Wie eine Schere ein Dorf belebt

In der Provinz ist nichts geboten? Damit hat sich Familie Achard nicht abgefunden - und bringt mit neapolitanischer Pizza Leben in ein Dorf im Osten Frankreichs.

Ambérieux-en-Dombes hat 1.900 Einwohner, eine Kirche, eine Durchgangsstraße. Wie so viele Ortschaften im Département Ain im Osten Frankreichs.

Doch was an der Straße hinter einem Bastzaun entstanden ist, ist keineswegs selbstverständlich in der französischen Provinz: eine Pizzeria, in der die Pizza mit einer Schere geschnitten wird - und die zu einem Treffpunkt für die Dorfbewohner geworden ist.

Schlaf-Dörfer und eine zündende Idee

Viele Dörfer in Frankreich seien nur noch „zum Schlafen“, sagt Mallaury Achard. Die Bewohner fahren tagsüber zum Arbeiten in die großen Städte und kommen nur für die Nacht zurück. Ambérieux-en-Dombes ist gute 30 Kilometer von Lyon entfernt, von Bourg 40 Kilometer.

Familie Achard wollte sich nicht damit abfinden. Mutter Sandrine Doucet, die heute Espresso und Cola im Restaurant serviert, sah in ihrem Heimatdorf ein geschlossenes Lokal mit Parkplatz, die gute Lage an der Straße und dachte: „Das wäre ein guter Ort für etwas Neues.“

Das Neue heißt „Pizza Maya“ und kommt fast ausschließlich aus dem Nachbarland Italien: Der Ofen aus der Region Neapel genauso wie Mehl, Mozzarella und Öl. „Rien de français“, wie Tochter Mallaury sagt. Nichts aus Frankreich.

Genügend Zeit

Alles bekommt die Zeit, die es braucht. Der Teig der napolitanischen Pizza ruht mindestens 48 Stunden, bevor er verarbeitet wird. Schnell geht es hingegen im Ofen: Gerade einmal zwei Minuten backt die Pizza bei bis zu 400 Grad, verrät Bruder Kevin.
Kevin am Pizzaofen

Das Ergebnis: eine Pizza mit dickem Rand, die dank der langen Fermentation leichter verdaut werden kann. Und als Besteckextra liegt auf dem Tisch rechts neben der riesigen Pizza eine Schere. Genau wie in Neapel.

Dass „Pizza Maya“ ein Familienrestaurant ist, steckt schon im Namen: Maya ist Mallaurys kleine Tochter, die auf dem Logo lächelt und ihren Daumen in den Mund schiebt. Mallaury selbst ist für Planung und Organisation zuständig, ihr italienisch-tunesischer Mann ist Pizzabäcker.

Die kleine Maya ist die Tochter von Mallaury und auf Namensgeberin der Pizzeria.

Auch Kevin backt Pizza, aber nicht nur das. Er nimmt sich Zeit, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen. Und wenn der Gast dabei seinen Espresso vergisst und dieser kalt wird, ruft Kevin seiner Mutter hinter der Theke zu: „Maman, noch einen Espresso!“

Die Vision

Kevin ist ebenso der Visionär hinter „Pizza Maya“. Sie soll zu einer nationalen und internationalen Marke, einer Franchise-Kette werden. Kevins Ziel: 50 Standorte bis spätestens 2030.

Die Rückmeldungen der Gäste geben seiner Vision recht. Sie hätten viele Stammgäste, auch unter der Woche wollten die Leute sitzen bleiben, reden, Zeit verbringen, sagt Kevin. Viele probieren dort zum ersten Mal überhaupt echte neapolitanische Pizza.

Vor rund einem Jahr öffnete die Pizzeria zum ersten Mal ihre Pforten. Jetzt weiß Kevin: „Das Konzept funktioniert.“ In drei Monaten möchte die Familie einen zweiten Standort im Industriegebiet zwischen Civrieux und Neuville-sur-Saône eröffnen, das wenige Kilometer südlich von Ambérieux-en-Dombes liegt.

Sandrine und Mallaury arbeiten Hand in Hand für Pizza Maya zusammen.

Ein weiterer Schritt hin zum Traum von Kevin und seiner Familie: eine internationale Marke zu werden, verwurzelt in der französischen Provinz.

Die Geschichte hinter der Geschichte

„Pizza Maya“ entdeckte ich auf der gemeinsamen Mosaik-Reise mit Niklas und unserem Freund Jonas von Süddeutschland bis zur Côte d'Azur im Spätsommer vergangenen Jahres.

Ich begleitete die beiden Radfahrer mit dem Auto als Safety Car. Tagsüber erkundete ich die Umgebung, während die Jungs zum nächsten Treffpunkt radelten. An jenem Donnerstag war es Lyon. Gegen Mittag fuhr ich durch Ambérieux-en-Dombes und stoppte spontan an der Dorfkirche. „Ein netter Ort“, fand ich und suchte nach einem Restaurant.

In der damals frisch eröffneten „Pizza Maya“ begrüßte mich Kevin mit einem Lächeln. Sofort fiel mir die Schere auf dem Tisch auf, die ich zuvor noch nie in einer Pizzeria gesehen hatte. Die Pizza war fabelhaft und so kam ich mit der Familie ins Gespräch. Halb-Französisch halb-Englisch berichteten sie mir von der familiären Rollenverteilung im Restaurant und Kevins Vision.

Das süße Städtchen Macon war das eines der Ziele, das wir in Frankreich ansteuerten.

Nun, ein Jahr später, fragte ich Kevin, ob die Dorfbewohner die Pizzeria angenommen haben - was er bejahte und mir von den Expansionsplänen berichtete.

Ich hoffe, dass sich die familiäre Atmosphäre im Restaurant bewahren lässt, auch wenn „Pizza Maya“ eines Tages eine große Kette ist. Sicher ist: Falls ich mal wieder in Ambérieux-en-Dombes vorbeikomme, besuche ich die Pizzeria auf jeden Fall…

Für die nächste Geschichte.

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