„Liebe Carina“, tönt eine sanfte Stimme durch die Lautsprecher des Zirkus, „ich bin auf der Durchreise - ich bin um zwölf Uhr am Mitfahrbänkchen, dem Ort, an dem wir uns auf dem Wochenmarkt getroffen haben - Liebe Grüße, Shunya.“ Eine träumerische Melodie schwebt durch den Raum. Im nächsten Moment hebt Shunya ab, fängt an zu schweben, höher und höher. Staunend blicken dutzende Kinderaugen in die himmelblaue Kuppel des Zirkuszeltes. Gleich eines Propellers wirbelt Shunya durch den darunter hängenden Luftring. Mal hängt sie kopfüber an den Spitzen ihrer Füße unterm Ring, mal spielt sie Geige darin oder jongliert. Nach jedem neuen Stunt klatschen die Kinder begeistert.
„Ich habe mich schon immer gerne bewegt und nie damit aufgehört“, erklärt die 27-Jährige ihre Liebe zum Zirkus. Über den Kinder- und Jugendzirkus in ihrer Heimat Müllheim in Südbaden konnte sie sich vor rund zwanzig Jahren das erste Mal an Jonglierbällen, Einrad und Luftring versuchen - und blieb dabei.
Dreimal in der Woche trainierte sie fortan. An Wochenenden hatte sie zudem häufig Auftritte. „Der Zirkus war für mich wie eine kleine Familie“, so Shunya. Schon damals war der Zirkus für sie mehr als nur ein Hobby. „Es war die einzige Sache in meinem Leben, für die ich wirklich gesehen wurde. Ich war nicht gut in der Schule und habe viel an mir gezweifelt. Irgendwann waren meine Lehrer mal bei einem meiner Auftritte und von da an hat sich ihr Blick auf mich geändert.“ Das Gesehenwerden und immer neue kleine Erfolge an Luftring, Einrad und Co. machten Mut.
Den Zweifeln zum Trotz
Nach der Schule wollte sie auf eine professionelle Zirkusakademie - eine Universität für Zirkusartisten. Ihrer Leidenschaft zu folgen, das war es, was sie wollte, wovon sie träumte. In mehreren Ländern bewirbt sie sich auf die begehrten Plätze der Zirkusschulen. „Am Anfang habe ich viele Absagen bekommen“, so Shunya. In ihren Traum vom Zirkus mischen sich erste Zweifel: „Bin ich gut genug? Sind die anderen nicht viel besser als ich?“, fragt sich Shunya in dieser Zeit wieder und wieder. Sie steht am Scheideweg. Den Traum vom Zirkus weiterverfolgen - oder etwas anderes machen? In einem Moment der Zuversicht trifft sie eine Entscheidung:
Mit Geld, das ihre Großtante ihr zum Abitur schenkt, finanziert sie sich einen mehrwöchigen Zirkusworkshop in Barcelona. Dort erfährt sie von der Accademia Cirko Vertigo in Turin. Sie bewirbt sich - und wird genommen. „Es war wie ein Traum, der wahr wurde“, so Shunya. Mit 15 anderen Nachwuchsartisten arbeitet sie dort für die nächsten zwei Jahre an ihren artistischen Fähigkeiten. Daneben lernt sie Italienisch, um einen Zugang zu den Menschen vor Ort zu bekommen. „Durch die Sprache habe ich die italienische Kultur nochmal neu entdecken dürfen“, sagt Shunya.

Auf der Accademia lernt sie auch Carina kennen. In den Wirrungen der Coronapandemie, die zu dieser Zeit auch vor dem Zirkusleben nicht haltmachte, entwickelt sich schnell eine enge Freundschaft zwischen den beiden. „Sie war die die einzige Deutsche neben mir in der Schule“, sagt Shunya. Neben dem gemeinsamen Training sind sie vor allem emotional füreinander da. „Carina war für mich immer die erste Anlaufstelle und ich umgekehrt für sie.“ Für einige Wochen hatte Shunya zudem kein Zimmer in Turin. "In dieser Zeit hat Carina sogar ihr Bett mit mir geteilt.“
Weiter nach Frankreich
Nach einer intensiven Zeit in Turin ging es für Shunya weiter ins französische Bordeaux. Für zwei weitere Jahre lernte sie an der dortigen Zirkusschule. Eine Sache blieb ihr dabei besonders in Erinnerung: „Es gab in den beiden großen Zirkuszelten, in denen wir lernten, nur eine einzige Heizung.“ Vor dieser hätten sich regelmäßig alle versammelt, um sich wieder aufzuwärmen. Auch sonst habe die Schule viel gefordert: „Meine Tage waren aufgeteilt in Training, Essen und Schlafen - dazwischen haben wir Auftritte gehabt oder Auftritte anderer Zirkusartisten angeschaut. Das war an unserer Schule Pflicht.“
Ein Ritual jedoch ließen sich Shunya und ihre Freunde an der Zirkusschule nicht nehmen: „Jeden Samstag sind wir auf den Wochenmarkt gegangen. Wir haben das Gemüse, das nicht verkauft und sonst weggeschmissen worden wäre, gesammelt. Manchmal hat uns ein Marokkaner auch Minztee oder Falafel geschenkt.“ Anschließend kochten Shunya und ihre Freunde. „Wenn wir viele Bananen bekommen haben, haben wir daraus Bananenbrot gemacht, wenn wir Gemüse hatten eine Suppe oder ein Curry“, so Shunya.

Mit der Zeit entwickelte sich sogar die ein oder andere Freundschaft zu den Betreibern der Marktstände. „Eine Frau hat ihr nicht verkauftes Gemüse extra für mich aufgehoben. Sie wollte es immer wieder mir geben“, so Shunya.
Die Geschichte einer Freundschaft
Solche Begegnungen verarbeitete Shunya unter anderem in ihren Tagebüchern. „Ich habe schon lange regelmäßig Tagebuch geschrieben.“ In Bordeaux habe sie aber fast täglich geschrieben und zum Teil „ganze Romane“ so Shunya. Neben schönen Erinnerungen sind die Tagebucheinträge über diese Zeit auch eine Quelle der Kreativität und Inspiration für sie geworden.
Über ihre Zeit in Bordeaux verlieren sich Carina und Shunya aus den Augen. Während Shunya ihren Weg im Zirkus weiterverfolgte - entschied sich Carina nach den schweren Zeiten für Zirkusartisten während der Coronapandemie für eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Auf der Suche nach einer Partnerin für ihre eigene Show meldet sich Shunya nach drei Jahren wieder bei Carina. Diese muss nicht lange überlegen: Sie ist dabei. Das Band ihrer Freundschaft verbindet die beiden noch immer - bis heute.
Gemeinsam erarbeiten sie ihre Show „Hoch hinaus - Tief verbunden“, eine moderne Zirkuserzählung. "Für mich geht es im modernen Zirkus nicht so sehr um möglichst halsbrecherische Akrobatik-Stunts - sondern mehr darum, eine Geschichte zu erzählen“, so Shunya. Was sie erzählen, ist ihre eigene Geschichte - eine Geschichte von Freundschaft im Wandel der Zeit, mit Trapez, Einrad, Akkordeon und Geige.

Kinder beim Träumen begleiten
Neben ihrer eigenen Show wird Shunya zwischenzeitlich von Zirkussen in Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz gebucht. „Ich arbeite mit Kindern und mache mit ihnen Zirkus.“ Vor allem gehe es ihr darum, junge Menschen für den Zirkus zu begeistern. „Ich möchte, dass sie Vertrauen haben können in ihre Fähigkeiten. Dass sie sich gesehen fühlen und sich trauen, zu träumen - auch von Dingen, die sie sich selbst nicht zutrauen.“ Mehr als 3000 Kinder hat Shunya in den vergangenen Jahren im Kinderzirkus begleitet. „Manchmal kommen Kinder nach dem Workshop zu mir uns sagen, dass sie wegen mir mit dem Zirkus anfangen wollen. Das berührt mich jedes Mal sehr. Die nächste Generation ist für mich sehr, sehr wichtig.“
Am Ende von Shunyas Show im Zirkuszelt mit der himmelblauen Kuppel schwebt Carina am Trapez langsam zu Boden. Zwischenzeitlich hing sie nur noch an den Zehenspitzen kopfüber von der Decke des Zeltes. Angst, dass sie herunterfallen könne, habe sie aber keine. Denn tief im Inneren weiß sie: Das Band ihrer Freundschaft hält sie.
Die Geschichte hinter der Geschichte
Shunya und ihre Geschichte habe ich vor etwas mehr als einem Jahr kennen lernen dürfen. Sie hat einen Schlafplatz in meiner Heimat Ravensburg gesucht und mir deshalb über die Plattform Couchsurfing geschrieben. Zwei Tage verbrachte sie in Ravensburg. Ich war begeistert von ihrem Leben als Zirkusartistin. Vergangenen August hatte sie einen Auftritt in meiner Nähe. Den Auftritt nahm ich zum Anlass, mehr über ihre Geschichte zu erfahren.
Was mich besonders an Shunya fasziniert ist ihre Vielseitigkeit: Da sie vor allem im Sommer im Zirkus arbeitet, begleitete sie in der Vergangenheit im Winter etwa Frauen bei Geburten als Geburtshüterin. Wenn man mit Shunya spricht, fühlt man zudem vor allem eines: Zuversicht.

