Von Äxten zu Selfiesticks

Eine alte Südbuche hat alles gesehen. Gefangene, die Fluchtpläne schmieden - und Touristen, die Selfies schießen.

Früher kamen sie mit Äxten. Heute mit Selfiesticks.
Die Werkzeuge haben sich verändert. Aber ansonsten nicht so viel.
Ich habe es alles gesehen. Denn ich bin ein Baum. Ein Baum am Ende der Welt, im argentinischen Feuerland.
Ich weiß noch, wie sie kamen. Wie ich zum ersten Mal Menschen sah, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Davor hörte man hier den Wind pfeifen, manchmal den Regen prasseln, Spechte klopfen. Doch die Menschen, sie gaben andere Laute von sich. Ich konnte sie zunächst nicht verstehen, doch ich begriff: Hier sollte sich etwas verändern.

Der Gefängniszug rollt


Diese Menschen in den schwarz-weißen Uniformen waren Gefangene, wie ich später verstand. Sie nahmen einen mit Metall verbundenen Cousin von mir, um weitere Cousins abzuholzen. Die Männer schnitten das Holz zu einem Wagen. Ja, sogar die Schienen waren aus Holz. Es entstand der Zug, der jeden Morgen die Gefangenen hierherbrachte. Mit Kohle betrieben, dass die Funken nur so flogen. Warum er wohl hierher rollte? Natürlich um weitere Bäume zu kürzen. Und mit ihnen die Stadt Ushuaia zu erbauen.
Das war der Lauf der Dinge - was sollte ich tun? Viele haben sie verfeuert, andere als Boden oder Wand für Häuser verwendet. Mich haben sie verschont. Zu alt, zu dick.
Mit der Zeit verstand ich, was es bedeutete, ein Gefangener zu sein. Ich sah ihre fahlen Gesichter, ihre Tränen, die sie vor ihren Mitgefangenen zu verstecken versuchten.
Einer von ihnen schrieb ein Gedicht, das er in der Nähe von mir vortrug:

Cuando al mirar hacia el ocaso con mi triste andar de pordiosero me resigné a morir como viajero que se rinde al dolor de su fracaso.

Wenn ich zum Abend hinüberblicke
mit meinem traurigen Gang eines Bettlers
und mich damit abgefunden habe, als Reisender zu sterben,
der sich dem Schmerz seines Scheiterns ergibt.

Jeden Tag mussten die Männer arbeiten, hart arbeiten, Bäume im Akkord fällen und auf den Zug tragen.

Und sie zittern und zittern...

Die Gefangenen haben meine Cousins stets von ganz unten abgesägt. An der Höhe der Stümpfe erkennt man also, ob ein Baum im Winter oder im Sommer gefällt wurde - ob Schnee lag oder nicht. Während ich im Winter einfach ein weißes Kleid bekomme, sah ich sie bei eisigen Temperaturen zittern. Dabei war es sogar eine Strafe, nicht arbeiten zu dürfen. Dann mussten die Gefangenen auf einem Baumstamm in der Kälte stehen. Und sie zitterten noch mehr.

La sombra que vendrá desde el ocaso me encontrará sentado en el sendero. Si no puedo llegar, si nada espero, ¿para qué voy a dar un solo paso?

Der Schatten, der vom Abend her kommen wird,
wird mich auf dem Weg sitzen sehen.
Wenn ich nicht mehr ankommen kann,
wenn ich nichts mehr erwarte, warum sollte ich noch einen einzigen Schritt gehen?

Ein gescheiterter Plan

Wie ich von meinen Brüdern und Schwestern hörte, konnten sich die Gefangenen in der von ihnen erbauten Stadt Ushuaia relativ frei bewegen. Denn zu fliehen war wohl kaum eine Option. Ich hörte, wie einige von ihnen einen Fluchtplan schmiedeten. Ihre Augen funkelten, als sie von der Freiheit außerhalb des eintönigen Alltags sprachen - nur um einige Tage später wieder zurückzukehren. Zu hart war das Überleben, zu weit weg die nächste Stadt.

Que se pudra mi cruz entre la escoria, donde cayó la fe de mi destino y se cubrió de lodo mi memoria.

No merezco otro fin: cual peregrino atravesé la noche de mi historia, dejando sangre humana en el camino.

Möge mein Kreuz zwischen dem Unrat verrotten,
dort, wo der Glaube an mein Schicksal fiel
und meine Erinnerung sich mit Schlamm bedeckte.

Kein anderes Ende verdiene ich:
Wie ein Pilger durchquerte ich die Nacht meiner Geschichte
und ließ menschliches Blut auf dem Weg zurück.

Manche hatten andere Menschen getötet. Andere wurden von den Herrschern in Buenos Aires in den äußersten Süden des Landes abgeschoben, weil sie ein anderes Zusammenleben forderten. Die Isolation war Teil der Strafe.
Übrigens blieben einige nach Ende der Haftstrafe in Ushuaia. Eine Rückkehr in die Hauptstadt war kostspielig und sie kannten bereits die Gegend.

Mehr oder weniger freiwillig

Sie wurden Arbeiter oder Handwerker, gründeten Familien. Am Ende lebten sie in gewisser Weise doch freiwillig am Ende der Welt. Aprops freiwillig: Heute kommen keine Gefangenen mehr, nur Touristen. Sie besuchen für wenige Tage Ushuaia, einst von Gefangenen unter Zwang erbaut, um etwas über das Leben eben jener zu erfahren.

Am Eingang in den Nationalpark stehen sie in einer Schlange, um den „Zug am Ende der Welt“ zu betreten. Eine Dampflok mit blau-weißer argentinischer Flagge vorne drauf. Doch zunächst müssen sie zahlen.
Sie reichen Papierstücke in ein kleines Häuschen und bekommen dafür ein anderes Papierstück, mit dem sie den Nationalpark betreten dürfen, wie ich irgendwann begriff.

Neben dem Zug wird ein Foto von den Touristen gemacht, ob sie wollen oder nicht. Und zwar, wie könnte es anders sein: mit Männern, die wie die Gefangenen von damals verkleidet sind. „Tu so, als ob du der Polizist bist, der mich gefangen hat“, sagt der junge Mann in der schwarz-weißen Uniform zu einem Kind, während er Mund und Augen für das Foto aufreißt.

„Tuuuut“ macht es. Das Zeichen, dass der Zug gleich losfährt. Alle steigen ein und stecken sich Kopfhörer in die Ohren, um etwas über die Geschichte zu erfahren.
Und dann zücken sie die Handys, um mich oder meine abgeholzten Freunde zu fotografieren, deren Stümpfe jetzt geschichtsträchtig auf Bewunderer warten.

Doch für mehr als ein paar Schnappschüsse ist meist nicht Zeit. Denn Patagonien ist groß. Die Touristen müssen zu den nächsten Bäumen, Gletschern oder Seen.

Irgendwann verstand ich:
Die Gefangenen wollten weg.
Die Touristen müssen weiter.
Auch sie folgen einem Weg, den sie nicht ganz selbst gewählt haben.

So viel hat sich nicht verändert. Nur der Zwang ist heute freiwillig.

Und ich bleibe einfach stehen.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Auch ich war einer der Touristen, der mit dem Zug durch den Nationalpark fuhr und die Bäume bewunderte, während ich über den Audioguide etwas über die Geschichte der Gefangenen erfuhr.

Das Gedicht über den existentiellen Abgrund der Gefangenen, das ich dabei hörte, berührte mich sehr. Sie hatten ein hartes Schicksal - selbst wenn der Unbekannte, der den Text verfasst hat, davon spricht, dass er es verdienen würde.

Ich bewege mich ungern in touristischen Massen, stattdessen lieber an stillen Orten, was mir in Ushuaia besonders bewusst wurde. Immerhin verbrachte ich mehr als eine Woche am "Ende der Welt", genug Zeit für die ein oder andere einsame Wanderung, etwa zur Bergkette der "Fünf Brüder". Die Anzahl der Wandergruppen, die ich dabei traf, konnte man an einer Hand abzählen. Und dennoch: Mit manchen von ihnen entwickelten sich nette Gespräche.

Diesen besonderen Baum entdeckte ich auf einer Wanderung in Patagonien.

Die zeitlose, verwurzelte Energie von Bäumen fasziniert mich seit langem. So kam mir die Idee, in dieser Geschichte einen Baum sprechen zu lassen. Er steht einfach da und beobachtet. Ein stiller Chronist im Feuerland.

Übrigens zum Namen „Feuerland“: Der portugiesische Seefahrer Ferdinand Maggelan sah einst Eingeborene, die Feuer machten im kalten Winter. Natürlich aus dem Holz der Cousins und Cousinen des sprechenden Baumes.

Für die nächste Geschichte.

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