird es mir aber wohl verwehrt bleiben, ihren Apfelkuchen nachzubacken. Denn das Geheimnis, wie sie mir verriet, sind ihre Hände..

Naima und Hassan träumen davon, dass ihre Bäckerei wächst und sie sich eines Tages ein eigenes Haus leisten können. Aber auch heute schon sagen sie: „Wir sind zufrieden, Hamdolilah, Gott sei Dank“.

Der vielleicht beste Apfelkuchen in ganz Essaouira…

Für die nächste Geschichte.

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