Ethan atmet tief durch, als er sich auf seinen Sitzplatz im Flugzeug setzt. Endlich hebt der Flieger ab. Ans Ende der Welt soll er, sagte der Prophet. Um über das Ende der Welt zu predigen.
Der Flug wurde verschoben. Generalstreik in Argentinien. Der Grund: eine umstrittene Reform der Arbeitsgesetze.
Streiks, Kriege, Naturkatastrophen - Ethan weiß, was das bedeutet: Wir leben in den letzten Tagen, die Ankunft von Jesus Christus ist nahe. Zumindest lehrt das seine Kirche, für die er in Ushuaia im äußersten Süden Argentiniens auf Mission geht.
Eine karge Marslandschaft
Das College gerade abgeschlossen, hat er zum ersten Mal die Vereinigten Staaten verlassen, um für zwei Jahre zu predigen. Andere zu überzeugen, Jesus Christus nachzufolgen, bessere Menschen zu werden - und Mitglied in der Kirche zu werden. Die Berufung zum Missionsort wird unter göttlicher Inspiration festgelegt vom Präsidenten der Kirche – den die Mitglieder als Prophet ansehen.
Ushuaia soll es also sein, am südlichsten Rand Patagoniens. Aus dem Flugzeug heraus hat Ethan riesige Seen gesehen, zuletzt eine karge wüstenartige Berglandschaft. „So sieht es wahrscheinlich auf dem Mars aus“, dachte er sich. Die Passagiere mussten den gesamten Flug über angeschnallt bleiben - der Wind blies stark.

Ethan wird aus seinen Gedanken gerissen, als der Kapitän die Ansage macht: „Wir sind im Landeanflug.“ Er blickt aus dem Fenster - und reißt die Augen auf. Berge, wie er sie noch nie in seinem Leben gesehen hat, mit weißen Tupfern. Sie rahmen die Hafenstadt Ushuaia zusammen mit Wäldern ein. „Hier bin ich richtig“, geht ihm durch den Kopf.
Erst am Ende wird geurteilt
Vier Wochen später.
„Himmlischer Vater, wir danken dir für das Opfer deines Sohnes Jesus Christus“, murmelt die Gemeinde. Ethan senkt den Kopf, genau wie die anderen fünf Missionare neben ihm in der Holzbank. Anzüge und Blusen tragen sie, mit Ansteckern: „Elder“ oder „Sister“ steht hier, der Titel eines Missionars. Und darunter: „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. Umgangssprachlich nennt man ihre Mitglieder Mormonen. Neben der Bibel sehen sie auch das Buch Mormon als heilige Schrift an.
Die Besucher des Gottesdienstes sitzen in Reihen aus Holzbänken, die knapp zur Hälfte gefüllt sind, vorne ein erhobenes lang gestrecktes Pult. Hinter dem Laienprediger hängt die blau-weiß-sonnige argentinische Flagge. Ethan denkt kurz an einen Gerichtssaal. Nur, dass hier niemand urteilt – der Richter kommt erst am Ende der Zeit. Auf Spanisch hat Ethan auswendig gelernt, die Lehre seiner Kirche auszudrücken, die in den vier Wochen seiner Mission manche Passanten überrascht hat: Auf niemanden wartet das ewige Höllenfeuer, sondern drei unterschiedliche Grade von Nähe zu Gott. Vergleichbar mit Sonne, Mond oder Sternen.
„Sonne“ lautet Elder Ethans Ziel. Dafür folgt er einem strikten Tagesablauf. Aufstehen um 6.30 Uhr, Bibelstudium, Touristen und Einheimische in der Hauptstraße Ushuaias ansprechen. Privates Scrollen auf Instagram ist Missionaren verboten, genauso wie Alkohol, Kaffee und Tee. Ethan will ein guter Mensch sein, wenn die Welt untergeht und Jesus ihm gegenüber steht.
Herausforderungen des Lebens
Der Laienprediger kündigt mit sanfter, fast flüsternder Stimme an, dass es am heutigen Sonntag wieder Zeit für die Glaubensbekenntnisse ist, die testimonios.
Ein kleines Mädchen tritt zusammen mit ihrer Mutter nach vorne zum Pult, die sie an der Schulter hält. „Ich weiß, dass Gott lebt und glaube, dass das Buch Mormon wahr ist“, sagt sie. „Im Namen Jesu Christi. Amen.“

Eine grauhaarige Dame tritt ans Mikrofon. „Auch ich möchte mein Zeugnis abgeben. Brüder und Schwestern, wie ihr wisst, sind meine Söhne gestorben.“ Sie schluckt und blickt hilfesuchend die anderen Besucher an. „Manchmal sind die Herausforderungen, die das Leben an uns stellt, unglaublich schwierig.“ Sie macht eine kurze Pause, ein Kind schreit.
„Aber ich glaube, dass ich meine geliebten Kinder wieder treffe, wenn das Ende da ist. Darauf vertraue ich. Im Namen Jesu Christi. Amen.“ Starr blickt die Dame die Blick zur Gemeinde, ohne einen Hauch eines Lächelns.
Ein Wunder?
Ein Mann erzählt von seiner Kindheit. Der Onkel konnte nicht mehr gehen. „Also fing ich an, für ihn zu beten.“ Wieder und wieder sprach er zu Jesus und bat um Heilung. Eine Woche später stand der Onkel wieder auf. „Ob es an meinem Gebet lag, weiß ich nicht. Aber was ich weiß: Beten ist sehr mächtig.“
Das Zeugnis, das Buch Mormon, die Herausforderungen des Lebens. Die Worte der Redner ähneln sich. Viele weinen. Eine Stunde lang treten sie nacheinander nach vorne ans Pult. Ein Ablauf genau wie in Ethans Heimatgemeinde in Utah.
Ach, Utah. Ethan seufzt leise, während es schon wieder Montag ist und er draußen ist auf Mission in der Nähe vom Hafen. Er fühlt einen Schmerz in der Brust, wenn er an seine Familie und seine Freundin denkt. Die meisten solcher Fernbeziehungen halten nicht, hat er gehört.
„Gott hat Mann und Frau erschaffen, damit sie innerhalb einer Ehe der Welt neues Leben schenken. Geschlechtsverkehr außerhalb dieser heiligen Gemeinschaft hat er nicht vorgesehen“, beantwortet Ethan die Frage eines Touristen aus Buenos Aires, während ein kalter Windstoß vom Beagle-Kanal her kommt. Er bekommt eine Gänsehaut.

Weit, weit weg...
Der Passant geht weiter und für einen Moment blickt Ethan in Richtung der verschneiten Berge auf der anderen Seite des Kanals. Von seinem alten Leben in Utah und von den schlimmsten Krisen dieser Welt trennen ihn Wüsten, Seen, Ozeane, tausende Kilometer… Wie weit weg doch die Angst vor der Apokalypse ist, denkt er. Ihn durchfährt ein noch stärkerer Windstoß. Ethan atmet durch und murmelt: „Das… das Ende ist nahe… aber irgendwie auch weit weg.“Die Geschichte hinter der Geschichte
Während meiner Reise nach Ushuaia bin ich mehrfach an der „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ im Zentrum der Stadt vorbeispaziert und dachte mir: Warum nicht einmal einen Gottesdienst besuchen? Aus Neugier, nicht weil ich auf der Suche nach einer Glaubensgemeinschaft bin. Und so ist diese Geschichte auch kein Glaubensbekenntnis, sondern eine Einladung, sich mit einer Perspektive auf die Welt auseinanderzusetzen.
Ich wurde freundlich von adrett gekleideten jungen Missionarinnen und Missionaren aus den Vereinigten Staaten begrüßt. Auch als Nicht-Mitglied wurde mir während des Gottesdienstes Brot und Wasser angeboten - statt Wein. Denn Mormonen trinken keinen Alkohol. Bei den Glaubensbekenntnissen flossen viele Tränen. Es erinnerte mich an eine Gruppen-Psychotherapie, wobei mich die Floskeln, die immer wieder wiederholt wurden, teilweise an der Authentizität zweifeln ließen.
Danach saß ich mit den Missionaren Andrew aus Utah und meinem Fast-Namensvetter Simmons aus Washington State zusammen. Während Erwachsene, Teenager und Kinder Unterricht erhielten, konnte ich ihnen Fragen stellen.

Mich überraschte, dass sie kaum Panik verbreiteten: weder was die „Apokalypse“ anging, noch in Bezug auf ein wie auch immer geartetes „Höllenfeuer“, das mir drohte, wenn ich mich nicht der Lehre ihrer Kirche unterwerfe. Die Geschichte des Missionars Ethan ist inspiriert von den Erlebnissen im Gottesdienst und Gesprächen mit Andrew und Simmons. Vielen Dank für die Zeit, die ihr euch für mich genommen habt!
Schon im vergangenen Jahr bin ich zwei Missionarinnen in Asunción begegnet, die mir begeistert von der Präsenz Gottes erzählten. In La Paz traf ich einer älteren Dame, die im Tragetuch am Rücken Getränke für Demonstranten trug, die als Protest gegen die Regierungspolitik Straßenblockaden errichtet hatten. Auch sie sagte: „Die Ankunft Christi ist nahe.“

Ich weiß nicht, ob oder wann die Welt „enden“ wird. Aber in Ushuaia, Tausende Kilometer entfernt von den Brandherden dieser Welt, fühlte ich eine Weite, die sagt: Selbst wenn die Welt untergeht, geht es irgendwie weiter.
