Beatrice sitzt im grünen Passagierboot und blickt in die näherkommende Ferne.
Nueva Asunción zeigt sich immer klarer. Unverputzte Häuser, Straßen aus rötlicher Erde, bellende Hunde. Dorfflair direkt neben der Hauptstadt, auf der anderen Seite des Río Paraguay.
Vier Wochen ist Beatrice bereits in Asunción, länger als die allermeisten Touristen. Sie schleckt ein Vanilleeis an einer Säule, auf der eine Engelstatue thront. Lässt sich durch die Kongress-Bibliothek führen. Sitzt im Café nahe dem Pantheon und liest. Oder macht einen Bootsausflug auf dem Río Paraguay, so wie jetzt.

Die Überraschung
Beatrice und die anderen Passagiere besteigen das Schiffchen, der Kapitän dreht an einer Kurbel und startet den Motor. Das Boot beginnt zu vibrieren. Beatrice wischt sich eine Schweißperle von der Stirn und beobachtet die anderen Fahrgäste. Einer trinkt ein Ouro Fino und wirft anschließend die leere Bierdose ins Wasser. Beatrice zuckt, sagt aber nichts. Ein anderer junger Mann mit rasierten Augenbrauen zeigt seinem Kumpel seine neue Sonnenbrille. Nueva Asunción, auch Chaco'i genannt, kommt immer näher - und Beatrice hebt die Augenbrauen. „Das hätte ich nicht erwartet. Ein Dorf. Und gleichzeitig sind die Hochhäuser Asuncións noch in Sichtweite.“Was es hier nicht gibt
Sie spaziert ein paar Cuadras, südamerikanische Blocks, bis sie die quietschende Tür eines Lebensmittelgeschäftchens öffnet. „Señora, entschuldigen Sie, gibt es hier ein Café?“ „Hier? Nein, hier nicht.“ Beatrice verwendet ihr Handy kaum, lieber fragt sie Passanten nach dem Weg. „Es lenkt zu sehr vom Moment ab.“ Sie beobachtet, genießt - und spricht normalerweise nicht von der Vergangenheit. Auch nicht von der Zukunft. „Die Leute haben Angst vor der Leere, deshalb planen sie alles voll“, sagt sie. Einmal lernte sie einen Gastgeber kennen, der Reservierungen für zwei Jahre im Voraus entgegennahm. „Das konnte ich überhaupt nicht begreifen.“Genug ist genug
Es braucht mehrere gemeinsame Ausflüge mit neuen Bekannten, dann spricht Beatrice dennoch ein wenig von dem, was früher war. Oder zumindest vor der jetzigen Reise nach Paraguay. Sie hatte genug. Von ihrem Job, vom europäischen Winter, und vor allem von der Angst. Also hat sie alles losgelassen. Das Haus hat sie ihren Kindern geschenkt. Alles, was Beatrice jetzt noch hat, ist ein Reiserucksack mit ein paar Klamotten und Büchern. Gerade liest sie den Klassiker „Cien años de soledad“ (Hundert Jahre Einsamkeit) von Gabriel García Márquez. Zum dritten Mal. „Ich bin nicht einsam wie die Familie Buendía im Buch“, sagt Beatrice. „Ich verbringe einfach gerne Zeit mit mir selbst.“
Im Wohnzimmer
Noch bevor Beatrice weiter darüber sinnieren kann, grummelt ihr Magen - und Beatrice sieht ein handgeschriebenes Schild: „Empanadas“. Die Wirtin bittet sie, einzutreten. In ihr Privathaus. In der Mitte des Raumes sitzt die Großmutter und schneidet Fleisch für die Empanadas. Daneben malt die im Bett liegende Enkeltochter ein Bild von einem Fisch. „Señora, haben Sie auch vegetarische Empanadas?“, fragt Beatrice. „Nein, nur mit Fleisch“, sagt die Wirtin. „Dann nehme ich nichts. Entschuldigen Sie die Störung.“ „Kein Problem, alles Gute!“
Während Beatrice wieder ins grüne Bootchen steigt, sagt sie: „Kein Kaffee, keine Empanadas und überhaupt keine Sehenswürdigkeiten.“ Und als sie sich setzt, grinst sie: „Was für ein schöner Tag.“
Die Geschichte hinter der Geschichte
Beatrice, die eigentlich Carla heißt, habe ich im Hostel in Asunción kennen gelernt und mit ihr drei Ausflüge gemacht. In den Zoo, in die Kongressbibliothek, die mir eine Mitarbeiterin gezeigt hat. Und dann einen Bootsausflug nach Neu-Asunción, wo wir einen Kaffee trinken wollten, aber schlicht kein Café fanden.
Die Figur von Beatrice ist inspiriert von Carla, aber auch von meiner eigenen Reisephilosophie. Während viele sagen, Asunción habe nichts zu bieten, finde ich: Man muss auf einer Reise nicht dem größten Spektakel hinterherjagen. Auch in Asunción kann man eine gute Zeit haben. Am Fluss, im Café, bei einem Eis an der Engelstatue (Link zum Standort).
Denn wer nur die spektakulärsten Landschaften und größten Touristenattraktionen beachtet, verpasst vielleicht, worum es meiner Meinung nach beim Reisen eigentlich geht: aufmerksam zu sein und bewusst wahrzunehmen. Wie Menschen miteinander umgehen, wie sich die Natur bei einer Busfahrt verändert. Kleine Details, die manchmal viel verraten.

Etwa, dass die Empanada-Wirtin Carla und mich in ihr Haus ließ und es uns überhaupt nicht übelnahm, dass wir nichts gekauft haben. Das ist mir in Paraguay öfters begegnet. So fühlt man sich als nicht als Kunde - sondern als Gast.

