„Langsamkeit ist eine Stärke“

750.000 Kilometer hat Javier auf dem Fahrrad zurückgelegt. 18 Mal hätte er so die Erde umrundet - um etwas zutiefst Menschliches zu verstehen.

Am Anfang war es Neugier, jetzt ist das Reisen sein Leben: Javiero Infinitio oder einfach Javier ist seit 32 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Der 52-jährige Argentinier hat bereits zwei Mal die Welt umrundet - und zwei Mal ist ihm dabei in der Wüste das Wasser ausgegangen.

Javier, du bist seit mehr als 30 Jahren unterwegs. Was hat sich in dieser Zeit verändert?

Am Anfang war es einfach eine Reise. Ich habe angefangen, wie viele andere – aus Neugier, aus dem Wunsch heraus, die Welt zu sehen. Aber mit den Jahren hat sich das verändert. Heute habe mehr als 750.000 Kilometer zurückgelegt und bin dabei, zum dritten Mal die Welt zu umrunden. Und irgendwann merkst du: Es ist nichts, was du tust. Es ist das, was du bist. Das Reisen hat sich in mein Leben verwandelt.

Außerdem habe ich in den 30 Jahren gelernt, langsamer zu werden. Früher ging es mir darum, schnell zu fahren, weiter zu kommen. Heute verstehe ich: Langsamkeit ist eine Stärke. Und vor allem: dass uns selbst unsere Zeit gehört. Dass wir entscheiden können, wie wir sie nutzen. Das macht die Fahrt zu einem Genuss. Jeder Zentimeter der Reise bereitet mir Freude.

Wie kam es überhaupt dazu, dass du aufgebrochen bist?

Ich bin in einem Dorf südlich von Santa Fe in Argentinien aufgewachsen - und mit acht Jahren habe ich von meiner Großmutter ein Fahrrad geschenkt bekommen. In Nachbardörfer bin ich gefahren, habe erste kleine Abenteuer erlebt. Mit 16 habe ich meine erste große Reise gemacht – 10.000 Kilometer bis nach Ushuaia in den äußersten Süden Argentiniens. Ganz alleine. Dabei habe ich entdeckt, dass mich das wirklich erfüllt.

Mittlerweile hast du die unterschiedlichsten Landschaften gesehen, viele Menschen getroffen. Was war deine extremste Erfahrung?

Das war, als mir das Wasser ausgegangen ist. Es ist mir zweimal passiert, in zwei Wüsten, einmal in Ägypen, als ich Richtung Norden gefahren bin, und einmal in Argentinien. Ich hatte die Information, dass in der Wüste von San Luis lediglich elf Kilometer zu fahren sind. Allerdings stellte sich heraus, dass ich dabei über einen Berg fahren musste - und ich war schwer beladen! In beiden Wüsten war es sehr heiß, die Sonne brannte - und dann hatte ich kein Wasser mehr. Ich schwitzte, mein Mund wurde immer trockener und irgendwann begann meine Zunge anzuschwellen… Gott sei Dank fand ich letztlich doch Trinkwasser: In Ägypten entdeckte ich eine Stelle, an der Wasser aus einem Brunnen sprudelte, und in San Luis gelangte ich zum Eingang einer Estancia, wo man mir glücklicherweise etwas zu trinken gab – was für ein Erlebnis! Seitdem nehme ich immer genügend Wasser mit; mindestens sechs Liter, und wenn ich sehe, dass die Strecke anspruchsvoll ist, habe ich schon fast 20 Liter mitgenommen. Ich bin also vorbereitet.

Irgendwann haben dir deine Freunde den Name „Javiero Infinito“ gegeben - weil du einfach immer weitergereist bist. Was suchst du heute, wenn du unterwegs bist?

Ich suche Verbindung. Ich lebe bei Menschen, nicht in Hotels. Ich komme zurück an Orte, an denen ich vor 15 oder 20 Jahren war. Es geht nicht mehr darum, irgendwo anzukommen. Es geht darum, was zwischen Menschen entsteht.

Oft bist du nur wenige Tage an einem Ort. Können tiefe Begegnungen wirklich in so kurzer Zeit entstehen?

Ja, absolut. Tiefe hat für mich nichts mit Zeit zu tun. Manchmal triffst du jemanden nur für ein paar Stunden – und es entsteht sofort etwas Echtes. Eine Verbindung, die sehr ehrlich ist. Es kommt darauf an, wie offen du bist. Wenn du dich wirklich zeigst, wenn du zuhörst, ohne etwas zu erwarten, dann kann sehr schnell etwas entstehen, das sonst vielleicht Jahre braucht. Und manchmal passiert es auch nicht – selbst wenn man viel Zeit miteinander verbringt. Es geht nicht um Dauer, sondern um Präsenz.

Du sagst, man kann ein „Instrument der Liebe“ sein. Was meinst du damit?

Dass Liebe nichts ist, das einfach irgendwo existiert. Wir sind es, die sie erschaffen. Durch unsere Handlungen, durch das, was wir füreinander tun. Jeder kann sich entscheiden, ein Instrument der Liebe zu sein. Oder eben nicht. Es ist keine große Theorie. Es zeigt sich in kleinen Dingen – wie man mit anderen Menschen umgeht.

Hast du Vorbilder?

Ja, es gibt einen deutschen Radreisenden, der mich sehr geprägt hat: Heinz Stücke. Für viele von uns ist er eine Art Lehrer. Nicht nur wegen der Strecke, die er zurückgelegt hat, sondern wegen seiner Haltung.
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Heinz Stücke hat seit August 1962 alle Teile der Welt mit einem Dreigang-Fahrrad bereist.

Was mich beeindruckt, ist seine Einfachheit, seine Demut. Er reist seit Jahrzehnten, ohne großes Aufsehen darum zu machen.
Das hat mir gezeigt, dass es nicht darum geht, etwas zu beweisen. Sondern darum, wie man unterwegs ist – und wie man dem Leben begegnet.

Wie organisierst du dein Leben unterwegs – auch ganz praktisch?

Ich habe verschiedene Wege. Ich habe ein Buch geschrieben, das sich gut verkauft hat. Davon konnte ich ein Haus kaufen, das ich heute vermiete. Das gibt mir eine gewisse Basis.

Und unterwegs entstehen immer wieder neue Dinge. Ich arbeite mit Städten zusammen, entwickle Fahrradprojekte – zum Beispiel Radwege oder Systeme für den Fahrradverleih. Oft mache ich das einfach, weil ich daran glaube. Und manchmal ergibt sich daraus auch etwas finanziell. Kürzlich habe ich eine WhatsApp-Gruppe für Radreisende in Südamerika gestartet, um ihnen zu helfen, Freiwilligenprojekte, Zeltplätze und Hilfe bei Pannen zu finden. Mittlerweile hat die Gruppe schon etwa 350 Mitglieder.

Hat deine Reise irgendwann ein Ende?

Vielleicht, eines Tages. Ich will es nicht ausschließen. Ich habe es schon einmal versucht. Auf einer Reise habe ich eine Frau kennengelernt, wir waren zusammen unterwegs. Sie kommt aus Buenos Aires, und irgendwann hatten wir die Idee, dort gemeinsam sesshaft zu werden. Aber letztlich hat es sich für mich nicht richtig angefühlt. Es war, als würden die Wände auf mich zukommen. Ich hätte mich zwingen müssen, dort zu bleiben – und das wollte ich nicht. Also bin ich wieder aufgebrochen. Ich brauche die Bewegung. Dieses Unterwegssein, das Gefühl, nicht für immer an einem Ort zu sein – das entspricht mir einfach mehr. Für die Zukunft weiß ich es nicht. Vielleicht ändert sich das irgendwann. Aber im Moment ist das Reisen mein natürlicher Zustand.
Auf Berg- und Talfahrt auf dem Rad in Nordargentinien. Freundlicherweise habe der Bürgermeister von Salta genehmigt, dass wir dort zelten durften, sagt Javier.

Wenn du so lange unterwegs bist – wo bist du zu Hause?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe keinen Ort, von dem ich sagen würde: Das ist mein Zuhause. Ich fühle mich überall zu Hause. Menschen sind überall gleich. Die Unterschiede sind oft nur kulturell, aber im Kern sind wir gleich. Deshalb kann ich sagen: Ich bin von keinem Ort.

Was würdest du jemandem raten, der überlegt aufzubrechen?

Dass er sich selbst kennenlernen sollte. Dass er sich erlauben sollte, herauszufinden, was er wirklich will. Nicht das, was andere erwarten. Und dass Fehler dazugehören. Man muss sich nicht vor ihnen fürchten. Am Ende geht es nicht darum, den perfekten Weg zu finden. Es gibt nicht nur einen richtigen Weg. Alle Wege sind möglich.

Und was hast du über das Leben verstanden?

Vielleicht das Wichtigste: Es macht keinen großen Unterschied, ob du reist oder an einem Ort bleibst. Es geht darum, wie du lebst.
Javier im Salar de Uyuni, der größten Salzwüste der Welt: Er spielt Cherokee-Flöte, die ihm Indigene in den Vereinigten Staaten geschenkt haben. Von der Flöte gehen transzendentale, spirituelle Frequenzen aus, sagt er.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Als ich bei La Vieja del Bosque in Colonia zu Gast war, fiel mir am Küchenschrank ein rot-schwarzer-weißer Aufkleber auf, auf dem die Erde und ein Fahrrad mit Anhänger abgebildet ist: Javiero Infinito hat ihn dort angebracht. Immer wieder drehten sich die Gespräche im Haus der „Alten“ um Javier, der die Welt mit Muskelkraft bezwungen haben soll, wie ich erfuhr. Mein Interesse war geweckt.

Zu diesem Zeitpunkt entdeckte er südlich von São Paulo Höhlen - also sprachen wir per Videokonferenz.
Ja, bei Mosaik stehen persönliche Begegnungen im Mittelpunkt - dennoch fühlte sich das Onlinegespräch beinahe so an, als ob er vor mir saß. Wir lachten viel, er strahlte eine Wärme aus, die mich inspirierte.

Es würde mich freuen, wenn sich unsere Wege einmal kreuzen.

Für die nächste Geschichte.

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