Auf den ersten Blick stehen Bäume einfach da.
Ana Paula Coelho sieht das etwas anders.
Die Forstingenieurin kommt aus Brasilien und ist heute Dozentin an der Universidad de la República in Montevideo. Sie erforscht, was im Verborgenen passiert: wie Bäume produzieren, kommunizieren, reagieren. Bäume sind für Ana Paula nicht nur etwas, das man wissenschaftlich untersuchen kann - sondern auch Lebewesen, zu denen sie eine zutiefst persönliche Beziehung hat.
Ana Paula, du bist in Brasilien geboren, hast an verschiedenen Orten gewohnt und lebst jetzt in Montevideo. Man könnte sagen: Du warst selbst nie stark verwurzelt. Passt es da, dass du mit Bäumen arbeitest – also mit Wesen, die Wurzeln haben?
Ja - schon als Kind bin ich oft umgezogen, weil mein Vater bei einer Bank gearbeitet hat und ständig die Stadt wechseln musste. Wir sind vier Geschwister – und keiner von uns ist am selben Ort geboren. Deshalb habe ich, obwohl ich mit Bäumen arbeite, selbst nicht so tiefe Wurzeln.
Und das ist eigentlich interessant, weil viele Menschen glauben, dass Baumwurzeln tief in die Erde wachsen. Aber das stimmt so nicht. Sie sind gut verankert, ja – aber nicht unbedingt tief. Sie passen sich dem Raum an, der ihnen zu Verfügung steht.
Gab es ein Erlebnis, das deinen Blick auf Bäume verändert hat?
Das gab es. Ich habe für eine Mine im brasilianischen Amazonas gearbeitet. Um an das Aluminium zu kommen, mussten meine Kollegen alle Bäume fällen. Sie sind mit einem riesigen Traktor in den Wald gefahren – er hieß „Titanic“ – und hat einfach alles mitgenommen, was vor ihm lag.
Eines Tages sollten wir einen riesigen Baum untersuchen, bei dem die Gefahr bestand, dass er auf eine Bahnlinie fällt. Man hätte zehn Menschen gebraucht, um ihn zu umarmen. Als wir ankamen, flogen plötzlich rote Aras um uns herum, große Papageien. Sie haben geschrien, immer wieder, als wollten sie sagen: „Geht weg. Nehmt uns diesen Baum nicht.“
Das war ein wirklich intensiver Moment. Da habe ich verstanden, dass ein Baum nicht nur für den Menschen da ist. Er ist Lebensraum für viele andere.

Du hast damals daran mitgewirkt, dass Bäume gefällt wurden. Wie gehst du heute damit um?
Ich war verantwortlich dafür, Genehmigungen einzuholen, damit Bäume gefällt werden konnten. Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin schuldig – als müsste ich das Leben von vielen Bäumen wieder gutmachen. Aber gleichzeitig habe ich dort auch viel gelernt. Wissen, das ich heute anwenden kann, damit die Menschen Bäume besser verstehen.
Außerdem wurde mir klar, dass wir die Ausbeutung der Ressourcen unserer Erde nicht ignorieren können: Aluminium zum Beispiel braucht jeder von uns, wenn er ein Handy nutzt. Ich verstand: Es geht darum, bewusster zu leben – also letztlich, weniger zu konsumieren.
Fühlst du dich als eine Art Stimme für Lebewesen, die nicht sprechen können?
Vielleicht, ja. Ich versuche, den Menschen zu zeigen, dass ein Baum wirklich ein Lebewesen ist. Die meisten wissen das – sie haben es in der Schule gelernt, aber sie spüren es nicht.
Für viele ist ein Baum einfach da. Oder er stört: Er macht Dreck, verursacht Allergien, hebt den Gehweg an. Dabei passiert im Baum unglaublich viel: Er transportiert Wasser, schickt Signale, reagiert, wenn man ihn schneidet. Er ist ein sehr intelligentes Wesen. Und sehr altruistisch: Er gibt Schatten, Früchte, Schönheit – und verlangt nichts dafür.

Du hast einmal einen Baum mit einer Fabrik verglichen. Wie funktioniert diese „Fabrik“?
Die Wurzeln nehmen Wasser und Mineralstoffe aus dem Boden auf – das ist die Rohware. Diese wird nach oben transportiert, zu den Blättern. Jedes Blatt ist wie ein kleiner „Arbeiter“. Mit Hilfe von Licht und Kohlendioxid produzieren sie Zucker – also Energie für den Baum. Und dabei entsteht Sauerstoff.
Es ist tatsächlich die einzige Fabrik auf unserem Planeten, die Kohlendioxid aufnimmt und Sauerstoff abgibt. Alle anderen machen es umgekehrt.
Und wenn der Mensch etwas im Baum verändert – zum Beispiel Äste abschneidet –, gerät dieses System aus dem Gleichgewicht. Dann muss der Baum reagieren, Ressourcen umverteilen, neue „Arbeiter“ produzieren. Es ist ein unglaublich komplexes, aber sehr effizientes System.
Du sagst, Baumwurzeln reichen nicht so tief in die Erde, wie viele denken. Wie wachsen sie dann?
Der Baum wächst nur dort, wo es nötig ist. Die Wurzeln breiten sich seitlich aus, um Stabilität zu geben – wie die Seile bei einem Zelt. Und sie suchen Wasser. Wenn genug Wasser da ist, bleiben sie nah an der Oberfläche. Wenn nicht, gehen sie weiter. Deshalb wachsen Wurzeln in Städten manchmal in Rohre hinein. Nicht, weil sie „böse“ sind, sondern weil sie Wasser suchen.
Hast du einen Lieblingsbaum?
Ja. In Montevideo, im Prado-Park, gibt es einen wirklich großen Feigenbaum (Ficus). Für mich ist er der schönste Baum der Stadt. Seine Wurzeln sind so groß, dass man sich zwischen sie stellen kann. Man kann den Riesen fast ganz umarmen.
Ich besuche den Ficus immer wieder. Gestern bin ich vorbeigekommen und habe ihm einfach Hallo gesagt.
Wie ist die Situation der Bäume in Uruguay im Vergleich zu Brasilien?
Was mich am Anfang überrascht hat, war die Anzahl der Bäume in den Städten in Uruguay. In Brasilien sind die Straßen viel leerer und trockener. Hier in Uruguay sind selbst kleine Orte oft sehr grün. Es gibt viele Bäume, auch wenn sie nicht immer perfekt gepflegt sind. Aber sie sind da. Das war auch einer der Gründe, warum ich geblieben bin.
Was haben die Bäume mit dir gemacht – nach all den Jahren?
Ich habe heute einen tiefen Respekt vor ihnen. Sie sind für mich ein Ort der Ruhe geworden. Wenn ich gestresst bin, gehe ich zu Bäumen, die ich mag.
Aber vielleicht das Wichtigste: Sie haben mich demütiger gemacht.
Wenn man versteht, wie lange Bäume leben, merkt man, wie klein wir sind. Wir sind vielleicht bis zu hundert Jahre auf der Erde – und dann gehen wir wieder. Die Bäume bleiben. Sie sehen viele Leben, viele Geschichten.
Das relativiert Vieles. Man versteht, dass nicht alles um uns selbst kreist. Und es hilft, mehr Empathie zu entwickeln – für unsere Mitmenschen und andere Lebewesen.

Die Geschichte hinter der Geschichte
Ana Paula Coelho lernte ich in der Biblioteca de Información Turística (BIT) in Colonia del Sacramento kennen. Ich arbeitete fast jeden Tag dort, denn im BIT gibt es Tische, Internet - und dazu noch einen schönen Ausblick, kurz: Es ist ein idealer Ort zum Schreiben. Ana Paula bereitete sich hier auf ihren Vortrag im benachbarten Kulturzentrum vor, als wir ins Gespräch kamen.Sie erzählte von ihrer Reise durch Deutschland, ich von meinen Brasilien-Erfahrungen. Über ihren Beruf sprachen wir wenig, aber sie lud mich kurzerhand zu ihrem Vortrag zum Thema „Baumschnitt“ ein.

Vermutlich war ich der einzige Nicht-Einheimische im Vortragssaal, die meisten wohl Angestellte der Stadt oder des Departamentos, die etwas für ihren Berufsalltag lernen wollten. Mir gefiel, wie anschaulich und persönlich Ana Paula über Bäume sprach. Also bat ich sie um ein Interview.
Dies ist nun schon mein zweiter Text auf Mosaik, in dem es um Bäume geht. Tatsächlich habe ich mir in letzter Zeit immer wieder Gedanken gemacht über Bewegung und Verwurzelung. Gerade im vergangenen halben Jahr bin ich sehr viel unterwegs gewesen, habe unzählige Orte in Südamerika kennen gelernt. Es war eine intensive und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte.
Gleichzeitig tat es mir gut, von Ende März bis Anfang Mai in Colonia - also länger als an allen anderen Orten in Südamerika -gewesen zu sein. Routinen zu entwickeln, an Lieblingsorte immer wieder zurückzukehren, Menschen besser kennen zu lernen. Und vor allem zur Ruhe zu kommen.
Ob Colonia ein Ort ist, um mich irgendwann für längere Zeit niederzulassen? Möglich. Gut verankert fühlte ich mich jedenfalls jetzt schon.
