So, wie es ist

Filomena sitzt neben einem Mangobaum und trinkt Kaffee. Sie flickt Kleidung - was sie zu ihrer ganz eigene Philosophie inspirierte.

„Wollt ihr euch dazusetzen und einen Kaffee trinken?“, fragt Filomena, die auf einem Plastikstuhl auf dem geteerten Gehweg in einem brasilianischen Dorf sitzt. „Ja, gerne, aber bitte ohne Zucker“, sagt der Argentinier. Filomena runzelt die Stirn. „So etwas gibt es bei uns nicht. Setzt euch trotzdem gerne hin.“

Filomena ist Näherin - immer noch mit ihren 75 Jahren. Und wird es vermutlich auch den Rest ihres Lebens bleiben. Sie flickt, stopft Löcher, macht aus alten Kleidern Handtaschen - und rettet so Kleidung, die sonst im Mülleimer laden würde.

Blaue-grüne Augen, wie die Tochter


Die Dame sitzt also auf ihrem Stuhl an der löchrigen Straße am Dorfrand, neben ihr ein Mangobaum mit reifen Früchten. Sie wartet auf Kundschaft - oder etwa nicht? Die zwei Ausländer haben ein weißes Kleid und zwei Hosen zum Flicken mitgebracht. „Meine Augen sind so schlecht, ich schaffe das nicht“, sagt Filomena. „Geht doch zu Celina, die ihr Nähgeschäft in der Nähe hat."

Noch bevor die Ausländer antworten können, bemerkt Filomenas Tochter, eine von drei einheimischen Frauen auf einem Stuhl am Straßenrand, dass der Argentinier dieselbe Augenfarbe wie ihre Tochter hat. Blau-grün. Und überhaupt, die Familie… Filomena blickt nach links und lächelt die zweite Frau an.

Ich habe ein Kind mit Down-Syndrom großgezogen - meine wunderbare Tochter Juanita mit ihrem großen Herzen.

Das war nicht immer einfach, besonders als ihr Mann die Familie vom einen Tag auf den anderen verlassen hat. Er hatte sich ein „normales" Kind gewünscht, fühlte sich in seiner Ehre gekränkt, ein solches Kind gezeugt zu haben. Also verschwand er einfach. Wohin, das weiß keiner in der Familie so genau.

Ein Ritual, das bleibt


Filomena musste Geld verdienen, um sich und ihre die Töchter zu ernähren. Nähen - ja, das konnte sie, seit sie für ihre Kinder Kleidchen gemacht hatte. Unzählige Stunden am Tag verbrachte sie also an jenem runden Holztisch vor dem Haus - ihrem Nähplatz. Mit dabei: Juanita, ihre Schwester, Cousinen. Alle halfen mit.

Nähen, Haushalt, Kinderbetreuung - bei Filomena eine Sache für die ganze Familie.

Trotz der vielen Aufgaben ließ sich die Familie ein Ritual nicht nehmen, das sie bis heute lebt: am Nachmittag sich zu dritt an die Straße setzen und gemeinsam einen Kaffee zu trinken.

„Und wie hast du das erlebt, Juanita?“, fragt die Italienerin. „Mama ist einfach die Beste", sagt Juanita und lächelt breit. „Sie hat mir immer gesagt, dass ich gut bin.“

Einen kurzen Moment schweigen alle. Dann sinniert Filomena:
> Ja, vielleicht geht es darum im Leben: Die Menschen und Situationen so zu akzeptieren, wie sie sind. Das heißt nicht, den Kopf in den Sand zu stecken und nichts zu tun. Sondern sich auf die Herausforderungen einzulassen - mit dem Herzen…

Das ist wie beim Nähen, findet sie. Man wirft das Kleidungsstück nicht weg, sondern macht das Beste daraus.

Na gut...

Juanita ist jedenfalls dankbar, dass ihre Familie sie annimmt. Sie arbeitet mittlerweile in der Bäckerei nebenan als Verkäuferin - und heiratete früh. Der Sohn der Bäckersfamilie hat es ihr angetan, sie haben eine Tochter. „Ich liebe sie, sie ist wunderbar.“

Und die Ausländer und ihre löchrige Kleidung? Sie haben nochmals gebeten, dass Filomena ihre Sachen näht. Letztlich willigt die 75-Jährige ein und sagt augenzwinkernd: „Na gut, ich mache es. Aber akzeptiert das Ergebnis bitte genauso, wie es ist."

Die Geschichte hinter der Geschichte


Filomena, die eigentlich Orlandina heißt, traf ich in Palmelo, einem kleinen Dorf im Bundesstaat Goiás in Brasilien. Meine Reisebegleitung Amanda erzählte mir, dass Orlandina Kleidung näht - also brachte ich meine zwei Hosen zu ihr. Zunächst lehnte sie die Arbeit wegen ihrer Augen ab, aber ließ sich am Ende doch noch überzeugen. Das Resultat kann sich sehen lassen!

Dass es bei Orlandina nur Kaffee mit Zucker gab, ist mir immer wieder in Brasilien passiert. Der Zucker wird beim Aufbrühen hineingerührt. Sie wirkte überrascht, dass ich ablehnte, aber überhaupt nicht urteilend oder enttäuscht. Eine Frau, die Wärme und Herzlichkeit ausstrahlt. Obwohl unser Gespräch nur sehr kurz war und viele Details der Story Produkt meiner Fantasie sind, fand ich es wichtig, die Atmosphäre am Straßenrand festzuhalten, bei der die Zeit stillzustehen schien.

Brasilianische Dorfstraßen: löchrig, aber niemand stört sich daran.

Beim Schreiben überlegte ich hin und her, was ich an der Geschichte noch verbessern konnte. Irgendwann erinnerte ich mich an die Lektion der Story und dass ich jene Akzeptanz auch selbst leben will - und gab es auf. Die Geschichte ist gut so, wie sie ist - oder, liebe Leser?

Danke, Orlandina für deine wunderbare Energie!

Für die nächste Geschichte.

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