Der Salon der Geschichten

Im Salon von Carlos werden nicht nur Haare geschnitten. Manche seiner Geschichten sind filmreif, findet der Friseur.

Carlos sitzt auf dem Wartesofa, blättert durch das Fotoalbum und erinnert sich an die Geschichte, wie er einst die argentinische Fußballlegende Bochini kennenlernte. Damals betrieb er eine Videothek – und auf einmal spazierte sein Idol in den Laden … Während er noch darüber sinniert, klopft Estella an die Scheibe, auf der ein großer Kopf und eine Schere abgebildet sind. Eine Klientin, die sich die schwarz-grauen Haare deutlich kürzen lassen möchte.

Carlos – gelber Strickpullover, Leopardenschal um den Hals – ist Friseur in Vicente López, in der Zona Norte von Buenos Aires, einem grünen Viertel, in dem an den Straßen viele Bäume wachsen. Von Montag bis Samstag schneidet er Haare, spricht über Neuigkeiten – und erfährt die Geschichten seiner Klienten.

Carlos schneidet Estella die Haare.

Der heilende Pater um die Ecke

Da ist etwa die Geschichte einer Künstlerin aus Córdoba, erzählt Carlos. Ihr wurde ein Vertrag in der Hauptstadt angeboten, also musste sie ihre Eltern – beide bereits in Rente – in Córdoba zurücklassen. Um ihren Vater machte sie sich besonders Sorgen: Er sei depressiv gewesen, habe wenig gegessen, das Haus nicht verlassen. Nicht einmal angerufen habe er sie.

„Kennst du nicht zufällig diesen Priester hier in der Nähe, der heilt? Ich habe von ihm gehört …", fragte die Frau – was Carlos bejahte. Pater Adrian ist nämlich ebenfalls sein Kunde: Er segnet jeden Freitagnachmittag in der ums Eck gelegenen Kirche Santo Tomás Moro die Besucher, indem er ihnen die Hand auflegt. „Viele Menschen suchen ihn auf, um geheilt zu werden", sagt Carlos.

„Ob du es glaubst oder nicht", sagt Carlos – genau in dem Moment, als die Kundin nach dem Priester gefragt hatte, habe Pater Adrian den Friseursalon betreten.

Die Frau berichtete dem Pater von ihren Problemen. Der riet ihr, ruhig zu bleiben: „Kinder sollten sich manchmal nicht in die Angelegenheiten ihrer Eltern einmischen." Jedes Paar habe seine Geschichte, seine eigenen Probleme, sagte er. Daraufhin betete er für die Eltern.

Kaum hatte der Pater den Salon verlassen, klingelte das Handy der Frau, die es kaum fassen konnte: Ihr Vater rief sie an. „Hallo, mein Kind, wie geht es dir? Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt mit deiner Mutter zu den Nachbarn gegenüber gehe, um Mate zu trinken, und dass es uns beiden sehr gut geht."

„Unglaublich", findet Carlos. Was der Pater da gemacht habe, sei ein „Akt des Glaubens".

Nur noch föhnen: Fertig ist Estellas neuer Look.

Feuerroter Rat

Manchmal wird Carlos auch mit offenen Fragen konfrontiert. Während er die Haare von Marta feuerrot färbt, erzählt er von einem jungen Franzosen, der nach Argentinien gekommen war und sich verliebt hatte. Zwei Jahre war er mit seiner Freundin zusammen, ehe sie ihn verließ.

„Oh, der Arme!", ruft Marta aus. Der Franzose habe hier keinerlei Familie, fährt der Friseur fort. Doch er sei geblieben, weil er inzwischen so gute Freunde gefunden habe. „Er hat sich in Argentinien verliebt." Nun strebe er die Staatsbürgerschaft an, sodass er als professioneller Läufer für die Nationalmannschaft an Wettkämpfen antreten kann.

Ganz zu Ende ist die Geschichte mit der Ex-Freundin allerdings noch nicht. Kürzlich habe sie ihn wieder angerufen. „Sie will nicht nur wieder mit ihm zusammen sein, sondern ihn gleich heiraten." Er bat um eine gewisse Bedenkzeit.

„Was also tun?", fragt Carlos.

Noch bevor er die Frage überhaupt zu Ende stellen kann, sagt Marta entschieden: „Das hat keinen Sinn. Keinen Sinn. Keinen Sinn. Wenn sie ihn einmal verlassen hat, wird sie ihn auch ein zweites Mal verlassen." Worauf sich der junge Mann bei einem „Ja" einlassen würde, wäre ein „Scheidungsdrama" und viel weiterer Herzschmerz.

Der Maestro in der Videothek

Seit zwölf Jahren führt Carlos seinen Salon in Vicente López. Seine Mutter, die ursprünglich aus der Provinz Catamarca im Nordwesten des Landes stammt, war ebenfalls Friseurin. Aufgewachsen ist Carlos in einem Immigrantenviertel, zusammen mit Spaniern, Italienern und Deutschen. Er erinnert sich an eine glückliche Kindheit.

Gefragt nach seinen schönsten Momenten im Leben, verweist der Friseur auf ein eingerahmtes Foto auf dem Tresen, das ihn Arm in Arm mit einem Mann mit Halbglatze zeigt. „Als ich ihn zum ersten Mal traf, war das für mich fast genauso schön wie jener Moment, als meine Kinder geboren wurden", sagt Carlos.

Von links: Carlos und die argentinische Fußballlegende Ricardo Bochini.

Es handelte sich um Ricardo Bochini. Mit 635 Spielen ist er Rekordspieler von Carlos' Lieblingsfußballverein, dem Club Atlético Independiente. Er gilt als Diego Maradonas großes Vorbild – und dieser wiederum ist Inspiration für Lionel Messi, der sich kürzlich aus der argentinischen Nationalmannschaft zurückzog.

Bochini trainierte damals eine Jugendmannschaft. Der Vater eines der Fußballschüler – ein Freund von Carlos – bat den Rekordspieler, doch einmal in Carlos' Videothek vorbeizukommen, die er damals betrieb. „Maestro", begrüßte Carlos sein Idol; er selbst spielte zu dieser Zeit noch aktiv Fußball. Die beiden umarmten sich, als würden sie sich schon ewig kennen.

„Über die Jahre habe ich gelernt: Im Leben kann alles passieren, das Schöne und das, was nicht so schön ist", sagt Carlos, der die Gemeinsamkeiten betont: „Uns allen wird dasselbe oder etwas Ähnliches passieren, das liegt in der Natur der Sache, so funktioniert es." Etwa bei der Kindererziehung: nachts aufwachen und nicht schlafen können, weil das Kind krank ist, zur Schule eilen, zur Arbeit. „Wir alle machen diese Phasen durch."

Was aber nicht heißt, dass es keine außergewöhnlichen Geschichten gibt – wie die von seinem verstorbenen Freund Eduardo. Er findet sie so besonders, dass er sie auf einem Blatt Papier aufgeschrieben hat und einem Filmregisseur anbieten möchte.

Eduardo und die weite Reise

Eduardo wuchs in Porto im Norden Portugals auf, erzählt Carlos. Seine Mutter verstarb jung, was den Vater in eine tiefe Krise brachte. Wütend auf das Leben suchte er neue Horizonte – in Südamerika, Argentinien. Der Sohn wollte Portugal nicht verlassen, er fühlte sich dort wohl, hatte Cousinen, mit denen er jeden Tag spielte. Doch er musste mit. Im Alter von acht Jahren kam Eduardo so nach Buenos Aires.

Das Leben nahm seinen Lauf. Eduardo widmete sich der Reparatur von Uhren, er heiratete, seine Frau bekam einen Sohn.

Als seine Frau schließlich 60 Jahre alt war, hatte sie einen Schlaganfall und lag fortan nur noch im Bett.

Eduardo stellte ein junges Mädchen von 15 Jahren aus dem Landesinneren an. Zwanzig Jahre lang kümmerte es sich liebevoll um die Ehefrau – bis zu deren Tod. Eduardo war ihr zutiefst dankbar.

Die Telefonnummer auf der Rückseite des Fotos

Immer wieder hatte sich der nunmehr 80-Jährige an Portugal erinnert. Nach dem Tod seiner Frau wollte er Kontakt zu seinen Cousinen aufnehmen, mit denen er seit mehr als 70 Jahren nicht gesprochen hatte. Auf der Rückseite eines alten Fotos entdeckte Eduardo die Telefonnummer des Geschäfts, das das Bild entwickelt hatte. Kurzerhand rief er an und erklärte die Situation.

Mittlerweile befand sich darin ein anderer Laden. Die Inhaber machten es sich zur Aufgabe, Eduardos Verwandte ausfindig zu machen – und fanden sie. „Die Freude war riesig", sagt Carlos. Die Cousinen luden Eduardo ein, sie in Portugal zu besuchen. Und so kam er – mit einem roten Trikot des Club Atlético Independiente, den Eduardo genauso leidenschaftlich anfeuerte wie Carlos – am Flughafen an.

Zunächst war niemand da, um ihn abzuholen. „Sie hatten wohl erwartet, einen Mann am Stock vorzufinden, der kaum noch gehen konnte. Aber Eduardo war fit", sagt Carlos. Schließlich kam eine Frau näher: eine seiner geliebten Cousinen. Sie verbrachten einen ganzen Monat zusammen.

Insgesamt dreimal besuchte Eduardo so seine Familie in Portugal – bis seine Cousinen ihn baten, dauerhaft bei ihnen zu bleiben. Sie waren wohlhabend und hätten ihm Wohnung und Auto zur Verfügung gestellt.

Bleiben oder gehen?

In Buenos Aires lebte die Pflegerin, die über die Jahre Teil der Familie geworden war, weiterhin in seinem Haus. Sie hatte außer dieser Familie nichts und niemanden. Und dann war da noch Eduardos Sohn: ambitioniert, unsensibel, nie hatte er sich um seine kranke Mutter gekümmert. Wenn Eduardo nach Portugal ziehen würde, würde der Sohn die junge Frau auf die Straße setzen – spätestens nach seinem Tod, glaubte Eduardo. Also lehnte er das Angebot seiner Cousinen dankend ab und blieb in Buenos Aires.

Daraufhin schlug er der jungen Frau vor, sie zu heiraten – damit sie auch nach seinem Ableben ein Dach über dem Kopf hat. Gesagt, getan. Kurze Zeit später verstarb Eduardo. Seine Witwe lebt bis heute im Haus.

Eduardo schlug ein Leben, das er sich schon immer gewünscht hatte, aus – aus Dankbarkeit der jungen Frau gegenüber.

'Gute Stimmung', darauf legt Carlos in seinem Salon wert.

„Die Liebe gewinnt immer", sagt Carlos. „Es ist die mächtigste Energie, die der Mensch hat."

Nicken. Einen Moment lang ist es still im Friseursalon.

Dann fällt Carlos schon die nächste Geschichte ein.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Auf der Suche nach einem Friseur in Buenos Aires entdeckte ich Carlos' Salon. Während er meine Haare schnitt, erzählte er mir gleich mehrere Geschichten, die mich zum Staunen brachten. Später kam ich noch einmal zurück, um noch mehr seiner Erzählungen anzuhören. Seinen Klienten, die währenddessen zum Schneiden und Färben kamen, verkündete er augenzwinkernd, wir würden uns ausschließlich auf Deutsch unterhalten. Tatsächlich sprachen wir Spanisch – und mittlerweile hat der in Buenos Aires gesprochene Rioplatense-Dialekt auf mich abgefärbt: Ich sage etwa „vos" (statt „tú") für „du" und verwende vermehrt „sch"-Laute.

Mir gefällt Carlos' Lebenseinstellung. Er sagt etwa: „Den Glauben und die Hoffnung darf man niemals verlieren. Sie sind der Antrieb, um weiterzumachen."

Für die nächste Geschichte.

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