„Magie“, sagt María Laura und schweigt einen Moment. Sie steht gegen drei Uhr am Nachmittag draußen am Eingang zu einer Stadt aus Stein, einem Labyrinth aus Gassen für die Toten. María Laura ist Guide im ältesten Friedhof von Buenos Aires, der Recoleta. Sie lernte „wie eine Verrückte“, um die Guide-Prüfung zu bestehen - aber alles, was hier geschieht, kann sie sich auch nicht erklären.
Doch noch einmal von vorne. Der 1822 eröffnete erste öffentliche Friedhof von Buenos Aires besteht aus 4700 Familiengräbern, genannt bóvedas, auf fünfeinhalb Hektar.

María Laura hat ein Schild in der Hand: „Tour“. Wer bei ihr mitgeht, den führt sie zunächst in die Mitte der Recoleta. Dort glänzt ein Türmchen aus Metall, lackiert in Irisch-Grün. Ein kleiner Leuchtturm für Admiral Guillermo Brown, Vater der argentinischen Marine, und seine älteste – und liebste – Tochter Elisa.
Der Admiral mit der traurigen Nachricht
Guillermo, geboren in Irland, war Auswanderer, Kapitän und Seeheld. Obwohl die Spanier übermächtig waren, bezwang Guillermo 1814 mit einer winzigen, notdürftigen Flotte im Río de la Plata die spanische Blockade – und befreite Buenos Aires so von der Fremdmacht.Seine Familie lebte auf der Quinta Casa Amarilla, dem „Gelbes Haus“, direkt am damaligen Flussufer. Mit 17 verlobte sich Tochter Elisa mit Francis Drummond, genannt Pancho, einem irischstämmigen Marineoffizier unter Browns Kommando.
Diesmal war es das Kaiserreich Brasilien, gerade unabhängig von Portugal, das mit einer zahlenmäßig überlegenen Flotte den Río de la Plata und das ganze heutige Uruguay besetzt hielt. Der Auftrag für Brown und seine Mannschaft: den Fluss zu befreien.
Bei der Schlacht von Monte Santiago tritt Admiral Brown mit vier Schiffen gegen 16 brasilianische an. Kommandant Pancho wird verwundet, will trotzdem Munition holen. Er wird erneut getroffen - diesmal tödlich. Überliefert ist folgender letzter Satz: „Der Blick wird mir trüb, ich werde die Berge Schottlands nicht mehr sehen… gib meine Uhr meiner Mutter, und diesen Verlobungsring bringst du meiner geliebten Elisa.“
Der Admiral überbringt seiner Tochter selbst die Nachricht und den Ring. Sie weint nicht – die Überlieferung spricht von einer „stillen Umnachtung“.
27. Dezember 1827, 17.30 Uhr, acht Monate nach dem Tod ihres Verlobten: Elisa ertrinkt beim Baden in einem alten Flussarm mit tiefen Strudellöchern. Absicht oder Unfall? Niemand weiß es. Die Legende: Sie ging in ihrem Brautkleid ins Wasser, mit dem Ring von Pancho am Finger, am Tag, der für die Hochzeit vorgesehen war.
Beerdigt wurde Elisa zunächst auf einem anderen Friedhof neben Pancho. Später wurde sie auf Wunsch des Vaters ins Familienmausoleum in der Recoleta umgebettet.

Eine Entscheidung, die Elisa wohl auch nach dem Tod ihres Körpers noch umtreibt. „Ihr Geist streift bis heute um das grüne Mausoleum, weil ihr Verlobter nicht neben ihr beerdigt ist“, sagt María Laura.
Guillermo und Elisa sind nur zwei von rund 350.000 wohlhabenden – und oft auch berühmten – Verstorbenen, die auf dem Friedhof in Recoleta ruhen. Darunter Präsidenten und 200 Helden der Unabhängigkeit Argentiniens von der spanischen Krone.
Ewige Abwendung, ewige Zuwendung
Und dann ist da noch das Grabmal von Tiburcia Domínguez, die viel Geld für hübsche Kleider, Parfüm und Juwelen ausgegeben hatte und dadurch Schulden gemacht hatte. Ihr Ehemann hielt die Situation nicht mehr aus. Im Jahr 1862 veröffentlichte er eine Zeitungsanzeige, in der er erklärte, ihre Schulden nicht mehr zu begleichen – Tiburcia war öffentlich gedemütigt.
Sie schwor, nie wieder mit ihm zu sprechen – und hielt es bis zu seinem Tod mehr als 20 Jahre später ein. Ihre Anweisung für ihr eigenes Grabmal: ihre Büste im Rücken zu seiner. „Ich will nicht für alle Ewigkeit in dieselbe Richtung blicken wie mein Mann“, schrieb Tiburcia.
Die Recoleta erzählt nicht nur Geschichten von Abwendung, sondern auch von ewiger Zuwendung.
Drei junge Männer, allesamt Literaten, wollten ihre Freundschaft feiern und ließen zu Lebzeiten ein Denkmal errichten – gedacht für einen öffentlichen Platz in Buenos Aires. Die Stadtverwaltung erlaubte es nicht. Also stellten sie es auf den Friedhof.
Ein Sockel mit einer dreiseiten Pyramide, gekrönt von einer geflügelten Figur. Auf jeder Pyramidenseite ist ein Bronzemedallion mit dem Gesicht eines Freundes: einer mit einem gefalteten Blatt der Zeitung La Nación, der zweite mit einer Leier und der dritte mit einem Buch.
Was als Denkmal für die Lebenden gedacht war, wurde bald zu einem Denkmal der Toten. Alle drei starben in jungen Jahren in den Monaten nach der Fertigstellung des Denkmals. „Das ist eine düstere, düstere Geschichte“, sagt María Laura.
Keiner der drei ist dort beerdigt, das Grabmal ist leer. Doch bis heute erinnert das Denkmal an die unverbrüchliche Freundschaft der drei Literaten.
Die elegante First Lady
María Lauras Lieblingsgeschichte ist jene von Eva Perón, genannt Evita, jener Schauspielerin, die 1946 zur First Lady Argentiniens wurde. „1,70 Meter, blond, elegant, mit viel Charakter und Charisma“, so beschreibt María Laura sie.„Die Schauspielerin tauschte die Bühne gegen die Casa Rosada, das Publikum war die Plaza de Mayo“, sagt María Laura. Vom Balkon des Dienstsitzes des Präsidenten hielt Evita zusammen mit ihrem Mann Juan Domingo Perón regelmäßig Reden - welche sie jedoch spontan vorgetragen habe. „Sie kamen von innen.“

Evita ist wegen ihres sozialen Engagements bis heute beliebt in Argentinien. Besucher bringen Blumen und kleine Heiligenbildchen und stecken sie in schmiedeeiserne Gittertor der Gruft mit den geschwungenen Bögen.
Der wiedergefundene Ohrring
María Laura arbeitete viele Jahre als Guide im Evita-Museum in Palermo, kennt ihre Biographie gut und spricht mit „großem argentinischen Stolz“ über Evita. Und dann erinnert sich María Laura an eine Geschichte: Sie verliere bei Touren auf dem Friedhof häufig Ohrringe - warum, wisse sie auch nicht. Eines Tages fehlte ein Ohrring. Sie suchte und suchte… und letztlich fand ihn ein englischsprachiger Gast – genau gegenüber von Evitas Mausoleum.Und dann ist da noch das Erlebnis mit dem „angehängten Geist“. An einem sehr heißen Tag setzte sich María Laura während einer ausgebuchten Führung neben ein Mausoleum. Danach fühlte sie sich merkwürdig, musste ständig gähnen. Ihr Freund, den sie als sensibel, aber eigentlich nicht als esoterisch bezeichnet, vollführte spontan ein Ritual: Er riss den Mund auf „wie ein Nilpferd“, zwölfmal, und sagte dann: „Jetzt ist der Geist weg."
Und tatsächlich fühlte sich María Laura besser. Was sie daraus lernte: „Wenn du den Friedhof besuchst, musst du innerlich stark sein. Wer schwach ist, dem hängen sich die Dinge an – und man trägt sie mit nach Hause.“
Ein Arbeiter im Oberschichtfriedhof
Nicht nur die Reichen und Schönen sind in der Recoleta beerdigt. Auch ein einfacher Arbeiter hat ein Plätzchen gefunden: David Alleno.Es ist eine kleine Gruft in einer Seitengasse. In einem Friedhof voller Engel und Prunk steht hier die Statue eines Mannes in Arbeitskleidung mit Besen und Gießkanne. In der Hand: die Schlüssel zu dieser Stadt der Toten. Die einzige Statue auf dem Friedhof von jemandem, der hier gearbeitet hat.

David war als sepulturero, Grabwächter, angestellt in einer Zeit, in der der Handel mit Wolle und Getreide Buenos Aires reich machte. Die Elite zog nach Norden, in die Recoleta, und die Familien bauten sich Gräber wie Paläste mit Marmor und venezianischen Skulpturen.
Die Legende besagt, dass David jeden Peso für eine eigene Grabstätte sparte. Einer anderen Version zufolge gewann sein Bruder die Lotterie und beteiligte die Familie. Daraufhin fuhr David nach Genua, ließ dort sein Grabmal anfertigen – und kaufte damit denselben Marmor wie die Reichen, die im Zuge der italienischen Einwanderung in den 1880er-Jahren nach Buenos Aires kamen.
Als David zurückkehrte, kaufte er das Grundstück auf dem Friedhof, kündigte als Wächter – und starb noch im selben Jahr, mit 25, angeblich an Gift.
Vielleicht ist das nur eine Geschichte. Eine Geschichte vom Aufstieg in den Oberschichtfriedhof. Jedenfalls: Man soll auch heute noch nachts das Klirren seines Schlüsselbundes hören, erzählt María Laura.
Soll heißen: Jetzt, da die Sonne demnächst untergeht, ist es wohl besser für Besucher, nach Hause zu gehen.
Die Geschichte hinter der Geschichte
María Laura traf ich am Eingang des Friedhofs in Recoleta, wo sie private Führungen anbot. Sie erzählte lebendig und mitreißend. Im Nachgang las ich mehr über die Gräber. Dankenswerterweise überprüfte María Laura, ob die zusammengetragenen Infos auch richtig sind.
Mich beeindruckte vor allem die Geschichte von Elisa Brown und ihrem Verlobten. Ob sie tatsächlich mit dem Brautkleid ins Wasser stieg oder nicht – die Story liefert tragischen Stoff für eine Legende, die man sich auch noch 200 Jahre später gerne erzählt.
