Basso hat einen Plan. Genauer gesagt hat er keinen Plan. Aber um diesen zu finden, hat er fürs Erste einen Plan gemacht. Er ist aufgebrochen in die Wüste. Die Sahara, die größte der Welt.
Alles, was er dafür braucht, hat er auf sein Motorrad gepackt. Drei verschiedene Navigationsapps, alle offline verfügbar, eine Karte und sogar einen Kompass - in der Wüste gibt es schließlich nicht immer Netz. Ein Zelt, eine isolierte Isomatte, einen Winterschlafsack, beides für die kalten Nächte. Selbst ein kleines Teleskop hat es in seine Gepäckbox geschafft. Der Sternenhimmel in der Sahara sei magisch, so hat er es gelesen in den zahlreichen Reiseführern, die er vor seinem Trip gewälzt hat.
Den Nachthimmel in der Sahara möchte er bestaunen. Ganz allein - denn nur so, glaubt Basso, bekommt er eine Antwort auf seine Frage. Jene Frage, die ihn seit zwei Monaten nicht mehr schlafen lässt: Was um Himmels Willen soll er tun? Wo ist der Plan? Der Plan für sein Leben.

Bis vor zwei Monaten hatte er stets einen. Besser gesagt: Sein ganzes Leben war ein Plan - ein einziger Masterplan. Schule, Studium, Arbeit in der Firma des Vaters - einem der größten Hersteller für Dachfenster in Italien - und nach dessen Ausscheiden mit seinem Bruder gemeinsam das Unternehmen weiterzuführen. Tag für Tag, Jahr für Jahr, Exceltabelle für Exceltabelle.
Ein neues Leben
Vor drei Jahren schließlich begann er, an diesem Weg zu zweifeln. Ein Freund aus Schulzeiten hatte ihm von seinem Aussteigerleben erzählt. Wie er statt Arbeitszeit und Geld nun Abenteuer und Erlebnisse zählt. Er war es auch, der Basso auf die Idee mit der Wüste brachte. „Wenn du den Himmel in der Sahara siehst, weißt du, warum du am Leben bist.“ Das hatte er ihm gesagt. Und seither hat Basso der Gedanke an die Wüste nicht mehr losgelassen.
Wie er es gewohnt war, machte er einen Plan, einen Ausstiegsplan. Drei Jahre gab er sich Zeit, um alles zu übergeben. An seinen Bruder und dessen Sohn. Diese wiederum sollten ihm dafür seinen Anteil auszahlen. Und wie der Plan gemacht war, wurde er von allen Beteiligten auch umgesetzt. Der Plan war erfüllt und es sollte sein vorerst letzter sein.
Er war nun frei, atmete er durch, schlief aus und tat, worauf er Lust hatte. Morgens entspannt im Café sitzen, gut „mangiare“ zum Mittag, dann eine gemütliche Siesta und abends wieder gut „mangiare“…
Die neue Planlosigkeit
Doch schon nach kurzer Zeit fühlte er eine diffuse Unsicherheit innerlich aufsteigen. Wo war der Plan? Wie sollte es weitergehen? Er war gerade fünfzig geworden und definitiv zu jung, um nur noch im Café zu sitzen und sich von Mahlzeit zu Mahlzeit zu faulenzen.

Es brauchte eine Lösung. Es brauchte einen Plan! In diesem Moment erinnerte er sich wieder an die Worte seines Freundes: „Wenn du den Himmel in der Sahara siehst, weißt du, warum du am Leben bist.“ Genau das war die Frage, auf die er eine Antwort suchte. In der neuen Welt der Planlosigkeit hatte er die Worte seines Freundes beinahe vergessen. Doch nun machte alles einen Sinn.
„Desertrose“
Gleich am nächsten Tag ging Basso zum Motorradhändler. Nach stundenlanger Analyse aller technischen Details entschied er sich für das Modell „Desertrose“.
Und so startete er an einem regnerischen Novembertag mit der neu gekauften Maschine von seinem Zuhause in Genua aus Richtung Barcelona. Dort bestieg er ein Schiff, das ihn in die marokkanische Hafenstadt Tanger brachte. Den größten Hafen Afrikas.

Mehrere Tage fuhr er durch die kurvigen Bergstraßen Nordmarokkos. Um in die Wüste zu kommen, musste er zunächst den Atlas überqueren, dessen höchster Gipfel mehr als 4000 Meter das nahegelegene Meer überragt.
Am Ziel der Pläne
Nach zehn Tagen schließlich war er angekommen in der Sahara. Dem Ziel seiner Pläne…

Auch wenn es eigentlich zu kalt dafür war, schlief er in dieser ersten Nacht nicht in seinem Zelt. Nur in seinen Schlafsack eingepackt lag er auf der Anhöhe einer vom Wind geblasenen Sanddüne und betrachtete den Nachthimmel.
Sein Freund hatte nicht übertrieben. Es war magisch. Er hätte schon längst schlafen sollen, konnte seine Augen aber einfach nicht schließen. Zu schön war das Kunstwerk, das die Wüste ihm in dieser Nacht schenkte. Er konnte sie alle sehen: Den kleinen, wie den großen Wagen, Schütze, Wassermann und den Widder. Alle versammelt im leuchtenden Band der Milchstraße.
Fragen
Nach wessen Plan dieser gigantische Sternenhimmel wohl entworfen worden war, begann er sich zu fragen.
War es Zufall, dass dieser Stern an jenem Punkt stand, oder hatte irgendjemand berechnet, dass man ihn genau an diesen Ort platzierte, damit aus der Summe seiner Brüder und Schwestern ein so stimmiges Gesamtkunstwerk würde?

Möglicherweise gab es einen Plan und einen, der ihn machte. Doch musste dieser jemand von solcher Genialität, Weisheit und Weitsichtigkeit sein, dass Basso allein schon der Gedanke daran Kopfzerbrechen bereitete.
Wenn, so dachte er sich weiter, es einen Plan für das ganze Universum gab, musste es doch auch einen für sein Leben geben… Schließlich war er mit seinem Leben auch ein Teil des großen Ganzen.
Das Ende der Planbarkeit
Ruhig lag er da. Vielleicht war es gar nicht er, der den Plan für sein Leben zu machen brauchte. Vielleicht gab es bereits einen Plan und er musste nur genauer hinsehen, zuhören, fühlen, was die Stimme des unsichtbaren Planmachers ihm zuflüsterte.
Sein ganzes Leben lang hatte er geglaubt, die Fäden seines Lebens in den Händen gehalten zu haben. Sein Erfolg war das Produkt zielstrebiger Planung und plangetreuer Umsetzung. Das Scheitern der anderen Schwäche und Misskalkulation. Er atmete langsam und leise angesichts der in ihm arbeitenden Erkenntnis:

Wie klein und unbedeutend er doch war. Aber wie schön zugleich die Vorstellung, dass es da jemanden geben musste, der für alles einen Plan gemacht hatte, der Sorge dafür trug, dass alles kommen würde, wie es kommen sollte. Er musste es nicht verstehen. Vielleicht gab es da jemanden, der alles mit Weisheit überblickte, der einen Plan hatte. Auch für ihn. In diesem Moment fühlte Basso eine Wärme in sich aufsteigen. Er atmete ruhig. Wenige Augenblicke später war er eingeschlafen.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Basso habe ich auf dem Schiff von Frankreich nach Marokko kennen gelernt. Er heißt eigentlich Roberto, aber seine Familie und all seine Freunde nennen ihn einfach nur Basso. Er saß mit einer Gruppe von „Bikern“ zusammen, die sich alle unabhängig voneinander nach Afrika aufgemacht hatten, und hat Mundharmonika gespielt. Als er gesehen hat, dass ich ein Musikinstrument auf dem Rücken trage, hat er mich eingeladen mitzuspielen. Wirklich harmoniert hat es ehrlich gesagt nicht, aber dafür haben wir danach zusammen Kaffee getrunken und er hat mir von seiner Sinnreise in die Wüste erzählt.

Wie diese für Roberto verlaufen ist, nachdem wir das Schiff in Tanger verlassen haben, weiß ich natürlich nicht. Ich habe sie einfach fortgeschrieben.
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