Mit sieben Jahren hatte Lucilla einen Traum. Sie lebte auf einem Bauernhof. Pferde, Ziegen, Hühner, ein Kräutergarten. Ein kleines Paradies - mitten in Frankreich.
Sie war der Stimme ihres Herzens gefolgt, einer Sehnsucht, die sie seit sie denken konnte begleitet hatte.
Einem jungen Franzosen hatte sie ihr Herz geschenkt. Zwischen Pferdekoppel, Hühnerstall und Gemüsegarten hatten sie eine kleine Familie gegründet.
Ein französisches Schicksal
Wasser tranken sie aus der Quelle vor ihrem Haus, was sie aßen, stammte aus ihrem Garten und dem, was sie in den Wäldern finden konnten. Ihr Haus hatten sie in liebevoller Handarbeit selbst gebaut. Jeder Balken, jedes Brett ein Unikat, gesägt aus den Bäumen ihres kleinen Wäldchens.
Sie hatten Tiere. Hunde, Katzen, Zwei- und Vierbeiner aller Art - ein friedliches Durcheinander, zusammengehalten von einem unsichtbaren Faden. Dem Faden des Schicksals, eines französischen Schicksals.
Nacht für Nacht kehrte der Traum zu ihr zurück. Und ohne, dass sie es merkte, wob er sich ganz allmählich in ihren eigenen Lebensfaden.

Ihre gesamte Kindheit spürte sie eine tiefe Verbundenheit zu Frankreich. Das Land schien sie zu rufen, auch wenn sie noch nicht verstand, warum, und die Lebensumstände in Deutschland es ihr verwehrten, diesem Ruf zu folgen. So blieb es, was es war. Ein Traum.
Abenteuer
Ebenfalls mit sieben Jahren hatte ein kleiner Junge in Frankreich einen Traum. Auf dem elterlichen Hof in einem Flusstal im Süden Frankreichs aufgewachsen, träumte Eliaz von einem Leben als Abenteurer. In den Bergen, auf Bäumen und in Höhlen schlief er. Hauptsache draußen - die Natur, sie war seine Heimat. Er liebte die Freiheit, den Wind im Gesicht.
Jede freie Minute, die er nicht auf dem Hof seiner Eltern helfen musste, brach er zu kleinen Expeditionen auf.

Doch mit den Jahren setzte sich eine stille Trauer in seiner Abenteurerseele fest. Er konnte es nicht wirklich greifen, aber er spürte, dass etwas fehlte. All die Abenteuer, das Leben in und mit der Natur fühlten sich zunehmend wertlos an.
In einer einsamen, kalten Nacht in einer Höhle des Flusstals, in dem er aufgewachsen war, begegnete sie ihm dann.
In den Flammen seines wärmenden Feuers sah er ein Wesen - leidenschaftlich, von den Elementen geschaffen und mit einer Wärme, wie er ihr in all den Jahren noch nie begegnet war.
Gleich einer Nymphe aus dem Wasser stieg ein Mädchen aus den Flammen empor. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Doch ehe er den Mut gefasst hatte, etwas zu sagen, war sie bereits wieder in den Flammen verschwunden.

Auch Eliaz träumte diesen Traum wieder und wieder. Und je älter er wurde, umso mehr begann er daran zu glauben, dass es mehr als nur ein Traum war.
Immer wieder erinnerte er sich an das Mädchen aus dem Feuer. Ihre Wärme, ihre Schönheit. Sie war zur Manifestation seiner Sehnsucht geworden. Zu einer stillen Sehnsucht. Denn nur wenn er ganz für sich allein war, fragte er sich, ob es dieses Mädchen tatsächlich gab?
Die Welt der Möglichkeiten
Die Jahre vergingen und wie Eliaz fühlte auch Lucilla eine Sehnsucht. Sie war ein Kind der Stadt, die Welt der Möglichkeiten hielten ihr Leben in einem stetigen Wandel.
Aber je mehr Möglichkeiten sich auftaten, umso leerer fühlte sie sich. Fragen quälten sie. Welchen der tausend Wege, die ihr offen standen, sollte sie gehen? Welcher versprach, der richtige zu sein?
Eines Nachts aus dem Fenster ihres Dachzimmers blickend, erinnerte sie sich wieder an den Traum ihrer Kindheitstage.

Und sie erinnerte sich an das wundervolle Gefühl von Heimat und Erdung, das sie dabei durchströmte. Sie fühlte es: In ihrem Herzen wollte sie nur eines. Ein einfaches Leben in Frieden mit Mutter Erde und dem Land, das, seit sie denken konnte, unablässig gerufen hatte.
Mut
Und so folgte sie 20 Jahre später dem Ruf ihres Traumes. Mitten im Winter machte sie sich gemeinsam mit einer Freundin auf nach Frankreich. Diese hatte eine Tante. Und die lebte in einem abgelegenen Flusstal im Süden des Landes - dem Val du Cheval (Tal der Pferde).
Fünfzig Pferde lebten hier und eine fürsorgliche Gemeinschaft. Zwei Wochen wollte sie hier mithelfen, die Pferde, Hühner und Ziegen versorgen und leben. Leben im Land ihres Traumes.
Was sie nicht ahnte: Auch Eliaz lebte auf diesem Hof. Noch am Tag ihrer Ankunft bestiegen sie die Pferde. Und es war Eliaz, der beauftragt wurde, den Neuankömmlingen die Umgebung zu zeigen. Neben den beiden Freundinnen waren noch weitere Gäste im Val du Cheval angekommen.
Die Intuition der Stute
Eliaz war nicht gerade erfreut über die ihm zugewiesene Aufgabe, den Touristenführer zu spielen. Ihn plagten andere Sorgen. Sein Baumhaus brauchte ein neues Dach. Beim letzten Regen hatte es reingeregnet und der nächste Regen kündigte sich bereits an.
Hastig sattelte er deshalb die Pferde und begann, der kleinen Gruppe die Wiesen, Wälder und Flüsse der Umgebung zu zeigen.
In einem Moment der Unachtsamkeit an der Weggabelung eines schmalen Pfades verlor Luzilla mit ihrem Pferd die kleine Gruppe. Und ehe sie sich versah, fand sie sich auf einer einsamen Wiese wieder. Ihr Pferd wollte nicht mehr zurück.
Verzweifelt an den Zügeln ihrer weißen Stute ziehend, versuchte sie sie zum umdrehen zu bewegen. Aber was sie auch tat, die Stute blieb stur. Als würde sie auf etwas warten, bewegte sie sich nicht einen einzigen Zentimeter mehr.

Die Zeit verging und die Sonne neigte sich bereits gefährlich dem hügeligen Horizont entgegen, als Eliaz plötzlich die Wiese betrat. Er hatte den Rest der Gruppe sicher nach Hause gebracht und war zu Fuß aufgebrochen, Lucilla und ihr Pferd zu suchen.
Erinnerungen
Erleichtert und etwas unsicher winkte sie ihm aus der Ferne zu. Bei den beiden angekommen, erkundigte er sich nach Lucillas Wohlbefinden.
Alles war gut. Das Pferd hatte scheinbar den gemeinsamen Weg verlassen und sich anschließend verweigert. Beide fühlten sie Erleichterung. Ein Lächeln, das aus ihrem Inneren sprach, überkam sie. Und es war dieser Moment, in dem sich zum ersten Mal ihre Blicke trafen.

Beiden fühlten es sofort. Da war es. Das Gefühl, dass sie aus den Träumen ihrer Kindheit kannten. Jene Wärme, Vertrautheit, Sicherheit. Beide wussten es, spürten es. Und doch wagte keiner, etwas zu sagen.
Einige Augenblicke später - wie durch ein Wunder - begann die Stute, die sich zuvor stets verweigert hatte, sich wieder zu bewegen. Als hätte sie erkannt, dass dem Glück nur ein kleiner Ruck fehlt, löste sie die peinliche Blockade zwischen den beiden, die wie eingefroren im Moment ihres gegenseitigen Erkennens voreinander standen.
Der unsichtbare Faden
Erstmals an diesem Tag dachte Eliaz nicht mehr an sein tropfendes Dach und all die Dinge, die er noch zu erledigen hatte.
Er war hier. Hier auf der Wiese mit Lucilla und der Stute. Vorsichtig stieg er zu Lucilla auf das weiße Pferd. Seine Arme um sie legend führte er die drei zurück ins Val du Cheval.

Auf dem Weg nach Hause wussten sie es: Sie waren angekommen. Angekommen am Ort ihrer Bestimmung. Dem Ort, an den sie der unsichtbare Faden des Lebens ihr ganzes Leben lang versucht hatte, hinzuführen. Sie sprachen kaum ein Wort.
Denn es war alles gesagt. Und wie es ihre Träume vorhergesagt hatten kam es…

Die Geschichte hinter der Geschichte:
Zu dieser Geschichte möchte ich gar nicht viel sagen. Nur so viel: Das Val du Cheval gibt es, auch wenn es offiziell nicht so heißt. Und auch Lucilla und Eliaz und ihre Deutsch-Französische Liebesgeschichte sind real. Wie sie sich aber wirklich ineinander verliebt haben bleibt ihr Geheimnis…

