Saman kämpft

Hollywood und die Liebe führten Saman aus der heilen Welt Sri Lankas vor drei Jahren nach Frankreich. Dort kämpft er nun - mit sich und westlichen Realitäten.

„I will - I can!“ - wenn Saman mitten in der Nacht um 3.45 Uhr das Licht anmacht, sind es vier Worte, die ihn aus dem Reich der Träume in die Realität zurückholen. „I will - I can“. Sie hängen auf einer Post-it-Notiz geschrieben an der Wand über seinem Bett. Ja, er kann, wenn er es nur stark genug will. Er weiß es genau.

Saman ist gewissenhaft, er ist Buddist, er glaubt an Karma. Um 6 Uhr beginnt seine Arbeit. Dafür fährt er aus der rustikalen Provinzstadt Alès ins rund 100 Kilometer entfernte Montpellier. Für einen mobilen Händler verkauft Saman dort Kleidung. Frauenkleider. Für den Moment ist das ok.

Was sollte er auch Anderes machen. Einen großen Traum hat er nicht. „Leben von Tag zu Tag“, ist sein aktuelles Motto. Wirklich glücklich ist er nicht, aber auch nicht unglücklich. Es ist, wie es ist. Es ist „okay“. Und ohnehin, wer ist schon wirklich glücklich…

Der Liebe nach Frankreich gefolgt

Vor drei Jahren hat er seiner Heimat Sri Lanka den Rücken gekehrt. Er folgte der Liebe nach Frankreich. Eine Französin hatte ihm bei seiner Arbeit als Touristguide in seiner Heimat den Kopf verdreht. Mit ihr zog er ins südfranzösische Montpellier, fand dort Arbeit, aber keine neue Heimat.

Schon kurz nachdem er in Frankreich angekommen war, verließ sie ihn. Sie wollte mehr von der Welt sehen. Adieu! Saman blieb.

Von Montpellier aus zog er ins ländlichere Alès. Eine rustikale Kleinstadt, ein sozialer Brennpunkt, wie es die Eingebildeten aus Montpellier sagen würden. Für Saman aber war es besser. Er mag große Städte nicht.

15 Quadratmeter Lebensraum

Ein einziges Zimmer nennt er heute sein eigen. Dusche, Toilette, Küchenzeile, Bett und Esstisch. Alles in einem 15 Quadratmeter großen Raum. Alt und im Winter kalt. Und das für fast 400 Euro.

Zu Hause in Sri Lanka hatte er auf dem Land gelebt. Dort war das Leben einfach und er glücklich. Im tropischen Klima der Insel südlich des indischen Subkontinents haben sie alles angebaut, was er heute für viel Geld in den Supermärkten Frankreichs kaufen kann: Mangos, Kokosnüsse, Papayas…

Damals wollte er die westliche Welt kennenlernen. Die Welt von Disney, Hollywood und jene, die die europäischen Urlauber in seiner Heimat zu vermitteln schienen. Unbeschwert, lebhaft und einfach vollkommen anders.

Westliche Realitäten

Vollkommen anders ist sein Leben heute in jedem Fall. Sechs Tage die Woche arbeitet er. Von 6 bis 16 Uhr. Davor und danach jeweils eineinhalb Stunden Fahrt mit einem maroden Regionalzug. In Sri Lanka hatte er Familie und einen großen Freundeskreis. Gemeinschaft war alles, man hat gelebt, geliebt, gelacht, geteilt.

In Frankreich hat er kaum echte Freunde. Er hat eine Vielzahl von Bekannten. Bekannte, wie man sie hat, wenn man abends ausgeht und trinkt. Auch damit hat Saman angefangen, seit er nach Europa gekommen ist.

Nicht nur sein Leben wurde anders, auch er hat sich verändert. Die Einsamkeit hat ihn in die Fänge der westlichen Social-Media-Apps geführt. In deren Endlosschleifen er nun abendweise, nächteweise festhängt. Er weiß es, er ist süchtig. Süchtig nach Ablenkung, nach sozialen Medien, sozialen Illusionen.

Vor drei Monaten hat er ein Buch gekauft. Hemingway… ein Freund hat es ihm empfohlen. Bis Seite 55 hat er es geschafft, weiter nicht. Regelmäßig packt ihn der Ehrgeiz, die gute Stimme in ihm, wie er sie nennt.

Dann löscht er sämtliche Apps auf seinem Handy, Facebook, Instagram und wie sie alle heißen. Doch genauso regelmäßig wird er schwach und lädt sie sich wieder herunter.

Nur eine App löscht er nie. Im Gegensatz zu all den anderen sozialen Medien trägt sie den Titel „Sozial" nicht nur als Illusion vor sich her: „Couchsurfing“. Über sie nimmt Saman von Zeit zu Zeit Reisende in seinem kleinen Zimmer auf.

Das echte Leben

Mit viel Liebe kocht er dann eine warme Mahlzeit, wie er es kennt aus seiner Heimat. Reis, Gemüse, etwas Hähnchen und all die Gewürze, die ihn an seine Heimat erinnern. Dann verschwindet seine stille Trauer für einen Moment, dann lacht er, dann liebt er das Leben wieder.

Bis in die Nacht hinein spielt er dann manchmal Brettspiele oder unterhält sich. Über dies und das, über das Leben. Das echte Leben. Dann ist er in seinem Element, auf seiner Mission: „Einfach ein guter Mensch zu sein.“

Manchmal lohnt es sich an diesen Tagen gar nicht mehr, ins Bett zu gehen und er startet direkt los zur Arbeit. Belebt und ohne die tiefsitzende Schwere, die ihn regelmäßig heimsucht, verbringt er dann seinen Arbeitstag. Wenn er dann am Abend nach Hause kommt, müde aber zufrieden, fühlt er, was auf der zerknitterten Post-It-Notiz über seinem Bett hängt: „I will - I can!“

Die Geschichte hinter der Geschichte

Kennengelernt habe ich Saman wie so viele meiner Protagonisten über Couchsurfing. Wenn ich in Städten übernachte, nutze ich die App häufig. Sie bringt mir viele schöne Begegnungen und manchmal auch Inspiration für meine Geschichten.

In Alès habe ich in Samans winzigen Zimmer übernachtet, er hat für mich gekocht und darauf bestanden, dass ich in seinem Bett schlafe. Er hat auf dem nackten Boden geschlafen! Und das obwohl er starke Rückenschmerzen hat. Eine Zeit lang hat er auf einer Baustelle Steine geschleppt... Eine Seele von Mensch - Danke, Saman!

Saman bei unserem Treffen in seinem Zimmer in Alès..

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