Zwischen den Welten

Ein gutes Leben - das war es, was Jalils Eltern einst dazu bewog, Marokko zu verlassen und nach Europa zu gehen. Doch was genau ist ein gutes Leben eigentlich...?

„Jalil, du musst jetzt nach Hause gehen - bei uns gibt es Abendessen“, schallt eine helle Frauenstimme von unten hinauf in Petes kleines Kinderzimmer.

Ungläubig blickt Jalil rüber zu Pete. Zwei große Fragezeichen stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Etwas verlegen zur Seite schauend zuckt dieser mit den Schultern: „Wir sollten runter gehen. Mama wartet schon“, flüstert er nach einem Moment der Stille. Vorsichtig schleichen beide hinunter ins Wohnzimmer.

„Ihr könnt euch gerne morgen wieder treffen, aber jetzt gibt es bei uns Abendessen“, erklärt Petes Mutter. Noch immer ungläubig blickt Jalil sie an. Als wolle sie ihrer Bitte aber ein wenig Nachdruck verleihen, hält sie bereits ihre Hand an die Klinke der Haustüre.

Schweigend schlüpft Jalil in seine Schuhe und nimmt seine dunkelblaue Strickjacke. Ein letztes Mal schaut er zu Pete - seinem besten Freund - dann verlässt er das Haus.

Langsam und ohne seine üblichen Abkürzungen zu nehmen, macht er sich auf den Heimweg. „Warum machen sie das…?“, flüstert er leise in sich hinein. Langsam rinnt eine Träne über seine Wange. Sie kommt an seiner Lippe zum stehen. Dann noch eine. Und noch eine. Erst durch den leicht salzigen Geschmack auf seiner Zunge fühlt er, dass er weint.

Mit gesenktem Kopf geht er die letzten Meter nach Hause. Es ist sieben Uhr und in den Straßen von Tillburg ist es unheimlich still.

Eine andere Welt

Daheim angekommen hält Jalil kurz inne. Ein buntes Gemisch aus Stimmen im Inneren des Hauses bringt etwas Freude zurück in sein Herz. Aufmerksam lauscht er den vertrauten Stimmen. Dann drückt er den großen quadratischen Schalter, der jenes laute Klirren auslöst, das ihn noch immer durch Mark und Bein fährt, wenn es durch seine Ohren dringt. Einen kurzen Augenblick später öffnet seine Mutter die Tür.

„Ist alles gut, mein Liebling?“, fragt sie. Sofort hatte sie den angetrockneten Tränenrinnsaal im Gesicht ihres Sohnes bemerkt. Einen Moment zögert Jalil, dann aber erzählt er Hakima, wie er nach Hause geschickt wurde und, dass Petes Familie lieber ohne ihn Abendessen wollte.

Behutsam streichelt sie über Jalils Kopf: „Sei nicht traurig. Das hat nichts mit dir zu tun.“

„Wirklich nicht?“, fragt Jalil, zu Hakima aufblickend, sodass ihre Hand von seinem Kopf über sein Gesicht rutscht.

„Nein, mein Schatz, es hat wirklich nichts mit dir zu tun. Komm, ich habe uns einen große Platte Couscous gemacht.“

Jalils Augen leuchten: „Couscous!“
Schnell rennt er ins Wohnzimmer, wo Brahim, sein Vater, mit zwei Freunden sitzt. Mit einem kräftigen Satz springt er ihm auf den Schoß.

„Na, mein Großer, hast du Hunger?“
Eifrig nickt Jalil. „Sag bitte auch Aziz und Rachid Hallo“, bittet Brahim.

Anständig begrüßt Jalil die beiden Freunde seines Vaters. Bis spät am Abend teilen sich alle die große Couscousplatte. Auch Jalils Brüder und seine Schwester stoßen über den Abend verteilt nach und nach dazu. Sie reden, lachen und genießen den Couscous, zu dem sie Hähnchen, Gemüse, karamellisierte Zwiebeln und Kichererbsen essen.

Zufrieden legt Jalil sich an diesem Abend in sein Bett. An den Schmerz, den er am frühen Abend auf dem Nachhauseweg noch gespürt hatte, denkt er nicht mehr. Rasch schläft er ein.

Ein gutes Leben..

Hakima aber findet keinen Schlaf. Nachdenklich starrt sie an die graue Decke ihres Schlafzimmers. „Meinst du, es war die richtige Entscheidung?“, fragt sie Brahim, der sich zuvor mehrfach von der einen auf die andere Seite gewälzt hatte.

Fragend blickt dieser sie an: „Wie meinst du das?“

Wie Jalil zuvor ihr erzählt sie ihm, was ihrem Sohn widerfahren war.

Geduldig hört Brahim sich die Geschichte an. Tief atmet er ein, dann aus: „Du kannst mir glauben, es vergeht kein Tag an dem ich Essaouira nicht vermisse. Das Leben in den Straßen, unsere Sprache, unser Essen, einfach alles.

Aber erinnerst du dich noch: Vor drei Jahren haben wir uns gemeinsam entschieden Marokko zu verlassen. Wir haben gesagt, wir tun es für unsere Kinder.“

Ihre Augen schließend nickt Hakima, während sie langsam und mit einem Seufzen ausatmet. „Ja, ich weiß.“

„Aber..?“, fragt Brahim, ahnend, dass ihr noch etwas auf dem Herzen liegt.

„Manchmal bricht es mir einfach das Herz zu sehen, welchen Preis wir dafür zahlen.“

Einen Moment ist es still. „Willst du wieder zurück?“, brummt Brahim. Aus seiner Stimme klingt Ernsthaftigkeit.

„Nein, so habe ich das nicht gemeint“, entgegnet Hakima schnell.

„Aber du denkst manchmal daran?“

„Im Herzen, ja. Der Kopf aber sagt jedes Mal: Hier haben wir ein besseres Leben. Wir haben Jobs, von denen wir gut leben können. Wenn wir krank sind, werden wir gut versorgt. Unsere Kinder können lernen, vielleicht irgendwann studieren, und eine Arbeit finden, mit der auch sie eines Tages ein gutes Leben leben können. Hier haben sie Möglichkeiten, die sie Zuhause nicht hätten. Und das ist es, was wir wollten: dass sie es eines Tages besser haben als wir.“

Erneut ist es still, dann fährt sie fort: „Es tut mir leid, ich wollte nicht wieder alles in Frage stellen.“

„Sag das nicht, ich verstehe deinen Schmerz. Und weißt du: Mir geht es doch genauso.“

Wo sind die Menschen, das Leben?

Wenn ich hier durch die Stadt laufe, frage ich mich manchmal, wo sie sind - die lachenden Kinder, die durch die Straßen jagen. Unbeschwert und voller Freude.

Die kleinen Begegnungen an beinahe jeder Straßenecke - „Salaam Alykoum, ayakoum Salam!“

Die Alten mit so viel gelebtem Leben in ihrem Gesicht, die ihre Hand ans Herz halten und dir Gottes Segen wünschen.

Die Frauen, die in den Straßen so herrlich duftende Batbout (Fladenbrote) backen.

Die Händler, bei denen du alles kaufen kannst, was deine Augen zum Leuchten bringt: Fische, die noch vor ein paar Stunden im Ozean schwammen, Avocados, weich und voller Geschmack, Mandeln und Walnüsse, Orangen und Datteln. Wo sind die Menschen? Das Leben?

Vorsichtig nimmt Brahim Hakimas Hand: „Liebling, ich weiß, wie du dich fühlst. Aber du hast es eben auch so richtig gesagt: Es ist der Preis den wir bezahlen.

Aber trotzdem möchte ich, dass wir nicht aufgeben. Wir schaffen das. Und eines Tages können wir vielleicht wieder zurück. Wenn unsere Kinder ihr eigenes, gutes Leben haben…“

30 Jahre später

„Jalil, pass auf! Die Ampel ist rot.“ Die linke Hand vor sein Gesicht haltend dreht Pete seinen Kopf beschämt zur Seite. Um den Anschluss nicht zu verlieren, tritt aber auch er in die Pedale und rast über die rot leuchtende Ampel.

„Wenn ich an jeder Ampel anhalte, die rot ist, ist unsere Tajine kalt, bis wir am Meer angekommen sind“, entgegnet Jalil.

„Außerdem sind wir hier nicht in Holland.“

Mit den Augen rollend murmelt Pete: „Du musst es wissen.“

Wenige Minuten später sind beide am Strand angekommen. Ihre Räder verstecken sie in einem dornigen Busch am Straßenrand. „Ich zeige dir den schönsten Sonnenuntergang in ganz Marokko“, strahlt Jalil.

„Vergiss die Tajine nicht!“

„Keine Sorge - hier, nimm das Brot - ich bringe die Tajine.“

Schnaufend kraxeln beide die steile Düne, die der unablässig blasende Nordwind am Stadtrand von Essaouira aufgetürmt hat, hinauf. Auf dem Weg nach oben kommt ihnen eine kleine Kamel-Karawane entgegen.

„Wow, das ist das erste Mal, dass ich Kamele sehe“, schwärmt Pete. Kurze Zeit später erreichen sie den höchsten Punkt der Düne.

„Lass uns hier essen“, sagt Jalil, während er einen bunt bestickten Stoffteppich auf dem Rand der Windkante ausbreitet.

Darauf stellt er den runden Tajinetopf. Als würde er eine Zeremonie beginnen, hebt er den kaminförmigen Deckel. Dampf quillt hervor.

„Wow, sie ist noch immer warm“, strahlt Pete und setzt sich gegenüber von Jalil vor den Topf.

Dieser reicht ihm einen runden Brotfladen: „Lass es dir schmecken!“

„Danke, aber wo ist das Besteck?“, fragt Pete, die Picknickdecke nach Messer und Gabel absuchend.

Jalil lacht: „Tajine isst man mit Brot und den Fingern - schau her, ich zeige es dir.“

Ein kleines Stück Brot in der Hälfte aufklappend, schnappt er sich ein Stück Fleisch mit etwas Bohnen und Zwiebeln, tränkt es im Olivenöl, das weiter unten im Topf schwimmt und steckt es sich anschließend genüsslich in den Mund.

Etwas unbeholfen aber neugierig tut Pete es ihm gleich. Mit jedem Versuch bekommt er mehr von dem duftenden Fleisch und den Bohnen zwischen die Finger. Reflexartig putzt er sich nach jedem Bissen seine öligen Finger ab. Zwar weiß er, dass es keinen Sinn macht, aber irgendwie kann er dem Drang, seine Finger zu säubern, einfach nicht widerstehen.

Während Pete mit seinen Fingern kämpft, blickt Jalil nach unten, wo sich drei Gestalten den sandigen Anstieg hinaufquälen. Erst als sie näher kommen erkennt Jalil, dass es Houssein mit zwei weiteren Freunden ist. „Hey Houssein“, ruft Jalil

Oben angekommen, begrüßen sich alle. Stirn an Stirn, links und rechts. „Ich zeige meinem Freund aus Holland den schönsten Sonnenuntergang in ganz Marokko“, erzählt Jalil.

„Setzt euch, wir haben Tajine mit Lamm, Bohnen, Zwiebeln und Rosinen. Und hier ist Brot.“

Zu fünft um den Tajinetopf sitzend genießen sie den Moment. Möwen ziehen vom Wind getragen an ihnen vorbei, das Brüllen der Wellen verhallt auf dem Weg hinauf zur Düne in ein sanftes Rauschen und noch immer duftet die Luft so herrlich nach den Gewürzen und Aromen der Tajine.

Je öfter er es wiederholt, umso besser mixt Pete Brot, Fleisch, Zwiebeln, Bohnen und Öl. Die marokkanische Melange in seinem Mund tut ihr Übriges.

„Wow“, schmatzt er, während er staunend beobachtet, wie der letzte Sonnenstrahl hinter einer kleinen vorgelagerten Insel im Ozean versinkt.

Es ist still. Keiner spricht. Selbst der zuvor noch über die Dünenkante tobende Wind hat mittlerweile nachgelassen. Nach und nach verblasst die feurige Röte am Himmel und geht in ein bläulich violettes Farbenmeer über. „Der Himmel versinkt im Meer“, denkt sich Pete, „oder das Meer im Himmel…“

Als hätte er seine Gedanken gelesen, lächelt Ayoub ihn an. Pete lächelt zurück: „Ich glaube, jetzt verstehe ich, warum du zurückgekehrt bist…“

Die Geschichte hinter der Geschichte

Jalils Geschichte geht zurück auf zwei Brüder - Soufiane und Ottmar. Soufiane habe ich beim Frühstücken in „meinem Viertel“ in Essaouira kennen gelernt. Wir sind beides Gewohnheitstiere und gehen stets in den immergleichen Imbiss am Morgen. Bei Omlette und Tee hatten wir immer gute Gespräche und so hat er mich eines Tages zu sich nach Hause eingeladen. Es war Ramadan und ich durfte zusammen mit ihm und seinem Bruder am Abend das Fasten brechen.

Beide sind in den Niederlanden geboren. Ihre Eltern aber kommen aus Essaouira. Wir sprachen über die kulturellen Unterschiede zwischen den Niederlanden, beziehungsweise Europa und Marokko und ihre Sehnsucht nach dem Land ihrer Vorfahren. Gemeinsam mit ihrer Mutter - ihr Vater ist früh verstorben - wollen sie wieder zurück nach Essaouira. Derzeit renovieren sie ein Haus außerhalb der Stadt, dass sie zukünftig vermieten wollen, um so wieder ein erstes Standbein im Land zu haben.

Im Laufe unseres Gespräches erzählt Ottmar mir dann eine Geschichte, die mich schmunzeln lässt. Er sagt: „Weißt du, Niklas, wenn ich in meiner Kindheit (in den Niederlanden) bei meinem besten Freund zuhause war, kam abends seine Mutter und sagte: ,Ottmar, du musst jetzt nach Hause gehen. Bei uns gibt es jetzt Abendessen.’“

Das vielleicht beste Omlette von Essaouira. Hier haben Soufiane und ich uns kennengelernt.

Was er damit sagen wollte, war: Während er es durch sein marokkanisches Elternhaus gewohnt war, Gästen stets etwas zu essen anzubieten, war er bei der Familie seines besten Freundes gefühlt nicht erwünscht. Selbstverständlich war das keine Böswilligkeit der Familie seines Freundes. Es war ein kleines Detail, das, wie er rückblickend sagt, die beiden Kulturen auf sehr treffende Weise beschreibt.

In Marokko, so habe ich es selbst mehrfach erlebt, wird man als Gast beinahe genötigt, mitzuessen. Insbesondere im nördlicheren Europa dagegen ist die Ess- und Gastkultur eine andere. Spontan das Essen zu teilen und Gäste willkommen zu heißen ist, zumindest meiner Erfahrung nach, eher selten. Wenn dann bereitet man eine Einladung vor und trifft sich an einem zuvor ausgemachten Tag.

Auch die Art und Weise, wie man gemeinsam isst, unterscheidet sich und sagt wohl ebenfalls viel über die beiden Kulturen aus. In Marokko teilt man in der Regel eine Pfanne oder einen Topf. Der bekannteste ist die Tajine. Ein rundlicher Tonkochtopf mit kaminförmigem Deckel, in dem Fisch, Fleisch, Trockenfrüchte und Gemüse gemeinsam gekocht werden. Wenn alles gar ist, was gerne zwei, drei oder vier Stunden dauert, steht dieser Topf in der Mitte des Tisches und alle essen mit kleinen Stücken Brot und den Fingern daraus.

Eine Tajine mit Rindfleisch, Bohnen, Zwiebeln und Rosinen, zu der mich Freunde in Essaouira vor einiger Zeit eingeladen haben.

In Marokko wird geteilt - notwendigerweise..

Man teilt also nicht nur den Abend und den Tisch, sondern sprichwörtlich auch das Essen. Selbst an meinem morgendlichen Imbiss, mit dem meiner Meinung nach besten Omlette in ganz Essaouira, bekommen größere Gruppen immer eine große Pfanne mit Omlette und nicht jeder seine eigene.

Grundsätzlich beobachte ich in Marokko eine starke Kultur des Teilens. Notwendigerweise.

In Marokko haben die wenigsten ein Auto, viele Mopeds, noch mehr Fahrräder oder nichts davon. Auch öffentlichen Nahverkehr gibt es nicht. Und so wird Mobilität genauso geteilt wie eine Tajine. Wer mit dem Auto über Land fährt, nimmt an der Straße Wartende selbstverständlich mit - und sei es im Kofferraum oder auf dem Dach. Interessanterweise fahren die Menschen in Marokko viel mehr Taxi als in Europa. Denn Taxifahren ist günstig. Klingt verrückt, ist aber deshalb möglich, weil es so viele machen. Je mehr Menschen Taxi fahren, umso geringer die Kosten. Auch hier gilt das Prinzip der Gemeinschaft und des Teilens. In Essaouira beispielsweise gibt es einen Standardtarif. Egal wo innerhalb der Stadtgrenze ich hinmöchte, zahle ich stets acht Dirham (80 Cent). Mit der Pferde-Kutsche sogar nur zwei Dirham.

In Marokko, so wurde mir immer wieder und nicht ganz ohne Stolz erzählt, gibt es keinen Hunger. Selbst die Ärmsten der Armen, die wirklich nichts haben und am wenigsten die Hilfe ihres Staates, bekommen überall kostenlos zu essen. Bedürftigen Essen zu geben ist eine Art heilige Pflicht im Islam und sie wird in Marokko wirklich gelebt, insbesondere im Ramadan. Natürlich sind das nicht die teuren Menüs in den exklusiven Restaurants. Aber eine Suppe, ein Brot und ein gut gezuckerter Tee stillen die ärgsten Bedürfnisse.

Eines der markant blauen Taxis von Essaouira, aufgenommen von meiner Schwester, die mich vor kurzem in Essaouira besucht hat und so gute Bilder macht.

Für die nächste Geschichte.

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